Interview

Hagener Türkeiexperte: „Erdogans Arm reicht bis Hagen“

Bernd Liedtke ist politischer Berater und Türkei-Experte.

Bernd Liedtke ist politischer Berater und Türkei-Experte.

Hagen.   Türkeiexperte Dr. Bernd Liedtke, ehemals Polizeidirektor in Hagen, äußert sich im Interview zur Rolle der UETD und ihren konservativ-islamischen Zielen.

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Dr. Bernd Liedtke war bis 2014 Polizeidirektor in Hagen und somit der hochrangigste Beamte in der Stadt. Noch während seiner Dienstzeit schrieb er seine Doktorarbeit zum Thema „Entwicklung, Wandlung und Perspektiven Innerer Sicherheit in der Türkei“ und trägt seitdem den Spitznamen „Dr. Türkei“. Nach seiner Pensionierung machte sich Liedtke als politischer Berater sowie Integrations- und Türkei-Experte selbstständig.

Ein Hagener UETD-Vertreter ist für den Pro-Erdogan-Protestzug am Sonntag in Köln verantwortlich. Wofür genau steht die UETD?

Dr. Bernd Liedtke: Ich kenne die Hagener UETD noch aus meiner Zeit als Polizeibeamter, diese Organisation steht voll und ganz hinter Erdogan und der AKP. Ihre Mitglieder sind sogar ergebenere Anhänger des Präsidenten als dessen Gefolgsleute im eigenen Land. Wenn die UETD behauptet, sie sei für die Demokratie, dann steht dahinter jenes Demokratieverständnis, das wir derzeit in der Türkei erleben.

Welche Rolle spielt die Religion?

Liedtke: Wir sollten die rosarote Brille absetzen. Die UETD steht für eine konservativ-islamische Gesellschaft, aber auch die Gülen-Bewegung hat ihre Anhänger in Deutschland und plädiert unter dem Deckmantel der Bildung für eine Art islamischer Demokratie.

Was bedeuten die Ereignisse in der Türkei für die Türken hier bei uns?

Liedtke: Der Riss zwischen Erdogan-Anhängern und der Gülen-Bewegung geht quer durch die Familien. Ich habe gute Verbindungen zur türkischen Community, ich weiß von Beschimpfungen zwischen Eheleuten, Eltern und Kindern, Eltern und Schwiegereltern. Auch in den Moscheen wird genau geschaut, wer auf wessen Seite steht. Vor allem für die Erdogan-Gegner ist das eine Belastung.

An der Hagener Ditib-Moschee hing ein Schild: „Verräter kommen hier nicht rein.“

Liedtke: Ich weiß, und die Ditib hat sich davon distanziert. Das ist nichts anderes als der berühmte Mantel der Verschleierung. Natürlich steht auch die Ditib für den starken Arm Erdogans, der eben nach Hagen hinein reicht. Seine islamischen Anhänger hierzulande sehen sich als Stellvertreter seiner Politik.

In Hagen leben auch viele Kurden.

Liedtke: Seitdem Erdogan den Krieg gegen die Kurden im vergangenen Jahr noch einmal verstärkt hat, hat sich deren Lage verschlimmert. Es ist entsetzlich, ihre Menschenrechte werden völlig ignoriert. Und die Kurden in Deutschland, die sich als Stellvertreter ihrer Landsleute in der Heimat sehen, haben es jetzt noch schwerer, auf deren grässliche Lage aufmerksam zu machen. Ähnlich ergeht es der alevitischen Gemeinschaft.

Müssen unserer Politiker, müssen wir alle unser Verhältnis zu den Türken neu definieren?

Liedtke: Ich mag die Türkei und es tut mir weh zu sehen, welches System dort jetzt aufgebaut wird. Die Erdogan-Gegner werden gefoltert und vermutlich auch ermordet. Dennoch sollten wir die Türkei jetzt nicht als Urlaubsland boykottieren. Und ich plädiere auch dafür, den Dialog zu verstärken. Allerdings müssen wir auch hier in Hagen klar Position beziehen für Freiheit und Demokratie, für unsere Werte.

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