Das hat Hagen

Hagens Steinbrüche sind von Weltruf, aber vor Ort verkannt

Das Fossil einer Ur-Libelle aus dem Vorhaller Steinbruch. Es ist etwa 320 Millionen Jahre alt.

Das Fossil einer Ur-Libelle aus dem Vorhaller Steinbruch. Es ist etwa 320 Millionen Jahre alt.

Foto: Michael Kleinrensing

Hagen.   Kaum eine Stadt ist so ein Eldorado der Geologie wie Hagen. Doch der Weltruf der Volmestadt unter Forschern ist in Hagen selbst kaum bekannt.

Es ist ein Thema, bei dem Hagen europaweit zu den interessantesten Adressen gehört, das aber auch sehr stiefmütterlich in der eigenen Stadt behandelt wird. Hagen ist ein Eldorado der Geologie. Kaum eine andere Stadt bietet so viele Geotope, so viele Fundstellen und so viele Zeugnisse der Entstehungsgeschichte unseres Planeten. Ein Gespräch mit der Geologin Antje Selter, die mit großer Geduld für dieses Hagener Alleinstellungsmerkmal kämpft.

Sie könnte die wichtigen Geotope in Hagen aufzählen. Die Gebilde der unbelebten Natur, die Einblicke in die Erdgeschichte, einschließlich der Entstehung und Entwicklung des Lebens auf der Erde liefern. Die Steinbrüche in der Donnerkuhle, auf Emst oder in Vorhalle (sogar Nationales Geotop). Oder die unter Forschern weltbekannten Felswände am Kaisberg, an der Hünenpforte oder am Heubing. Selter fasst aber eine große Klammer um das Stadtgebiet. Sie sagt: „Man kann zum einen vom Schiffswinkel am Hengsteysee bis zum Steinbruch nach Ambrock sehr genau die Entstehung des rheinischen Schiefergebirges nachvollziehen.“ Und dann schiebt sie einen fast schon bedrohlich klingenden Nachsatz hinterher: „Es gibt eine sichtbare Stelle in Hagen, die eines der fünf großen Massensterben dokumentiert, die es auf der Erde gegeben hat – und wir steuern aktuell auf ein sechstes zu.“

Die Devon-Karbon-Grenze

Selter meint die sogenannte Devon-Karbon-Grenze im Hasselbachtal. Sie ist dort heute an einem Felsvorsprung in Form einer dünnen schwarzen Schicht sichtbar, die einen hohen organischen Anteil besitzt. Sie ist Zeugnis für ein Massensterben vor 358 Millionen Jahren auf der Erde. 50 Prozent der Lebewesen starben damals aus. „Eine solche Stelle gibt es nur dreimal auf der Welt. Eine in China, eine in Frankreich und eine bei uns in Hohenlimburg. In China und Frankreich führen sechsspurige Autobahnen zu diesen Punkten. Sie sind Publikumsmagneten. Bei uns weiß das kaum jemand.“

Zu der Unbekanntheit dieser Stelle kommt das Problem, dass das Gelände, auf dem sie sich befindet, in der Hand eines privaten Eigentümers liegt, der bislang kein großes Interesse bekundet haben soll, die geologisch so wichtige Stelle publikumswirksam zu vermarkten und begeh- und erlebbar zu machen. Selter: „Alle Welt diskutiert über den Klimawandel. An dieser Stelle im Hasselbachtal wird deutlich, was der Klimawandel wirklich anrichten kann. Die Stelle ist wichtig für die Diskussion auf unserem Planten, hinter der die Frage steht: Können wir überleben?“

Vor 390 Millionen Jahren lag Hagen an der Südküste des Nordkontinentes von „Laurussia“ (auch Euramerika genannt), einer von vier größeren zu dieser Zeit bestehenden Landmassen auf dem Planeten. „Im Steinbruch in Ambrock findet man die Spuren des Übergangs vom marinen Leben zum Leben an Land. Hier sind beispielsweise Spuren des Quastenflossers zu finden.“ Und so ist an vielen weiteren Stellen in der Stadt immer wieder erkennbar, wo sich Hagen in der Erdgeschichte einst befand.

Hagen lag mal in Südafrika

Zur Einordnung: Vor 380 Millionen Jahren lag Ambrock auf der Höhe des heutigen Südafrika. Im heutigen Hagener Süden lag damals ein gewaltiges Korallenriff, dass man heute fossil als Massenkalk dort findet. Es zog sich von Wuppertal bis Warstein. Ähnlich wie das Great Barrier Reef.

Vor 317 Millionen Jahren lag Hagen an der Stelle, wo sich heute Nordafrika befindet. Auf der gleichen Höhe wie die „Everglades“ heute, das tropische Marschland im Süden Floridas. In Hagen entstand in dieser Zeit eine Lagunenlandschaft.

„Genau diese Phase ist im Vorhaller Steinbruch dokumentiert. Dort wurden bei Grabungen 16 000 Fossilien aus dieser Zeit gefunden, die heute im Naturkundemuseum Münster ausgestellt sind“, sagt Selter. Hagen hatte es verpasst, die Funde für sich und zur eigenen Präsentation zu sichern.

Wenige Exemplare sind im Museum für Ur- und Frühgeschichte in Werdringen zu sehen.

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