Interview

Harald Fichtl gibt in Hagener Papierfabrik die Richtung vor

Harald Fichtl, Geschäftsführer der Kabel Premium Pulp & Paper GmbH.

Foto: Michael Kleinrensing

Harald Fichtl, Geschäftsführer der Kabel Premium Pulp & Paper GmbH. Foto: Michael Kleinrensing

Kabel.   Mit dem neuen Geschäftsführer Harald Fichtl hat eine veränderte Firmenphilosophie Einzug gehalten in der traditionsreichen Papierfabrik Kabel.

Harald Fichtl (54) ist seit September Geschäftsführer der Papierfabrik Kabel Premium Pulp & Paper GmbH. Das neu gegründete Unternehmen kaufte das Werk im vergangenen Jahr dem finnisch-schwedischen Konzern Stora Enso ab, zu dem es seit 1990 gehörte. Die Tradition der Papierproduktion in Kabel ist aber viel älter, gegründet wurde die Fabrik bereits 1896. Ab 1959 gehörte sie zur Feldmühle AG. Das Unternehmen macht heute einen Jahresumsatz von 250 Millionen Euro und produziert vornehmlich hochwertige Kataloge, Zeitschriften, Broschüren und Faltblätter.

Der Besitzerwechsel war von einer deutlichen Aufbruchstimmung geprägt. Hat sich die gehalten?

Harald Fichtl: Nach meinem Eindruck: ja. Die neuen Eigentümer haben die Fabrik in Form eines Asset-Deals aus dem Stora-Enso-Konzern herausgekauft. Das bedeutet, dass wir das Grundstück, die Maschinen und die Menschen, die diese Maschinen bedienen, ebenso wie Kunden- und Lieferantenbeziehungen „erworben“ haben, aber vieles andere nicht. Es war eben keine Komplettübernahme.

Können Sie das erläutern?

Fichtl: Es existierten nach wie vor Dienstleistungsvereinbarungen mit dem Stora-Enso-Konzern, es gelten Übergangsvereinbarungen. So hat der Konzern bis Ende Oktober noch Güter für uns verkauft, der zentrale Holzeinkauf war formaljuristisch sogar bis 31. Dezember für uns tätig. Das hatte natürlich Konsequenzen, nicht zuletzt für die wettbewerbsrechtliche Seite.

Haben Sie sich inzwischen vollständig von Stora Enso gelöst?

Fichtl: Ja, und das war ein spannender, intensiver Prozess. Um auf Ihre Eingangsfrage zurückzukommen: Wir sind frisch, wir sind neu, uns gibt es ja erst seit sechs Monaten, und das spürt man im Team. Und wir haben in den ersten 60 Tagen 60 neue Mitarbeiter rekrutiert. Im Werk sind jetzt 560 Menschen beschäftigt.

Das bedeutet ja einen neuen Angestellten pro Tag...

Fichtl: Ziehen Sie mal die Sonn- und Feiertage ab, dann liegt der Wert noch höher. Wir brauchten diese Menschen in kürzester Zeit. Das funktioniert nur über persönliche Netzwerke; wenn Sie erst einen Personalvermittler zwischenschalten, dauert das bisweilen drei Monate, und die Zeit hatten wir nicht.

Wo Personalsuche ohnehin eine schwierige Aufgabe ist.

Fichtl: Es war eine echte Herausforderung, das kann ich Ihnen versichern. Nehmen wir mal den Verkaufsinnendienst. Stora Enso hatte mehrere Customer Service Center, von denen aus die Kunden je nach Land betreut wurden. Der deutsche Markt wurde von Karlsruhe aus betreut, Skandinavien und Übersee von Schweden aus, Benelux und Frankreich von Belgien aus. Für uns galt es nun, neues Personal mit muttersprachlichen Kenntnissen für die Kunden im jeweiligen Land zu finden, und Innendiensterfahrung sollte nach Möglichkeit auch hinzukommen.

Und der Einkauf?

Fichtl: Beispielsweise mussten wir die Holzversorgung neu aufsetzen. Wie gesagt, bis Ende 2016 hat das der Konzern als Dienstleister für uns gemacht, aber mit Beginn des neuen Jahres hat das ein kleines, effizientes Team in die Hand genommen. Unser eigenes Team.

Das ist vermutlich komplizierter als ein Einkauf im Supermarkt?!?

Fichtl: Vor allem weil der Zeitraum so knapp bemessen war. Mit der Schaffung der neuen Strukturen wurde das Holz sofort hier verbucht – mit all den Verknüpfungen in der Buchhaltung, die dazu notwendig sind. Es war eminent wichtig für uns, die Versorgung mit Rohstoffen, also auch mit Bindemitteln, Stärke, Pigmenten, Zellstoff und all den Hilfsmitteln, die man sonst noch für die Papierherstellung benötigt, sicherzustellen.

Jetzt steht Kabel Premium buchhalterisch auf eigenen Beinen?

Fichtl: Noch nicht vollständig, wir sind dabei, eine eigene IT-Welt zu schaffen. Im Stora-Konzern war ja alles durch Vorgaben aus der Zentrale gesteuert. Vor Ort in Kabel gab es zwar eine Rumpfbuchhaltung und ein Controlling, aber alles andere war über Konzernfunktionen abgebildet. Die komplette Verselbstständigung unserer Unternehmenssoftware ist eine der großen Herausforderungen im Jahr 2017.

Es gab also eine doppelte Kostenstruktur?

Fichtl: Für einen Übergangszeitraum: ja. Stellen Sie sich vor, Sie kaufen ein neues Mobiltelefon, hängen aber vertraglich noch an Ihrem bisherigen Anbieter. So in etwa war das bei uns. 2016 war ein sogenanntes Rumpfjahr für uns. Wir haben es den Erwartungen entsprechend abgewickelt und mit einem positiven Ergebnis abgeschlossen.

Wie positiv denn?

Fichtl: Dazu möchte ich nichts sagen, da die Wirtschaftsprüfer noch an der Auditierung arbeiten.

Ist es mühsam, den neuen Namen am Markt zu etablieren?

Fichtl: Der Name Hagen-Kabel geht ja viel weiter zurück als in die Stora-Enso-Zeit, er ist ein Begriff in der Papierindustrie. Kabel Premium ist wie ein neues Messingschild an einem Haus, in dem mit gleichbleibend hoher Qualität produziert wird. Außerdem haben wir intensives Marketing betrieben, die Corporate Identity stimmt einfach. Nebenbei gesagt: Den Schriftzug an Fabrik und Eingangsbereich hatten wir nach zehn Tagen umgestaltet.

Wie wichtig ist eine einheitliche Außendarstellung in der Papierbranche?

Fichtl: In Zeiten der Massenproduktion, in denen wir leben, erzeugt man Kundenbindung vor allem durch Service. Und wir bekommen ein sehr positives Feedback von unseren Kunden und Agenten.

Die Papierherstellung ist energieintensiv. Welche Rolle spielt die Ökologie?

Fichtl: Ökologie ist ein wichtiges Thema. Wir verfolgen täglich unsere Umweltwerte. Was das Thema Energie angeht, hängen wir stark von den Entscheidungen im politischen Berlin ab. Die Energiepreisentwicklung ist für uns überlebenswichtig. Wenn wir die Energiekosten in Europa vergleichen, so gibt es deutliche Unterschiede – wir in Deutschland haben relativ hohe Kosten. Die Rahmenbedingungen müssen stimmen, sonst hat ein deutscher Standort keine Chance.

Denken Sie nicht darüber nach, Altpapier als Rohstoff einzusetzen?

Fichtl: Es ist ein Irrglaube, dass für uns die Wälder abgeholzt werden. Ich bin froh, dass wir Durchforstungsholz verwenden, vor allem Baumstämme zwischen sieben und 25 Zentimetern Durchmesser. Was das Altpapieraufkommen angeht, so droht ein Verknappungsszenario. Die Rohstoffpreise werden steigen, die Qualität sinken. Gott sei Dank ist unsere Exposition auf diesem Marktsegment gering.

Würden Sie sagen, Premium Kabel hat eine neue Firmenphilosophie an die Lenne gebracht?

Fichtl: Was den Vergleich mit den vorherigen Konzernstrukturen angeht: auf jeden Fall. Vorher wurde hier ein vorgefertigtes Kantinenmenü hergestellt, das für alle gleich war. Jetzt lernen wir selber zu kochen – mit allen Konsequenzen.

Es kann auch mal nicht so gut schmecken?

Fichtl: Durchaus. Aber der entscheidende Unterschied ist doch, dass es lokal beinahe keine Entscheidungskompetenz gab, alles, was über den operativen Bereich hinausging, wurde anderswo entschieden. Jetzt sind die Entscheidungswege kurz. Ich bin der alleinige Geschäftsführer. Das bedeutet freilich nicht, dass ich einsame Entscheidungen treffe. Ich gebe die Route vor, aber wir entscheiden im Team. Der Zusammenhalt in der Belegschaft ist groß.

Wie definieren Sie Ihre Chefrolle? Wie sehen Sie sich?

Fichtl: Als ansprechbarer Mensch. Meine Tür steht jedem Mitarbeiter offen, auch ein einfacher Arbeiter kann mich anrufen, wenn er ein Problem hat. Aber ich verlange auch, dass jeder an seiner Position mitkämpft, dass wir unsere Ziele erreichen. Das ist wie beim Zahnrad, die großen und die kleinen Zähne müssen zusammenlaufen, damit die Kraftübertragung gelingt.

Warum hat Stora Enso die Kabeler Fabrik überhaupt verkauft? Was meinen Sie?

Fichtl: Der Hauptgrund war wohl, dass der Konzern nicht wirklich mit dem Profit zufrieden war und sich neu ausgerichtet hat. Wir wollen natürlich auch gutes Geld verdienen, sehen aber andere Zukunftschancen. Für die nächsten Jahre sind Investition jenseits der 15-Millionen-Euro Grenze geplant. Als mittelständisches Unternehmen pflegen wir eine ganz andere Denkweise als ein Weltkonzern.

>> Hintergrund: Harald Fichtl

  • Harald Fichtl stammt aus Schongau im bayerischen Pfaffenwinkel, lebt aber seit 15 Jahren mit seiner Familie in der Schweiz.
  • Der 54-jährige Manager wohnt unweit der Kabeler Fabrik. An den Wochenenden fliegt er zumeist von Düsseldorf aus nach Hause.
Mehr zum Thema
Auch interessant
Leserkommentare (0) Kommentar schreiben
    Aus der Rubrik