Diegel-Porträt

Helmut Diegel - Mit nur einem Handy raus aus dem Hamsterrad

Im Gespräch mit WP-Redakteur Martin Weiske gibt Hemut Diegel interessante Einblicke in sein neues Leben.

Im Gespräch mit WP-Redakteur Martin Weiske gibt Hemut Diegel interessante Einblicke in sein neues Leben.

Foto: WP Michael Kleinrensing

Hagen.  Bei einer Wanderung über den Drei-Türme-Weg blickt der Hagener Polit-Profi Helmut Diegel nach einer Nahtod-Erfahrung auf sein neues Leben.

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Das Profil seiner Wanderschuhe trotzt dem seifigen Untergrund des feuchten Laubes. Den ersten Anstieg vom Bismarckturm hinauf zum Beton-Riesen der Telekom nimmt er ohne Atempause. Bei einem 58-Jährigen, stets rastlosen Nichtraucher, dem Zwölf-Stunden-Arbeitstage nie fremd waren und der immer aktiv Sport gemacht hat, eigentlich kaum erwähnenswert.

Persönlicher Fokus neu justiert

Doch vor einem halben Jahr konnte Helmut Diegel nicht einmal mehr 100 Meter am Stück bewältigen. Nach einer prägenden Nahtod-Erfahrung war der Hagener CDU-Politiker unten. Ganz unten. Irgendwo zwischen Himmel, Hades und Hoffen. Von 110 auf 0 Prozent.

Das dramatische Erlebnis zwingt den ehemaligen Arnsberger Regierungspräsidenten, der zuletzt als Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer in Bochum sein Geld verdiente, dazu, seinen persönlichen Fokus neu zu justieren. Andere Prioritäten setzen, den Rhythmus verändern, Alltagsballast abwerfen, zu sich selber finden. Und Geduld lernen.

Bei einem zweistündigen Streifzug an diesem Dezember-Morgen erlaubt Helmut Diegel einen ungewöhnlichen Einblick in sein neues Leben. Dieses fußt zwar auf seinem ihm vertrauten Erfahrungsschatz, soll aber dennoch nicht im selben Hamsterrad enden: „Wer eine so optimale Genesungsprognose wie ich erhält, muss für sich ganz persönlich herausfinden, ob er sich erneut schädigt oder diese zweite Chance einlösen möchte.“ Er hat sich für das Ticket zurück ins Leben entschieden.

Plötzlich packte Helmut Diegel die Atemnot

Es war der 14. Mai. Morgens um 8 Uhr galt es für den leicht erkälteten Diegel, einige IHK-Gäste aus Großbritannien mit einem Frühstück im Park-Inn-Hotel in Bochum zu verabschieden. Plötzlich packte ihn leichte Atemnot, so dass er sich auf die Toilette im Untergeschoss zurückzog, um in Ruhe etwas Luft zu holen. Vergebens. „Ich kam nicht mehr hoch. Ich spürte, jetzt passiert gleich was. Immer wieder habe ich versucht, meine letzten Kräfte zu bündeln – ich weiß nicht wie oft und wie lange. Letztlich habe ich mich wieder hoch geschleppt.“

Mit einer plumpen Ausrede – keinesfalls die feine englische Art – kehrte er der Delegation von der Insel den Rücken, informierte seine Freundin Sabine und fuhr sogar noch selbst nach Hause. Dort angekommen, zögerte seine Lebensgefährtin keine Sekunde und chauffierte ihn zu seinem Hausarzt nach Dortmund. Während der Mediziner sich im Nebenraum noch um einen anderen Patienten kümmerte, wurde bereits Diegels Blut untersucht – ohne Befund. An die bange Frage des Arztes „Mensch, Herr Diegel, was ist denn?“ kann er sich noch erinnern. Danach Filmriss und ein Ausflug in fremde Sphären.

Helmut Diegel und der Blick auf Blumenmeer und verschneite Berge 

„Bei allem, was ich angerichtet haben könnte: Zumindest nach dem damaligen Stand komme ich nicht in die Hölle“, erzählt der sonst eher sachorientierte, kopflastige Jurist von einem Nahtoderlebnis, das angesichts eines gefühlten Kitsch-Faktors ebenso aus der Fantasie-Welt eines Hedwig-Courths-Mahler-Romans entstammen könnte. „Ich wach auf, wie in einem Traum, und blicke auf ein riesiges Meer an Blumen. Richtig weit. Plötzlich Bäume, Äpfel – hört sich vielleicht doof an – wie im Paradies. Dahinter Berge mit Schnee und allem Drum und Dran. Ich stehe da und genieße den Moment, der mir richtig gut tut.“

Plötzlich berührt ihn die Hand seiner Partnerin und fordert ihn auf, sich umzusehen: „Ich denke, das kann nicht wahr sein. Hunderte von Menschen. Alle, die ich kannte. Und ich sage zu denen: Was wollt ihr denn hier? Keiner sagt etwas. Und dann habe ich mich wieder umgedreht und das einfach genossen. Ich weiß gar nicht wie lange. Bis ich dann im Notarztwagen wieder aufwachte.“

Doppeltes Glück sicherte Diegels Überleben

Ein Blick in den Garten Eden? Eine paradiesische Wahrnehmung an der Nahtstelle zwischen dem irdischen Sein und der Ewigkeit? „Total befreiend, total glücklich, kein Ballast, kein Stress, fast schwebend.“ Diegel sucht nach angemessenen Begriffen. „Wenn ich tatsächlich eines Tages sterbe, dann wünsche ich mir diesen Tod: Erstens geht das schnell, und zweitens scheine ich auf dem richtigen Weg zu sein“, formuliert er seine inzwischen wieder eher rational geprägte Betrachtungsweise.

Doppeltes Glück sicherte sein Überleben: Zunächst einmal gibt es unpassendere Orte für einen schweren Herzinfarkt als die Praxis eines Mediziners. Wenn dieser dann auch noch der eigene Hausarzt ist, in Sekundenschnelle professionell funktioniert und zudem einen Defibrillator griffbereit beherrscht, zeigt das Schicksal sein gnädigstes Gesicht. „Das ist mehr Wert als jeder Lottogewinn“, fand Diegel sich nahtlos im Dortmunder St.-Johannes-Hospital auf dem OP-Tisch von Prof. Hubertus Heuer wieder.

Zur Untätigkeit verdammt

„Ich habe zwar mein 25-jähriges Dienstjubiläum, aber Sie kriegen wir heute auch noch hin“, moderierte der Spezialist seinerzeit den akuten Vorderwand-Eingriff am Herzen an. Eine prägnanter Satz, an den sich der 58-jährige Patient auch am nächsten Tag noch erinnern konnte. Für den Operateur der Beweis, dass die Synapsen im Hirn den Infarkt unbeschadet überstanden haben.

Doch mit dem Augenöffnen im Aufwachraum beginnt für Diegel noch längst nicht der mühsame Reha-Weg zurück ins Leben. Um den angeborenen, genetisch vererbten Defekt am Herzmuskel endgültig zu beseitigen, muss drei Monate später – andernfalls wäre das Risiko des Eingriffs zu hoch gewesen – noch eine Hinterwand-OP folgen. „Eine Zeit, in der ich zur Untätigkeit verdammt war“, erinnert sich Diegel. „Aber ich konnte ohnehin keine hundert Meter mehr am Stück laufen.“

Zeit zur Orientierung

Geduld ist gefragt. Keine seiner Stärken. Aber auch eine Chance, Perspektiven abzuschätzen, Ziele zu definieren, Motivation zu tanken und die Zwangspause zum Nachdenken zu nutzen. „Sie brauchen ein Jahr, vielleicht auch anderthalb, wenn Sie unserem Rat folgen“, versprechen ihm die Mediziner, „aber dann werden Sie – weil Sie sofort wiedergeholt wurden – auch wieder zu 100 Prozent hergestellt sein.“ Ansporn genug für einen Menschen, der schon als Kind immer diszipliniert genug war, vor dem Spielen erst seine Hausaufgaben zu erledigen.

„Drei Handys in der Tasche – das geht so nicht weiter“, begreift Diegel die Botschaft der Ärzte und trennt sich prompt von zwei Telefonen, gibt im August seinen Job als IHK-Hauptgeschäftsführer auf und konzentriert sich von Stund an ganz auf seinen ambulanten Reha-Prozess. „Die sind dort auch erstaunt, dass ein Patient tatsächlich diszipliniert jeden Tag erscheint und sein Programm drei bis vier Stunden akribisch durchzieht. Da bin ich wie Schweinsteiger: Der weiß auch, dass er nur dann noch ein paar Jahre weitermachen kann, wenn er sich an die Vorgaben hält.“

Seine bereits erworbenen Versorgungsansprüche aus der Landtags- und Regierungspräsidenten-Ära machen es ihm materiell leicht, sich für die notwendige Zeit komplett zurückzunehmen.

Kopf darf Körper nicht zu Tode reiten 

„Ohne Druck merke ich plötzlich, in welchem Hamsterrad ich mich bewegt habe. In der Reha habe ich gelernt, dass man mit zunehmendem Alter darauf achten sollte, dass der Kopf den Körper nicht zu Tode reitet.“ Ein einprägsames Bild, das auch aus einem Wildwest-Lassiter-Groschenroman stammen könnte, in dem der Held solange im Sattel durch die Prärie galoppiert, bis sein Pferd erschöpft zusammenbricht. Für Diegel ein Schutz, nicht wieder in den alten Rhythmus zu verfallen.

Alte Weggefährten suchen wieder seinen Rat

Doch sein massiver Kokon, der den Polit-Profi über Monate vor den Begehrlichkeiten der Außenwelt schützte, wird brüchiger. Alte Weggefährten suchen längst wieder seinen geschätzten Rat, die Situation in der Hagener CDU treibt ihn immer öfter um. Als er beim jüngsten Kreisparteitag aufsteht, um durch seinen Redebeitrag dem Kreisvorsitzenden den Rücken zu stärken, werden seine Äußerungen bereits als Bewerbungsrede für eine Landtagskandidatur interpretiert. Der seit seinen Junge-Union-Tagen geachtete, aber auch gefürchtete Strippenzieher und Polit-Stratege der Hagener CDU habe eben nichts verlernt, wird spekuliert: „Diegel is back.“

„Auf gar keinen Fall“, schließt er diesen Schritt angesichts seiner aktuellen Lebenssituation im Moment aus. Ihm sei es lediglich völlig unambitioniert darum gegangen, dass die innerparteilichen Gräben in der Hagener CDU sich nicht zu einem Riss à la SPD auswachsen. „Vielmehr müssen wir über Fraktionsgrenzen hinweg als Hagener wieder zusammenstehen, um die Stadt voranzubringen“, schaltet er schon wieder routiniert in den Politiker-Jargon um.

Über Mülheim und Balve nach Bochum

Zwar zog es ihn nach 50 Jahren als Hagener über Mülheim und Balve inzwischen nach Bochum. „Aber ich war nie weg.“ Selbst seine nach außen gelebten Konflikte als Arnsberger Regierungspräsident mit dem damaligen OB Peter Demnitz seien nicht nur, aber auch Teil einer Inszenierung gewesen, um hinter den Kulissen Wesentliches unter der Hand regeln zu können. Und zwar ohne den Eindruck einer Hagener Begünstigung entstehen zu lassen.

Vorbei. Heute steht die Genesung im Mittelpunkt. Leidenschaft für andere Dinge lässt Diegel nicht zu. Noch nicht. „Vielleicht im Sommer, vielleicht erst Ende 2015, vielleicht ein Halbtagsjob. Ich weiß es nicht. Ich habe keinen Druck“, formuliert er gelassen und atmet die feucht-kühle Dezember-Luft in seine Lungen. „Als ich gerade zum Bismarckturm kam, habe ich noch gedacht: Eigentlich müsstest du deiner Freundin mal zeigen, wie schön es in Hagen ist.“ Gelassenheit – die hat für Helmut Diegel 2014 Priorität. Und in alle Zukunft.

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