Hagener Wohnungsmarkt

HGW-Chef Boksteen schlägt eine Stabsstelle beim OB vor

Die GWG-Häuser an der Eugen-Richter-Straße gelten als Paradebeispiel für gelungene Stadterneuerung.

Foto: Michael Kleinrensing

Die GWG-Häuser an der Eugen-Richter-Straße gelten als Paradebeispiel für gelungene Stadterneuerung. Foto: Michael Kleinrensing

Hagen.   Hagen braucht dringend eine Strategie zur Stabilisierung des Wohnungsmarktes. HGW-Chef Boksteen erwartet, dass die Stadt Lösungen erarbeitet.

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Die Situation am Wohnungsmarkt entwickelt sich zu einem der bedeutendsten Stadtentwicklungspolitischen Themen. Eine Studie von Prof. Dr. Guido Spars hatte im Dezember vergangenen Jahres aufgezeigt, dass dem Mietwohnungsmarkt angesichts der bedrohlichen Leerstandsquote (7 Prozent) der Kollaps drohe, wenn nicht umgehend und koordiniert gegengesteuert werde.

Dazu empfahl der Wissenschaftler der Uni Wuppertal zu durchaus drastischen Mitteln wie dem Abriss von 3500 Wohnungen innerhalb von zehn Jahren zu greifen. Doch außer Bekenntnissen, sich der Thematik annehmen zu wollen, ist bislang wenig passiert.

Einer der größten Wohnungsanbieter in Hagen

Die Hagener Gemeinnützige Wohnungsgesellschaft (HGW), die mit gut 5100 Wohnungen zu den größten Anbietern im Stadtgebiet gehört, hatte die Marktuntersuchung seinerzeit gemeinsam mit der Stadt finanziert. Geschäftsführer Dr. Marco Boksteen skizziert im Gespräch mit dieser Zeitung seine Vorstellungen, wie in seinen Augen mit den Ergebnissen der Studie umgegangen werden müsse.

Warum haben Sie das Thema Wohnungsmarktstudie überhaupt angestoßen? Sind die Probleme tatsächlich so gewaltig?

Marco Boksteen: Wir haben in der Vergangenheit festgestellt, dass über einzelne Probleme und Projekte gesprochen wird, aber das große Ganze für die Stadt wurde nie sichtbar. Wir wussten zwar, dass wir uns von altem Bestand in schlechten Lagen, an Hauptverkehrsstraßen, an Bahnlinien oder neben Produktionsstätten mittelfristig trennen müssen. Aber da stößt man aus wirtschaftlichen Gründen auch als große Wohnungsgesellschaft schnell an Grenzen. Schließlich vernichtet man hier Kapital und muss zudem noch den Abriss finanzieren. Vor diesem Hintergrund haben wir vor vier Jahren das Gespräch mit dem NRW-Städtebauministerium gesucht, um uns nach ostdeutschem Vorbild nach Rückbauförderung ohne Neubauverpflichtung zu erkundigen. Dort zeigte man sich dieser Thematik durchaus aufgeschlossen, falls es eine empirische Grundlage gebe, die eine kritische Situation vor Ort und damit die Notwendigkeit belegt. Das war für uns der Anstoß, eine solche Untersuchung zu initiieren, um eine Argumentationsgrundlage für politische Forderungen an das Land oder den Bund zu haben.

Haben Sie mit diesem alarmierenden Resultat der Studie gerechnet?

Nein, das Ergebnis in dieser Deutlichkeit hat mich überrascht. Dennoch muss man mit Unangenehmem auch ehrlich umgehen.

Was meinen Sie damit? Der Handlungsdruck, so Prof. Spars, ist offenkundig immens . . .

Meines Erachtens ist die Wohnungsmarktsituation das wichtigste Thema in dieser Stadt. An der Quartiersentwicklung in den Stadtteilen hängt alles dran. Die Hagener Wohnungsgesellschaften, die sich regelmäßig austauschen und über reichlich Know-how verfügen, haben dies bereits erkannt, und es wird ja auch schon viel gemacht. Jetzt gilt es, dieses Potenzial in den städtischen Prozess einzubringen. Denn wir brauchen eine Gesamtbetrachtung der etwa 100 000 Wohnungen in Hagen, um Investitionen gezielt zu steuern. Die größte Herausforderung besteht darin, sämtliche Protagonisten am Hagener Wohnungsmarkt – also vom einzelnen Immobilienbesitzer bis hin zu den großen Gesellschaften – auf eine Spur zu bringen.

Wie soll das gehen, wie kann man die unterschiedlichen Interessen aller Beteiligten steuern?

Das kann man schaffen, aber dafür bedarf es auch entsprechender Manpower – und zwar strategisch, aber auch operativ in der Fläche. Das heißt, dass zunächst eine Strategie her muss, um in den Gesprächen vor Ort die Immobilienbesitzer für ein gemeinsames Ziel bündeln zu können. Das wäre der Weg, um das professionell umzusetzen.

Aber wie lange soll das dauern?

Wenn eine Strategie und ein Team da sind, kann es losgehen. Meine Erfahrung sagt mir: Wenn ein Plan da ist und man fängt schon mal an einer Stelle an, entstehen auch Eigendynamiken, Leute können sich mit dem Konzept identifizieren und betrachten sich als Teil des Ganzen. Nur so kann ein Wir-Gefühl entstehen und damit – selbst bei Privatleuten – eine Bereitschaft wachsen, individuelle Beiträge zu leisten.

Wem müsste man verantwortlich den Hut aufsetzen, um Prozesse anzustoßen und zu koordinieren?

Es würde sich empfehlen, jemanden zu nehmen, der in den städtischen Strukturen eine Legitimation hat – beispielsweise als Leiter einer Stabsstelle beim OB. Das muss schon ganz oben angesiedelt werden, damit eine Bereitschaft entsteht, dort mitzumachen.

Im Rathaus hat es bereits eine Gesprächsrunde mit den Wohnungsgesellschaften auf Grundlage der Studie gegeben. Stimmt es, dass man dabei über den Austausch von Nettigkeiten nicht hinaus kam?

Bei diesem Termin haben wir das Thema erstmals gemeinsam erörtert. Dabei haben wir als Wohnungsgesellschaften die Gelegenheit genutzt, der Stadt gegenüber zu verdeutlichen, was wir bereits leisten. Denn der erste Impuls ist ja immer zu sagen: Die Wohnungsgesellschaften – die müssen jetzt mal machen. Aber da wir lediglich 18 Prozent am Markt halten, wird schon an dieser Zahl deutlich, dass wir das nicht alleine leisten können.

GWG-Chef Christoph Rehrmann hat jetzt angekündigt, in Wehringhausen einen kompletten Wohnblock abreißen zu wollen. Dafür wird er von einigen Bürgern reichlich gescholten – zu Recht?

Meine Kollegen machen in Hagen fachlich wirklich einen sehr guten Job, die angestoßenen Projekte laufen. Daher hat er hier sicherlich einen Vertrauensvorschuss verdient. Wir haben in Hagen nicht mehr die Zeit, jeden Vorstoß durch langwierige Diskussionen und Abwägungsprozesse zu torpedieren. Die Stadt muss diese Prozesse endlich als Chance begreifen.

Geht die HGW in den nächsten Jahren ähnliche Abriss-Aktionen an?

Dazu muss man kurz auf unsere Vergangenheit blicken: 2012 hatten wir noch gut 600 Leerstände in unserem Bestand – mehr als manche andere Genossenschaften in NRW zu ihrem Gesamtportfolio zählen. Wir haben jetzt gezielt in unsere Defizite investiert und somit die Leerstände auf rund 200 Wohnungen reduziert. Aber wir haben beispielsweise an der Franzstraße auch alten Wohnungsbestand abgerissen und dort eine Kita errichtet. Solche Beispiele kann ich mir für die Zukunft weiterhin vorstellen. Ab 2020, wenn wir die geforderten 49 Millionen Euro aus dem HGW-Verkauf an die GIV ausgeschüttet haben, verfügen wir wieder über ganz andere Möglichkeiten.

Dennoch bleibt die Sicherung des Hagener Mietwohnungsmarktes eine gesamtstädtische Herausforderung, die nicht alleine die Wohnungsgesellschaften lösen können. Wie wollen Sie die privaten Immobilienbesitzer mit ins Boot holen?

Als Beispiel könnte das Bottroper Innovation-City-Projekt gelten. Dieses startete 2010 mit dem Ziel, die CO2-Emissionen der Stadt – beispielsweise über neue Heizungsanlagen, Fassaden, etc. – zu halbieren. Bei diesem Modell wurden für jeden Stadtteil Quartiersmanager mit einem Stab installiert, die jeden Haushalt angesprochen haben. Ähnliche Projektsteuerungsstrukturen könnte ich mir auch für Hagen vorstellen, wenn wir einen klaren Plan haben.

Warum messen Sie dem Thema Wohnungsmarkt in der gesamtstädtischen Betrachtung einen so hohen Stellenwert bei?

Das Problem ist eng verknüpft mit Herausforderungen der Wirtschaftsförderung. Es gibt in Hagen eine ganze Reihe Unternehmen, die sich in der Stadt entwickeln und erweitern wollen. Darin liegt ein Riesenpotenziel. Wenn es uns gelingen würde, dass deren Ideen schneller umgesetzt werden, hätte das eine positive Strahlkraft und damit auch eine große Sogwirkung. Wir drehen uns ja nicht bloß um uns selbst, sondern erfolgreiche Städte leben schließlich davon, dass Menschen hinzukommen. Daher gehört der Umgang mit Gewerbe, Mittelstand und Wirtschaft mit auf die Prioritätenliste. Wenn es unternehmerisch Spaß macht, in Hagen was anzustoßen, schafft das gesamtstädtisch ein positives Klima. Dieses Engagement verdient eine angemessene Wertschätzung und Begleitung. Und löst natürlich auch positive Effekte für den Wohnungsmarkt aus. Da, wo Wirtschaft floriert, wo Arbeitsplätze geschaffen werden, da funktioniert auch der Wohnungsmarkt. Wirtschaft ist ein Motor und Impulsgeber für das Thema Wohnen.

Das gesamte Problem hat ja auch reichlich mit dem Thema Geld zu tun. Sehen Sie die Chance, dass Hagen in absehbarer Zeit auf Förderprogramme für den Rückbau zurückgreifen kann?

Ich könnte mir vorstellen, dass die Stadt, wenn sie erst einmal ein schlüssiges Handlungskonzept erarbeitet hat und nachweisen kann, dass die Akteure alle an einem Tisch sitzen und ein gemeinsames Ziel verfolgen, durchaus Unterstützung vom Land erhält. Es kann ja nicht sein, dass Wohnungsbau-Fördermittel in die Metropolen fließen und andere Städte mit dem Thema Rückbau allein gelassen werden. Uns bleibt keine andere Chance, als das Thema jetzt anzugehen. Abwarten funktioniert nicht. Dafür brauchen wir jetzt jemanden, der den Hut auf hat und legitimiert ist, das Thema umzusetzen.

>>HINTERGRUND: 12 MILLIONEN INVESTIERT

  • Die Hagener Gemeinnützige Wohnungsgesellschaft (HGW), die aus marketingstrategischen Gründen als „ha.ge.we“ im Handelsregister verzeichnet ist, agiert seit 1919 am Hagener Wohnungsmarkt und ist ein städtisches Tochterunternehmen.
  • Das Unternehmen verfügt über mehr als 5100 vermietete Wohnungen, Häuser und gewerbliche Einheiten sowie 814 Garagen. Die Einheiten addieren sich auf eine Wohn- und Nutzfläche von 344 000 Quadratmeter.
  • Das Geschäftsjahr 2016 wurde mit einem Gewinn von 1,1 Millionen Euro abgeschlossen. Im vergangenen Geschäftsjahr wurden etwa 12 Millionen Euro in den Wohnungsbestand investiert. Mit dieser Strategie konnte zuletzt die Leerstandsquote des Unternehmens erheblich gedrückt werden.
  • Aktuell beschäftigt die HGW 42 Mitarbeiter und erwirtschaftete zuletzt einen Jahresumsatz von 25,7 Millionen Euro.

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