Interview

„Ich sehe keine Stadt in den Fußstapfen von Hagen“

Hartwig Masuch (2.v.l.) war Mitglied der Ramblers.

Hartwig Masuch (2.v.l.) war Mitglied der Ramblers.

Foto: Crystal

Hagen.   Musikmanager Hartwig Masuch (64) aus Hagen arbeitet seit 1991 für Bertelsmann. Im Interview erzählt er, wie er die Hagener Glanzzeit erlebte.

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Als Sänger der Hagener Band „The Ramblers“ hat er es immerhin einmal in Ilja Richters „Disco“ ins Fernsehen geschafft. Seien wahre Berufung hat Hartwig Masuch (64) aber als Musikmanager gefunden. Der in Vorhalle aufgewachsene Hagener war Manager von Extrabreit und hat Ina Deter („Neue Männer braucht das Land) produziert.

Junge Rapper aus Hagen über die NDW

Seit 1991 ist er bei Bertelsmann tätig. Seit zehn Jahren steht er an der Spitze der neuen Bertelsmann Music Group (BMG) – mit einer halbe Milliarde Euro Umsatz das größte Musikunternehmen Europas. Die BMG vertritt etwa die Rolling Stones, Lenny Kravitz, Black Sabbath oder Bruno Mars.

Wie würde Hartwig Masuch, der Sänger der Ramblers in den 70er/80ern, den Musikmanager Hartwig Masuch von heute finden? Würde er sich von ihm ernst genommen fühlen? Und hätte er die Chance, von ihm überhaupt wahrgenommen zu werden?

Er würde mich wohl deutlich positiver wahrnehmen, als die Leute, die ich damals kennengelernt habe. Es war schon ein eigenartiges Volk, das damals an den entscheidenden Stellen saß. Sehr zynisch, sehr negativ, sehr risikofeindlich. Es gilt für die gesamte Branche, dass die Leute heute viel konstruktiver, kreativer und aufgeschlossener sind. Heute ist der entscheidende Punkt: Wie erkenne ich neue Trends? Wohingegen ich vor 40 Jahren wie ein Bittsteller auftreten musste. Da ging es oft darum: Wie kann das, was es schon gibt, erhalten werden? Wie kopiere ich das am besten, was schon erfolgreich ist?

Die Vorbildfunktion von Grobschnitt

In der Rückschau kann man immer leicht sagen, dass schon alle immer wussten, dass damals in Hagen musikalisch etwas Bedeutendes entstanden ist. Aber Hand aufs Herz: Haben Sie persönlich das damals auch schon gemerkt? Und ab welchem Zeitpunkt?

Ich habe bis 1981/82 gar nicht gemerkt, dass das etwas Besonderes, was Nachhaltiges ist. O.k., da sind ein paar Sachen gut gelaufen. Dass es da eine gewisse Ballung in Hagen gab, habe ich erst nachher gemerkt. Und das muss man ja auch sagen: Die ganzen Erfolge von Inga Humpe, Anette Humpe, Ideal – das haben die Leute vor Ort in Hagen damals ja gar nicht so für sich vereinnahmt, wie das heute der Fall ist. Damals haben wir auch nicht Grobschnitt in diesem Kontext gesehen, obwohl die ja schon sehr erfolgreich waren.

Hat Grobschnitt trotzdem Einfluss gehabt?

Grobschnitt hatte natürlich auch eine Vorbildfunktion. Da saß man damals in einer Hagener Kneipe mit 20 nicht-erfolgreichen Musikern, die sich den Deckel hin- und hergeschoben haben. Und einer steht völlig entspannt da, weil er gerade ein Konzert in der ausverkauften Gruga-Halle gegeben hat. Das war Lupo von Grobschnitt. Auch wenn man sagt, das ist nicht die Musik, die ich machen will, hat das natürlich einen Effekt. Da denkt man: Der hat es ja auch geschafft, das sollte man nicht unterschätzen. Und dann entwickelte sich in Hagen ja eine Logistik: Wenn da einer ist, der bei denen schon den Bühenaufbau gemacht oder Songs produziert hat, und dann sagt: Ich kann auch mit Euch mal ein Demo aufnehmen, dann hat das einen Effekt. Die Grobschnitt-Jungs waren damals immer extremst freigiebig mit Tipps.

Auf den jungen Leuten lastete weniger Druck

Wie oft denken Sie: Ach, hätte ich doch mal eine Karriere als Sänger und nicht als Musikmanager gemacht?

Ach, ich denke da relativ oft dran, aber nicht, dass ich sage: Das wäre auch eine gute Idee gewesen. Mir war relativ schnell klar, dass das nichts wird. Sänger in einem semi-professionellen oder auch professionellen Umfeld war ich ja nur drei Jahre. Da war mir schon nach zweieinhalb Jahren klar, dass das keine Zukunft hat. Sänger war nicht das, wofür ich gebrannt habe. Ich habe auch schnell gemerkt, dass ich Studio-Arbeit nicht so wahnsinnig spannend fand. Es war bei mir so, dass mich der gestalterische Spielraum, der dahinter stattfand, mehr interessiert hat. Das Marketing, das Booking, die finanziellen Dinge.

Hagen blickt zurück, schwelgt in Nostalgie, es gibt aber auch, insbesondere bei jungen Musikern, das Gefühl: Heute ist hier nichts los in Hagen, wir haben keine Chance, so schnell bekannt zu werden. Richtige Analyse?

Zum einen waren die 70er-Jahre wahnsinnig entspannt. Weil die Erwartung an Jugendliche – etwa, was das Berufsbild anging – in der Regel unambitionierter waren als heute. Mal zu sagen: Ich mach beruflich drei Jahre etwas, was in den Augen der Eltern oder der anderen nicht so toll war, ging damals viel leichter als heute. Da haben Eltern doch eher als heute gedacht: Das wird schon gut gehen. Und ansonsten geht er zur PH und wird eventuell Lehrer. Der Druck heute, den gesellschaftlichen Erwartungen zu entsprechen, ist deutlich größer.

Das Internet macht vieles einfacher

Haben Sie das auch persönlich so erlebt?

Als ich mit meiner Band „The Ramblers“ erfolgreich war, da habe ich Wirtschaftswissenschaften an der Ruhr-Uni in Bochum studiert. Aber da gab es noch keine Studienzeitbeschränkung. Ich habe zum Beispiel parallel am Lehrstuhl meines Professors gearbeitet. Da war es völlig normal zu sagen: Dieses Semester habe ich nicht so viel Zeit, ich muss mich um meine Band kümmern. Das hat damals keinen gestört, das wäre heute sicherlich schwieriger.

Aber haben Musiker heute mit Youtube und Instagram nicht viel bessere Möglichkeiten bekannt zu werden?

Positiv ist natürlich, dass die ganzen Werkzeuge, die man heute hat, viel leichter in Bewegung zu setzen sind. Heute kann ich viel besser viel mehr Menschen erreichen, als das vor 40 Jahren der Fall gewesen ist. Damals hatte nicht jeder im Keller ein Aufnahmegerät. Das war immer an Studios gebunden und an die Frage: Habe ich genug Geld dafür? Damals hat ein Tag im Studio 600 bis 700 Mark gekostet. Das war heftig, das Geld zusammenzukratzen, einen Kredit zu bekommen, jemanden zu finden, der dafür bürgt. Heute hat fast jeder, der Gitarre spielt, ein Gerät, mit dem er relativ professionelle Aufnahmen machen kann. Früher war die Frage: Wo bekomme ich die Kohle her, um meine Tapes zu verschicken? Heute kann ich das ganz einfach über das Internet machen.

Die richtigen Rahmenbedingungen

Braucht man heute überhaupt noch eine Subkultur in einer Stadt, wie damals in Hagen? Einen Tresen, an dem man auch andere Musiker trifft? Oder reicht es heute, Facebook und Youtube zu haben? Da sehe ich doch auch Vorbilder, die ich nachahmen kann.

Ich glaube, eine Kultur und ein Gefühl, das eine Stadt ausstrahlt, ist immer ein entscheidender Punkt. Ich glaube auch gar nicht, dass es heute für junge Musiker schwieriger geworden ist. Das war auch damals schwierig: Es gehört immer dazu, dass sich Leute zusammen finden und konsequent sagen: Das machen wir jetzt und ziehen es durch.

Kann eine Stadt wie Hagen, also auch ein Oberbürgermeister und eine Verwaltung, aus Ihrer Sicht etwas dafür tun, dass die Musikszene einer Stadt lebendig ist und auch ein kommerzieller Erfolg möglich wird?

Ich glaube schon, dass heute Politik und gerade kommunale Politik deutlich mehr schaffen könnte, wenn es um die notwendigen Rahmenbedingungen geht. In Detroit in den USA läuft derzeit ein Riesenprogramm, um die Kultur in der Stadt zu fördern, um Detroit als Studienstandort und damit auch als Lebensmittelpunkt für junge Leute interessant zu machen. Das kann man übertragen: Da geht es dann vielleicht auch um die Frage: Wie können wir Kneipen, die Live-Musik anbieten, das Leben leichter machen? Da könnten einem 1000 Sachen einfallen. Etwa genug Probe-Möglichkeiten. Wir hatten damals in Hagen das Glück, in Zeiten des industriellen Niedergangs Musik zu machen. Es gab so viele freie Räume, da waren Vermieter froh, wenn man ihnen noch 50 Mark Miete gezahlt hat, um in dem Schrotthaufen spielen zu können. Ob in Wehringhausen oder in Hohenlimburg. Also, ich glaube schon, dass man Rahmenbedingungen gestalten kann. Das gilt auch für die Medien: Die sind heute doch viel aufgeschlossener für solche Signale. Radio Hagen bringt auch neue lokale Musik, Sie als Printmedien sind heute auch viel aufgeschlossener für solche Themen.

Nena ist nicht Neue Deutsche Welle

In der Rückschau hat man den Eindruck: Da gab es ein paar Jahre lang die Neue Deutsche Welle und sonst nicht viel. Gerade deshalb konnte sie so erfolgreich sein. Heute wirkt die Musikszene viel ausdifferenzierter. Ist schon deshalb so etwas wie die Neue Deutsche Welle nicht mehr möglich?

Die Szene war damals tatsächlich nicht so ausdifferenziert. Was ist damals nicht alles unter einem Begriff subsummiert worden. Das kam ja oft gar nicht aus den Szenen. Das kam von den Labels, da ist auch im Nachhinein dem Ganzen von oben ein Titel verpasst worden, nach dem Motto: Jetzt mache ich mal eine Neue Deutsche Welle. Man muss mal überlegen, dass bei der Plattenfirma Metronom damals Extrabreit und Accept – eine klassische Hardrock-Gruppe – unter dem Titel Neue Deutsche Welle zusammengefasst wurden.

Man hat den Eindruck, auch in Hagen hadern viele der Akteure von damals mit dem Begriff Neue Deutsche Welle. Sie scheint als etwas zu trivial zu gelten. Sie gelten als einer der Mit-Erfinder. Geht es Ihnen auch so?

Ja, ich glaub, dass der Begriff nachher völlig kompromittiert war. Was hat denn ein Fräulein Menke oder ein Markus mit Extrabreit, Ideal oder Fehlfarben zu tun? Gar nichts! Jede Plattenfirma wollte eine Neue-Deutsche-Welle-Linie haben. Da reichte es dann aus, dass deutsch gesungen wurde und die Musiker komische Frisuren hatten – also nicht wie Nicole aussahen. Alles sehr aufgezwungen. Nena hat doch eigentlich nichts mit Neuer Deutscher Welle zu tun. Die ist doch eher in der Richtung von Debbie Harry von Blondie zu verorten – oder Chrissie Hynde von den Pretenders.

Die Musiker und ihr Verhältnis zu Hagen

12. Mit welchen Akteuren aus der Hagener Zeit sind Sie heute noch befreundet?

Ich bin eng befreundet mit Jörg Hoppe. Wir wohnen auch nah beieinander. Inga Humpe ist Patentante meiner Tochter. Frank Becking ist einer meiner engsten Freunde. Drehbuchautor Armin Kaiser aus Hagen auch. Und wenn ich weiter nachdenke, fallen mir auch noch mehr ein. Ich pflege intensive Beziehungen zu Hagen. Ich bin so zweimal im Jahr in Hagen, meine zwei Schwestern leben hier. Ich fahr auch gerne mit meinen Kindern nach Hagen. Ich finde, die Stadt ist schon in einigen Bereichen deutlich freundlicher geworden – auch architektonisch. Die Neue Mitte rund um den Ebert-Platz ist doch deutlich schöner als diese kalte Innenstadt, die ich noch aus meiner Jugend kenne, wo man ganz schnell sein musste, um nicht überfahren zu werden. Auch gastronomisch hat es sich gut entwickelt. Es gibt heute gute Restaurants, in denen man richtig gut essen kann.

Extrabreit hat heute noch den starken Bezug zu Hagen, die Grobschnitt-Akteure auch. Bei Nena hat man nicht den Eindruck, bei den Humpe-Schwestern auch nicht. Was meinen Sie: Woher kommt das? Warum gibt es offensichtlich kein Hagen-Heimatgefühl?

Ich sehe das etwas differenzierter. Nena hatte zum Beispiel felsenfest vor, auch zu der Diskussion im Rahmen der Ausstellung nach Hagen zu kommen, es gab dann ein terminliches Problem. Ich sehe Nena relativ häufig und ich kann sagen: Sie hat ein sehr positives Bild von Hagen und ihrer Jugendzeit. Das Schöne ist doch: Viele, die aus Hagen kommen, haben heute noch viel zu tun.

Der Magnet ist heute Berlin

Wenn Hagen damals das „Liverpool Deutschlands“ war: Welche Stadt abseits von Hamburg und Berlin sehen Sie heute in Deutschland als Hauptstadt einen neuen Musik, als ein neues Hagen?

Im Moment sehe ich das nirgendwo so konzentriert. Das hat auch damit zu tun: Damals gab es nicht die attraktive Metropole in Deutschland. Deshalb war das viel dezentraler. Heute richtet sich schon wahnsinnig viel auf Berlin aus. Insofern: Im Moment sehe ich keine Region, die da in Hagens Fußstapfen treten könnte. Es entsteht zwar wahnsinnig viel draußen im Land, aber es gibt dann einen Punkt, da zieht es viele nach Berlin. Aber ich wette, dass sich neue Szenen künftig eher so Richtung Ruhrgebiet entwickeln werden. Ich fände das heute als Jugendlicher schon ziemlich attraktiv, solch ein Ballungszentrum zu haben, in dem es wahnsinnig viele kulturelle Angebote gibt, wo es aber auch deutlich attraktivere Lebensbedingungen gibt, sprich: bezahlbare Mieten. Das hatte Berlin nach der Wende auch attraktiv gemacht. Das ist dort heute ja nicht mehr unbedingt der Fall.

Welche Musik hören Sie heute gerne?

Ich höre natürlich wahnsinnig viel neue Musik. Ich höre aber auch tatsächlich oft Extrabreit. „Alptraumstadt“ ist ein ganz großartiges Lied. Ich habe auf meinen Best-off-Playlists „Irgendwie, irgendwo, irgendwann“ von Nena. Das, finde ich, ist ein grandioses Lied. Ich höre auch immer noch gerne Fehlfarben. Zu der Musik aus der Zeit habe ich ein völlig unverkrampftes Verhältnis.

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