Studie

In Hagen fehlt preiswerter Wohnraum für Geringverdiener

Wohnraum mit extrem günstigen Mieten ist in Hagen – unser Bild bietet den Blick vom Ischeland über Altenhagen hinweg in Richtung Hauptbahnhof – nach Ansicht der Wissenschaftler nicht ausreichend vorhanden. Für Geringverdiener müsse daher der soziale Wohnungsbau neu entdeckt werden.

Wohnraum mit extrem günstigen Mieten ist in Hagen – unser Bild bietet den Blick vom Ischeland über Altenhagen hinweg in Richtung Hauptbahnhof – nach Ansicht der Wissenschaftler nicht ausreichend vorhanden. Für Geringverdiener müsse daher der soziale Wohnungsbau neu entdeckt werden.

Foto: Hans Blossey

Hagen.   Wer in Hagen über einen normalen Verdienst verfügt, hat auch keine Probleme, eine Wohnung zu finden. Geringverdiener habe es da weitaus schwerer.

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Vor allem für Geringverdiener fehlt in Hagen in ausreichendem Maße der entsprechende Wohnraum. Zu diesem Ergebnis kommt eine von der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung geförderte Studie, die auf Grundlage des Mikrozensus 2014 die Situation in 77 deutschen Großstädten vergleichend untersucht hat.

Die Ergebnisse

Die Forscher der Berliner Humboldt-Universität sowie der Goethe-Uni in Frankfurt kommen zu dem Ergebnis, dass – gemessen an den finanziellen Möglichkeiten der Bevölkerung – ein besonders großer Mangel an bezahlbarem Wohnraum einerseits in Metropolen mit hohem Mietniveau (München, Stuttgart, Düsseldorf, etc.), andererseits in einwohnerstarken Städten mit vielen Niedrigverdienern besteht. Besonders in Nordrhein-Westfalen seien die Defizite erheblich.

Die finanzielle Überlastung

Dabei lag der Fokus der Wissenschaftler auf dem Kriterium der finanziellen Überlastung, weil die betroffenen deutschen Haushalte meist ein verfügbares Einkommen von maximal 80 Prozent des deutschen Mittelwerts haben. Knapp 1,5 Millionen von ihnen verfügen sogar nur über maximal 60 Prozent des mittleren Einkommens und gelten deshalb als armutsgefährdet. Das entspricht inklusive aller Sozialtransfers weniger als 1187 Euro (unter 60 Prozent: 890 Euro) monatlich bei einem Single-Haushalt oder 2374 Euro (1781 Euro) bei einem Drei-Personenhaushalt.

Die Defizite in Hagen

Auf die Hagener Situation heruntergebrochen bedeutet dies, dass in der Stadt insgesamt 9349 Wohnungen zu günstigen Mieten fehlen, damit rechnerisch alle Haushalte mit leistbarem Wohnraum versorgt werden können. Das größte Defizit besteht dabei für die Haushalte mit einem Einkommen von weniger als 60 Prozent des Bundesmittels.

Für die Haushalte dieser Einkommensklasse fehlen 8804 leistbare Wohnungen. Der sogenannte Unterversorgungsgrad – dieser gibt für die verschiedenen Einkommensgruppen an, wie hoch der Anteil der Haushalte ist, der nicht mit leistbaren Wohnungen versorgt werden kann – beträgt in dem Segment somit 47,6 Prozent. In den höheren Einkommensgruppen sieht die Lage weitaus entspannter aus.

In der Einkommensklasse zwischen 60 und 80 Prozent des Bundesmittels fehlen lediglich 545 Wohnungen, so dass der Unterversorgungsgrad zu vernachlässigen ist. Bei den Einkommen zwischen 80 und 100 Prozent des Bundesmittels sind in Hagen angesichts der erheblichen Leerstandsquote bei den Mietwohnungen mehr als ausreichend leistbare Wohnungen vorhanden. Die Experten gehen aber davon aus, dass mit Blick auf die vier Jahre alten Daten sich die Lage angesichts kontinuierlich steigender Mietpreise vor allem für die Geringverdienerhaushalte am Rande der Armutsgrenze weiter verschärft haben dürfte.

Die Lösungsansätze

Trotz verstärkter Neubautätigkeiten dürfte die Versorgungslücke derzeit weiter wachsen, warnen die Wissenschaftler. Denn die Angebotsmieten bei Neuvermietung sind in fast allen Großstädten höher als die Bestandsmieten. „Sie bieten keinen Beitrag zur Verbesserung der sozialen Wohnungsversorgung in den Großstädten“, stellen die Forscher Dr. Henrik Lebuhn, Dr. Andrej Holm, Stephan Junker und Kevin Neitzel fest.

Um die Lücke bei bezahlbaren Wohnungen zu verkleinern, sei es sehr wichtig, das Angebot an Kleinwohnungen mit Nettokaltmieten von vier bis fünf Euro pro Quadratmeter stark auszubauen. „Dazu müssten einerseits weitaus mehr Sozialwohnungen als in den vergangenen Jahren neu entstehen. Andererseits muss auch die Sozial- und Mietpreisbindung im Wohnungsbestand wieder ausgeweitet werden“, empfehlen die Wissenschaftler beispielsweise, dass öffentliche Träger Privatmietern Wohnungen abkaufen.

>>HINTERGRUND: 30-PROZENT-LIMIT

  • Die Forscher haben zudem ermittelt, dass vier von zehn Großstadt-Haushalten in Deutschland mindestens 30 Prozent ihres verfügbaren Einkommens für die Bruttokaltmiete – das heißt inklusive Nebenkosten, ohne Heizkosten – zahlen müssen.
  • Bei Sozialwissenschaftlern wie bei Immobilienexperten gilt eine Mietbelastungsquote oberhalb von 30 Prozent des Haushaltseinkommens als problematisch.
  • Auch viele Vermieter ziehen hier eine Grenze, weil sie zweifeln, dass Mieter sich ihre Wohnung dauerhaft leisten können.

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