Kultur

Operette „Pariser Leben“: In Hagen tanzen Lustsklaven Cancan

Hagen.   Theater Hagen verlegt Offenbachs „Pariser Leben“ in den sozialen Wohnungsbau. Das Publikum feiert ein Operettenfest mit einem sprühenden Ensemble

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Ganz Paris lebt vom Tourismus. Am Ende der Verwertungskette klauen die Kleingauner in den Betonwüsten der Vorstädte die Smartphones und Taschen der reichen Besucher. Genau dort siedelt das Theater Hagen jetzt Jacques Offenbachs Operette „Pariser Leben“ an. Regisseur Holger Potocki krempelt das Stück dafür zu einer Collage zwischen Traum und Filmriss um. Praktisch das gesamte Hagener Ensemble steht auf der Bühne, und die Darsteller haben an der Produktion fast noch mehr Spaß als das Publikum. Für diesen amüsanten Abend gibt es nach der Premiere langen Beifall im Stehen.

Offenbach hat sein „Pariser Leben“ zur Weltausstellung 1867 geschrieben, als tout le monde die Wunder der Seine-Metropole bestaunen wollte. Bissig, wie der in Köln geborene Komponist war, stellt er das erste (und bisher einzige) Musiktheaterwerk zum Thema Gentrifizierung vor. Denn seit die zahlungskräftige Touristenschar in die Stadt drängt, müssen die weniger betuchten Einheimischen in die Banlieues ausweichen.

Turbulente Massenszenen

Holger Potocki und Ausstatterin Lena Brexendorff verlegen die Handlung in eine grelle Gegenwart, in der das Klingeln der Smartphones das Tuten der Dampflokomotiven ersetzt und die Straßenschluchten der Randbezirke die Boulevards der zweiten Kaiserzeit. Aus den amourösen Ambitionen der Reichen und Schönen wird ein funkelndes multikulturelles Miteinander. Nur einmal, wenn die Baronin den übersprungenen ersten Akt träumt, blitzt in sepiagoldenen Bildern der Kostüm-Glanz der Belle Epoque auf. Potocki hat das Libretto neu eingerichtet und zündet ein Feuerwerk aus schlagfertigen Wortspielereien. Der Regisseur ist ein Spezialist für turbulente Massenszenen, er verhilft dem Chor zu einem großen Auftritt, denn die Sängerinnen und Sänger repräsentieren individualisiert alle jene internationalen Besucher, die nach Paris strömen, von der Mona Lisa in ihrem Rahmen bis zu Karl Lagerfeld mit Katzenvideo.

Lena Bexendorffs Drehbühne wird zum immer neuen Wimmelbild, sie ermöglicht im Schatten der Hochhäuser kleines Mansardenglück ebenso wie eine mondäne Party im Designer-Penthouse.

In Offenbachs Tagen rollen nicht nur „Chinesen und Mormonen“ im Bahnhof ein, sondern auch Kautschuk-Millionäre, die sich in den Séparées mit Anlauf finanziell ruinieren. So ein Brasilianer ist Boris Leisenheimer. Er wird zum weisen Clochard, der den verirrten Reisenden am Ende die Köpfe zurechtrückt. Leisenheimer meistert die Doppel-Partie Brasilianer/Jean Frick mit farbenreichem, höhensicheren Tenor und mit hintersinnigem Humor.

Überhaupt stürzt sich das Ensemble mit geradezu akrobatischer Wonne in die Verwicklungen. Tenor Richard van Gemert ist als Gardefeu ein Super Mario des sozialen Wohnungsbaus, der immer was am Laufen hat, sich aber gelegentlich selbst austrickst. Köstlich, wie er versucht, die Baronin mit Popowackeln zu „Je t’aime“ zu beeindrucken. Veronika Haller singt und spielt diese Christine charmant als genervte Gattin, die Urlaub von ihrem spießigen Ehemann braucht. Kenneth Mattice ist ein neurotischer Baron, der sogar den Flachmann des Glöckners von Notre Dame erst mit Desinfektionslösung einsprüht, bevor er sich einen Schluck gönnt. Der amerikanische Bariton hat nicht nur eine sehr gut geführte Stimme, sondern lässt sich auch mit viel Körpereinsatz verführen.

Bondage-Korsage

Mezzosopranistin Kristine Larissa Funkhauser ist als selbstbewusste Metella très chic unterwegs. Maria Klier alias Pauline bezaubert mit himmelhohen Soprankoloraturen. Kammersängerin Marilyn Bennett schließlich trägt als männerbesessene Mme Quimper-Karadec das wohl schrillste Kostüm ihrer Laufbahn, eine Bondage-Korsage aus Absperrband, und haucht dazu „Midnight in Paris“ ins Mikro.

Kapellmeister Rodrigo Tomillo und die Hagener Philharmoniker genießen jeden Takt von Offenbachs schwungvoller Partitur. Immer wieder bricht jedoch das wahre Leben in die schmissigen Klänge ein, etwa wenn Dirk Achille eine E-Gitarre anschlägt, oder wenn die Bühnencombo Musette spielt. Alle die Märsche, Walzer, Rataplans, schnurren und glitzern, und der Schwung des allgegenwärtigen Cancan wird zum Treibriemen für die Inszenierung - selbst wenn die koketten Höschenblitzer der Tänzerinnen im Moulin Rouge durch beinschwingende Lustsklaven ersetzt werden.

www.theaterhagen.de

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