Schulen

Inklusion gescheitert? Behinderte Kinder kehren an Förderschulen zurück

Markus Bong, Leiter der Fröbelschule in Arnsberg.

Foto: Thomas Nitsche

Markus Bong, Leiter der Fröbelschule in Arnsberg. Foto: Thomas Nitsche

Hagen.   Inklusion: Behinderte Kinder, die zunächst für den Unterricht mit nichtbehinderten Schülern entschieden hatten, kehren an Förderschulen zurück

Das Ende war angeblich nah. Manche Förderschule in Südwestfalen hat es auch erreicht. Viele andere dagegen sind geblieben – und nun wieder gefragt. Sie verzeichnen steigende Schülerzahlen. Der Inklusion zum Trotz.

Der Rechtsanspruch auf den gemeinsamen Unterricht gilt in NRW seit dem Schuljahr 2014/15: Eltern haben die Wahl, ob sie ihr behindertes Kind an eine allgemeine Schule schicken – oder an eine Förderschule. Die zweite Wahl treffen offenbar wieder mehr Eltern. Zum Beispiel in Hagen, wo vor allem in der Sekundarstufe für das kommende Jahr mehr Kinder angemeldet sind. 21 Fünftklässler starten etwa an der Fritz-Reuter-Schule. Im Jahr zuvor waren es zehn.

Wobei die Zahlen im Laufe eines Schuljahres vielerorts noch zunehmen. Es sind die „Rückkehrer“, die die Klassen an den Förderschulen vergrößern. Kinder, die sich zunächst für den gemeinsamen Unterricht mit nichtbehinderten Kindern entschieden hatten, nach ein paar Schulmonaten aber der Förderschule den Vorzug geben.

An der Roman-Herzog-Schule in Brilon waren 18 Schüler zu Beginn dieses Schuljahres neu angemeldet worden. 15 weitere kamen im Laufe des Jahres hinzu. Nahezu eine Verdopplung also. Bei sinkenden Schülerzahlen insgesamt „eine enorme Zahl“, sagt Klaus Mülder. Die Schule ist trotz Inklusion und demografischen Wandels stabil: Im Jahr 2014/15 gab es 214 Kinder an der Schule. Die Prognose für das kommende Schuljahr lautet 224.

Hoher Leidensdruck an allgemeinen Schulen

165 Schüler besuchten vor zweieinhalb Jahren die Peter-Hasenclever-Schule in Gevelsberg. Zu Beginn dieses Schuljahres waren es 168. 20 Kinder sind im Laufe des Jahres noch dazugekommen.Viele allgemeine Schulen dagegen verzeichneten sinkende Schülerzahlen, gibt Schulleiterin Ulrike Tewes-Dominicus zu bedenken. Der „Leidensdruck“ an den allgemeinen Schulen sei für die Rückkehrer so hoch gewesen, „dass sie bei uns um Aufnahme gebeten haben.“

Von einer Trendumkehr spricht Egon Bernshausen, Leiter der Pestalozzi-Schule in Siegen. Während in der Vergangenheit die Schülerzahlen stetig zurückgegangen seien, halte man sich seit zwei bis drei Jahren stabil. Seitdem kämen auch im Laufe eines Jahres immer acht bis zwölf Kinder aus allgemeinen Schulen dazu.

  • 8271 Kinder haben 2014/15 in Südwestfalen Förderschulen besucht. Für das kommende Jahr sind 7830 Schüler an Förderschulen prognostiziert.
  • 67 Förderschulen gab es 2014/15 in Südwestfalen. Elf davon sind mittlerweile aufgelöst worden oder zu einem Teilstandort geworden.

„Manche Eltern bringen gegen den erklärten Willen der Schulaufsicht ihre Kinder zu Förderschule“, sagt Egon Bernshausen. Das sei ihnen lieber, als dass ihr Kind in der allgemeinen Schule „dabeisitze“.

Mehr Verständnis an Förderschulen

Gründe für die Rückkehr zur Förderschule gibt es viele: Wenn die Kinder spüren, dass man an sie andere Anforderungen stellt als an die nichtbehinderten Kinder, „dann wachsen sie nicht mehr“, so Ulrike Tewes-Dominicus. „Sie werden immer kleiner, tauchen ab oder werden aggressiv.“ Und sie fühlten sich aufgrund des „kleinen Selbstwertgefühls“ von den nicht-behinderten Kindern durch Kleinigkeiten gemobbt.

Für Lehrer, die keine erfahrenen Sonderpädagogen seien, kaum nachvollziehbar. Ebenso wenig, dass lernbehinderte Kinder nicht nur im Unterricht mehr Unterstützung brauchen, sondern auch im Alltag – zum Beispiel, um in der Schule den richtigen Raum zu finden, erklärt Ulrike Tewes-Dominicus. Förderschullehrern dagegen sei dies bewusst.

Oft sei den Eltern die zur Verfügung gestellte Zeit der Förderung durch Sonderpädagogen an allgemeinen Schulen zu gering, ergänzt Hans-Jürgen Luhmann, Schulleiter an der Brabeck-Schule in Iserlohn. An Förderschulen dagegen finden sie kleine Lerngruppen für ihre Kinder vor – mit höchstens 13 Schülern, sagt Marcus Bong, Leiter der Fröbelschule in Arnsberg.

Das Ende scheint ferner denn je: „Unsere Schule“, sagt Tewes-Dominicus, „wird es in zehn Jahre noch geben.“

Mutter schickt Sohn nun zur Förderschule in Siegen

Monika Schmidt hat es zunächst mit dem gemeinsamen Unterricht

versucht. Doch 30 Kinder in einer Klasse – „das war zu viel“, sagt sie. Ihr Sohn leidet an Aufmerksamkeitsstörungen. „Er kann nicht einschätzen, was wichtig ist: die Lehrerin, die vorn etwas sagt, oder das Motorengeräusch des Autos, das vor dem Fenster vorbei fährt“, erklärt sie. Mit 29 anderen Kindern in der Klasse war er überfordert. Monika Schmidt hat es noch an einer weiteren Schule probiert, vergeblich.

Kleine Lerngruppe mit zehn Kindern tut Sohn gut

Nun geht ihr Junge in die vierte Klasse der Pestalozzi-Schule in Siegen, Förderschwerpunkt Lernen. „Wir haben uns bewusst dafür entschieden“, sagt die Mutter. Vorbehalte gegen Förderschulen möge es früher gegeben haben. „Aber unser Kind ist dort gut aufgehoben.“ Eine kleine Lerngruppe von zehn Kindern nennt sie als Grund. Und die Sonderpädagogen zeigten großes Feingefühl: „Sie sind gelassener, weil sie schon vieles gesehen haben“, sagt Monika Schmidt. Manchmal habe ihr Sohn schlechte Tage, verweigere den Unterricht. „An jeder anderen Schule müsste ich ihn dann abholen.“ An der Förderschule wisse man damit umzugehen. „Das tut unserem Sohn sehr gut – und uns auch“, stellt sie fest. Den Druck, den er früher in der Schule verspürte, habe er nach Hause getragen. „Jetzt kommt er fröhlich heim.“

Auch interessant
Leserkommentare (1) Kommentar schreiben
    Aus der Rubrik