Enervie

„Interessensbefriedigung der Banken“

Prof. Heinz-Josef Bontrup blickt ausgesprochen kritisch auf die Entwicklung bei Enervie.

Prof. Heinz-Josef Bontrup blickt ausgesprochen kritisch auf die Entwicklung bei Enervie.

Foto: WR/Franz Luthe

Hagen.   Prof. Bontrup berät in der Krise den Enervie-Betriebsrat. Kritisch blickt der Ökonom auf das Berger-Konzept. Er sieht eine Bevorzugung der Banken-Interessen.

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Die Sanierung der Enervie AG erfolgt auf dem Rücken der Arbeitnehmer sowie auf Kosten der Anteilseigner, aber zum wirtschaftlichen Wohl der Gläubigerbanken. Zu diesem Ergebnis kommt Prof. Heinz-Josef Bontrup, der im Auftrag des Betriebsrates das für den Restrukturierungsprozess maßgebliche Roland-Berger-Konzept unter die Lupe genommen hat: „Das Gutachten ist einseitig im Duktus einer Interessensbefriedigung der Banken abgefasst. Verlierer sind die Shareholder (Anteilseigner) und insbesondere die Beschäftigten“, bilanziert der Wirtschaftswissenschaftler (Recklinghausen) in seiner 38-seitigen Stellungnahme und fordert die Ablösung des Vorstandes.

Zusammenfassend kommt der Diplom-Ökonom zu dem Ergebnis, dass die wesentlichen Ursachen der Enervie-Existenzkrise hausgemacht seien. Als „schwerwiegende Managementfehler“ benennt er das „Verschlafen der Energiemarktliberalisierung“, den „nicht rechtzeitigen konsequenten Umbau auf erneuerbare Energien“, das „leichtfertige Vertrauen des Managements auf den Bestand der Insellage im Versorgungsgebiet bis 2020“, „Fehlinvestitionen in ein fremdfinanziertes, überdimensioniertes Verwaltungsgebäude“ sowie „unterlassene, aber dringend notwendige technische Investitionen“ beispielsweise in die Netzinfrastruktur oder in das Pumpspeicherwerk in Rönkhausen.

Hohe Bankverbindlichkeiten

Zudem habe der Vorstand mit mehr als 40 Kreditinstituten „eine Verschuldungspolitik betrieben, die ihres Gleichen“ suche. Fast ein Drittel des gesamten Kapitaleinsatzes entfalle auf Bankverbindlichkeiten. Damit sei die Enervie in eine gefährliche unternehmerische Abhängigkeit von Banken manövriert worden, so dass der Vorstand zu einem „Erfüllungsgehilfen der externen Geldgeber“ degradiert worden sei.

Bontrup kritisiert, dass nach den Roland-Berger-Vorstellungen die Belegschaft durch den Abbau von 500 Arbeitsplätzen den größten Sanierungsbeitrag liefern solle. Nach seinen Berechnungen würden 87,1 Prozent der angedachten Sanierungsmaßnahmen auf Personalaufwendungen entfallen: „Eine gigantische Umverteilung der von Berger prognostizierten Wertschöpfung zu Lasten der Belegschaft.“ Dagegen sei ein Sanierungsbeitrag der an Enervie prächtig verdienenden Banken, so die Stellungnahme, nicht zu entdecken. So erlösten die Geldgeber zwischen 2007 und 2014 Zinserträge von fast 70 Millionen Euro. Bis 2019 sollen weiter 60 Millionen Euro an Zinserträgen hinzukommen, hinterfragt der Hochschullehrer die eindimensionale Ausrichtung.

Optimistische Hochrechnungen

Dass an der Stilllegung der Erzeugung inklusive Stellenabbau kein Weg mehr vorbeiführe, räumt Prof. Bontrup beim Blick auf die Roland-Berger-Restrukturierungsvorschläge durchaus ein. Allerdings seien die übrigen Maßnahmen in den Acht-Punkte-Plan allesamt zu optimistisch hochgerechnet worden. Selbst die Banken, so der Ökonom, hätten erhebliche Zweifel an der Realisierungsumsetzung der Unternehmensberater-Zahlen und deshalb erhebliche Abschläge auf die von Berger prognostizierten Erträge vorgenommen. Skeptisch blickt der Ökonom beispielsweise auf die erwarteten 60 000 Neukunden im Strom- sowie 25 000 im Gasbereich. Wenig realistisch erscheint ihm zudem, dass durch Optimierungen der Aufbau- und Ablauforganisationen bei Enervie sich das Ergebnis um 18,3 Millionen Euro verbessern lasse.

Hinzu käme eine „realitätsfremde Personalabbauplanung“ in Kombination mit einer „enorm hohen Arbeitsproduktivitätssteigerung“. Für den Personalabbau hat Roland Berger im Rahmen eines Sozialplanes Abfindungen im Volumen von 49,5 Millionen Euro angesetzt, also etwa 100 000 Euro für jeden freizusetzenden Mitarbeiter. Hinzu werden 10,3 Millionen Euro für weitere Restrukturierungskosten wie erhöhte Bankgebühren sowie Beratungs- und Anwaltskosten kalkuliert, so dass sich die Restrukturierungskosten auf knapp 60 Millionen Euro aufaddieren.

Bontrup greift auch die kritischen Berger-Hinweise zur Unternehmenskultur bei Enervie auf, die auf Managementversagen beruhten. Allerdings vermisst er passende Verbesserungsvorschläge und regt daher eine partizipative Unternehmenskultur an. Darunter versteht der Wirtschaftwissenschaftler gelebte Mitbestimmung durch die Beschäftigten, eine umfassende Informationspolitik, ein mitarbeiterzentriertes Ideen- und Innovationsmanagement, kontinuierliche Bildungs- und Qualifikationsprozesse, einen veränderten Personalführungsstil und monetäre Teilhabe an Unternehmenserfolgen.

Schuldenschnitt der Banken

Darüber hinaus schlägt Bontrup eine Sanierungsbeteiligung der Banken in Form eines Schuldenschnitts bei Enervie vor. 60 Millionen – entsprechend dem Darlehn der Anteilseigner – hält er für angemessen. Das entspricht etwa einem Fünftel der aktuellen Verbindlichkeiten. Außerdem erwartet er von den Geldgebern, während der Restrukturierung auf Tilgungs- und Zinszahlungen zu verzichten. Gleichzeitig sollten in seinen Augen auch Lieferanten einen Sanierungsbeitrag (zehn Prozent der durchschnittlich erzielten Umsatzerlöse in den vergangenen drei Jahren) für ihren Kunden liefern.

Abschließend regt Bontrup neue Führungsstrukturen an: „Der Vorstand ist aufgrund des schwerwiegenden Fehlmanagements vollständig auszutauschen und durch einen neu einzustellenden Vorstand zu ersetzen“, unterstützt er die zuletzt formulierte Haltung des Gesamtbetriebsrates ausdrücklich. Darunter reiche eine kleine Führungsmannschaft völlig aus, und auch auf eine Abteilungsleiterebene könne völlig verzichtet werden.

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