Justiz

JVA Hagen nimmt Schlüsselrolle für Häftlinge in NRW ein

Blick aus der Justizvollzugsanstalt Hagen.

Blick aus der Justizvollzugsanstalt Hagen.

Foto: WP Michael Kleinrensing

Hagen.   In der JVA Hagen erhalten Häftlinge aus NRW ihre Zuweisung für ein Gefängnis. Sie ist die einzige „Einweisungsanstalt“ im größten deutschen Bundesland. Vor 40 Jahren wurde das sogenannte Einweisungsverfahren in NRW gestartet.

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Die Hagener Justizvollzugsanstalt (JVA) nimmt im nordrhein-westfälischen Strafvollzug - im wahrsten Sinne des Wortes - eine Schlüsselrolle ein. Sie ist die einzige „Einweisungsanstalt“ im größten deutschen Bundesland. Vor 40 Jahren wurde das sogenannte Einweisungsverfahren in NRW gestartet.

Horst Schmale ist ein groß gewachsener und freundlicher Mensch. Der Verwaltungsleiter führt den Besucher durch das Gebäude in der Hagener Gerichtsstraße. Es ist ruhig auf den Fluren. „Der Normalfall“, sagt er. „Die Gefangenen wollen einen guten Eindruck hinterlassen“ - in der Hoffnung, nach ihrem im Schnitt zwei bis drei Monate dauernden Aufenthalt im Einweisungsverfahren in den offenen Vollzug bzw. in den Genuss schulischer und berufsbildender Maßnahmen zu kommen.

JVA Hagen ist ein Stadtgefängnis

Schritt für Schritt wird klar, was Schmale meint, als er davon spricht, dass sich die Einrichtung mitten in der Innenstadt „nicht wesentlich verändert hat in der baulichen Grundsubstanz“. Der Zahn der Zeit nagt an der 1923 in Betrieb genommenen JVA. Durch die langwierige Diskussion über einen Neubau im Lennetal habe es einen „Investitionsstau“ gegeben, doch jetzt sollen Gelder für Baumaßnahmen fließen.

Die JVA ist ein Stadtgefängnis, mitten in einem Wohngebiet angelegt und im Atriumstil gebaut. Alle Zellenfenster sind zu einem tristen Innenhof gerichtet. Der Hagener Knast gilt als sicheres Gefängnis. „Wer meint, durch Wände bohren oder durch Gitter sägen zu müssen, landet im Innenhof.“ Der letzte Ausbruch liegt lange zurück, sagt Horst Schmale und sucht irgendetwas aus Holz, auf das er klopfen kann. 1997 hatte die Aktion des inhaftierten Norman Franz bundesweite Schlagzeilen gemacht.

Angelika Syrnik leitet JVA Hagen seit elf Monaten

Damals war Angelika Syrnik noch nicht im Amt. Seit Januar leitet die Juristin die JVA Hagen. Sie empfängt den Gast im Besprechungsraum neben ihrem Dienstzimmer und erklärt bei einer Tasse Kaffee Sinn und Zweck des Einweisungsverfahrens. Was sich wie ein Wort aus dem Giftschrank des bürokratischen Sprachgebrauchs anhört, ist ein unmittelbar auf den Menschen einwirkendes Steuerungsinstrument. Dem Menschen, der noch mindestens eine 24-monatige Haftzeit vor sich hat und dem das hehre Ziel des Strafvollzugs ermöglicht werden soll: dass er, wenn er seine Strafe verbüßt hat, ein Leben ohne Straftaten führen kann.

„Bei uns werden Weichen gestellt“, sagt die JVA-Leiterin. Ihr Haus, in dem auch Untersuchungshäftlinge untergebracht sind - verteilt pro Jahr um die 1000 verurteilte Männer auf sechs „Verbüßungsanstalten“ des offenen und elf „Verbüßungsanstalten“ des geschlossenen Vollzugs. Die NRW-Gefängnisse haben unterschiedliche Schwerpunkte. Welche JVA die richtige ist für einen Inhaftierten, darüber wird in Hagen bei einer „individuellen Klassifizierung“ befunden.

Einweisungsverfahren für Diagnose und Prognose

Für Diagnose und Prognose durchlaufen aktuell 380 Inhaftierte das Einweisungsverfahren. Verschiedene Tests und Gespräche mit Psychologen, Sozialarbeitern, Arbeitsberatern und Vollzugsbeamten sollen u.a. hervorbringen, ob ein Gefangener für eine Sozialtherapie oder für schul- und berufsbildende Maßnahmen geeignet ist. „Man darf sich nichts vormachen“, sagt ­Angelika Syrnik, „die meisten ­Gefangenen sind durch Gerichts- und Anwaltskosten oder Opferentschädigungen verschuldet.“ ­Während ihrer Haft sollten sie so weit gebracht werden, dass sie auf dem Arbeitsmarkt zu vermitteln sind.

Die JVA-Chefin redet lebhaft und mit Herzblut über das System Strafvollzug. Sie hält nicht mit ihrer Meinung hinter dem Berg, bezeichnet die durchschnittliche Verweildauer von zwei bis drei Monaten in der Hagener JVA als zu lang. Einige Inhaftierte hätten schon einen guten Teil ihrer Strafe verbüßt, wenn sie nach Hagen kommen. „Manchmal bleibt nicht mehr genug Zeit für anschließende berufsbildende Maßnahmen.“ Überhaupt sei das Verfahren ein eher schleppender Prozess („es kann nicht täglich etwas mit den Gefangenen gemacht werden“), es fehlten Freizeit- und Arbeitsmöglichkeiten auf dem Gelände. „Wenn Sie den ganzen Tag nur in der Zelle sitzen, wird es nicht besser.“ Die Einzelhafträume sind 7,7 oder 7,8 Quadratmeter groß. Darin ein Fernseher mit 20 „vom Haus ausgewählten“ Programmen.

Neue Herausforderung durch Thema Sicherungsverwahrung

Dass die JVA Hagen eine Einweisungsanstalt ist (und auch noch die einzige in NRW) sichert ihren Fortbestand. Und doch sind nach Meinung von Anstaltsleiterin Syrnik und ihrer Stellvertreterin Ursula Scholand-Kuhl Reformen geboten. Eine Arbeitsgruppe im NRW-Justizministerium erarbeitet derzeit Vorschläge. Und auch das Thema Sicherungsverwahrung stellt die Haftanstalt vor neue Herausforderungen.

„Die Anforderungen an das Einweisungsverfahren steigen“ , sagt Angelika Syrnik. Die JVA Hagen hat eben eine Schlüsselrolle.

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