WP-Fotoprojekt

Künstlergespräch mit Lesern im Hagener Kunstquartier

Der junge Fotograf Marvin Systermans (im Bild links) erläutert den Lesern beim Künstlergespräch im Kunstquartier seinen Blickwinkel auf unsere Region.

Der junge Fotograf Marvin Systermans (im Bild links) erläutert den Lesern beim Künstlergespräch im Kunstquartier seinen Blickwinkel auf unsere Region.

Foto: Michael Kleinrensing

Hagen-Mitte.   Im Osthaus-Museum läuft die Ausstellung „Die andere Sicht“. Beim Künstlergespräch mit Lesern erläuterten junge Fotografen ihre Blickwinkel.

„Die Bilder sind nüchtern und klar. Und überhaupt nicht sentimental. Das finde ich genial.“ Uli Steinfort blickt gebannt auf die Motive des jungen Fotografen Marvin Systermans.

„Die abgelichtete Kegelbahn wirkt regelrecht konserviert, hat sich in den letzten Jahrzehnten nicht verändert, hat dadurch einen Wert. Die Kegelbahn ist ein Zeitdokument“, resümiert Uli Steinfort, der in Balve selbst mit seiner Kamera unterwegs und an der Volkshochschule in Menden als Dozent tätig ist.

30 Kunstinteressierte beim Künstlergespräch

Steinfort ist einer von 30 Kunstinteressierten, die am Künstlergespräch im Hagener Osthaus-Museum teilnehmen.

Flankierend zu der von der WESTFALENPOST initiierten Ausstellung „Die andere Sicht“ (wir berichteten) haben ausgewählte Leser die Gelegenheit, sich mit Professor Peter Bialobrzeski und Studierenden der Hochschule für Künste Bremen über die gezeigten Motive, die auf ganz eigene Art den Wandel in unserer Region beleuchten, auszutauschen.

„Die Veranstaltung ist ein Privatissimum. Der kleine Kreis ist angenehm, sehr persönlich und wir kommen leicht in einen Dialog“, unterstreicht Dr. Jost Lübben, Chefredakteur der WESTFALENPOST.

Die Ausstellung „Die andere Sicht“ bewertet der renommierte Fotograf und Professor Peter Bialobrzeski als „nicht schön im klassischen Sinne, sondern überaus gelungen“.

Eine Ansicht, die auch Manfred Heimann teilt. Der Amateur-Fotograf aus Arnsberg ist ins Kunstquartier gekommen, um sich die ungeschönten Motive, die in Hagen, Siegen, Olpe und Arnsberg aufgenommen wurden, anzuschauen, „die Perspektiven sind neu, die Bildkompositionen interessant – eine spannende Werkschau“, urteilt Heimann.

Dynamischer Kreis

Dynamisch gestaltet sich das Künstlergespräch, das die Teilnehmer durch die obere Etage des Osthaus-Museums führt. Vor der in Arnsberg entstandenen Fotoreihe „Glaube, Sitte, Heimat“ von Marvin Systermans entfacht sich ein reger Dialog.

Die zu sehenden Versammlungsorte – Vereinsheime, Schützenhallen, Kegelbahnen – bestechen durch Realität und werfen Fragen nach Moderne und Tradition auf. „Warum haben Sie auf Menschen gänzlich verzichtet?“, möchte Beate Schmies aus Siegen wissen. „Ich habe nicht nach konkreten Motiven gesucht, sondern bin über die Begriffe Glaube, Sitte, Heimat förmlich gestolpert. Dadurch wurden Orte zu meinen Motiven, und nicht Menschen“, erklärt der junge Fotograf, der es mit seiner Serie auf die Auswahlliste für den anerkannten „Sony World Photography Award“ geschafft hat.

„Menschen würden nur stören“, sagt Siegfried Rubbert, passionierter Fotograf aus Hagen, und etliche Anwesende nicken zustimmend.

Keine gekünstelten Gesichter

Ortswechsel: Geschützt in einer Ecke im Museum hängen Porträts von Christina Rabe, ebenfalls Studierende an der Hochschule der Künste Bremen. Sie hat für das ungewöhnliche Fotoprojekt Jugendliche „an die Wand gestellt“. Was die Menschen vor den schäbigen ­Fassaden verbindet? Für Jens Bergmann, Mitglied des Hagener Heimatbundes, die Authentizität, die die jungen Leute widerspiegeln, „die Jugendlichen, die einfach auf der Straße angesprochen wurden, haben kein gekünsteltes Gesicht aufgesetzt. Sie schauen selbstbewusst oder verletzlich in die Kamera, auf jeden Fall wirken sie aber echt“, lobt Bergmann die sensible Arbeit von Christina Rabe.

Strukturwandel und demografischer Wandel

Während des Künstlergesprächs geht Professor Bialobrzeski auch auf Herausforderungen, die der Strukturwandel und der demografische Wandel mit sich bringen – viele gerade junge Leute verlassen unsere Region – ein.

Es sei wichtig, mit einem unvoreingenommenen Blick, den Einheimische oftmals nicht mehr hätten, durch die Städte zu gehen, um verborgene Schätze zu sichten. Deshalb sei es gut, Menschen von außerhalb (wie die Studierenden aus Bremen) zu holen, die mit ungetrübtem Blick die Region betrachten.

Spiel mit Perspektive und Größe

Apropos Blick: Unvoreingenommen und mit jugendlicher Frische hat Studentin Yoshiko Jentczak die Stadt Siegen, die beim Städte-Attraktivitäts-Ranking bekanntermaßen keinen vorderen Platz belegt, ins Visier genommen.

„Zu sehen, wie mit Perspektive gespielt wird und Fragen nach Groß und Klein beantwortet werden, ist ein besonderer Genuss für mich“, lobt Jörg-Thiemann-Linden, Teilnehmer am Künstlergespräch und Stadtplaner in Siegen in einer Person.

Das opulente Hauptbild der Serie „Fernbedient“ – entstanden in der Fernuni Hagen – erinnert an ein Altarbild. „Die virtuelle Lehre kann man schlecht abbilden, deshalb zeige ich Prüfungsräume“, erläutert Fotografin Christina Stohn. Und Professor Bialobrzeski resümiert: „Bildung ist die neue Religion des Strukturwandels.“

>>>HINTERGRUND

  • In dem Projekt #mehralsnurWP“ beschäftigt sich unsere Zeitung mit der Frage nach der Zukunft der Region. Im Rahmen dieses Projektes wurde die Idee zum Fotoprojekt „Die andere Sicht“ geboren. Neben der Ausstellung im Osthaus-Museum, die bis zum 27. Mai läuft, wurde vom Klartext-Verlag auch ein Buch mit Fotografien zum Thema herausgegeben.
  • Das nächste Künstlergespräch mit Lesern findet am 2. Mai im Kunstquartier statt.
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