Raserprozess

Aussagen der Unfallopfer berühren auch die Angeklagten

Hagen.  Emotionaler zweiter Tag im Hagener Raserprozess. Opfer schilderten, wie sie den Unfall erlebt haben. Die Angeklagten wirkten sichtlich betroffen.

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Raserprozess vor dem Landgericht Hagen, zweiter Tag: Es sind die wohl bewegendsten Momente in jenem Verfahren vor der 6. Großen Strafkammer, in dem es darum geht, einen der schlimmsten Verkehrsunfälle der Stadt aufzuarbeiten. Auf der Anklagebank sitzen zwei Männer, 34 und 47 Jahre alt, denen die Anklage vorwirft, am 19. Mai 2016 bei einem illegalen Autorennen einen Unfall verursacht zu haben, bei dem fünf Menschen schwer verletzt wurden. Im Zeugenstand sagt die Mutter des sechsjährigen Jungen aus, der gegen 21 Uhr so schwer verletzt wurde, dass seine Eltern wochenlang um sein Leben bangten.

Immer wieder bricht die 38-Jährige in Tränen aus, sie weint, sie schluchzt. Denn plötzlich kommen die schlimmen Gedanken wieder hoch. An den Unfall, an die lange Zeit in der Klinik, an die mühsame Zeit danach, als ihr Sohn das Laufen wieder lernen musste, als er auch nachts daheim immer wieder schlimme Albträume hatte und als er schließlich ein zweites Mal operiert werden musste. Weil sich die Narbe, die einmal quer über seinen kleinen Bauch reicht, entzündet hatte.

Unfallopfer: "Die Kinder haben geschrien, dann war ich weg"

Sie waren auf dem Rückweg mit ihrem Ford von einem Besuch bei den Großeltern. Sie fuhren über die Feithstraße in Richtung Boelerheide. "Ich fuhr auf die Ampel an der Ecke Universitätsstraße zu und sah plötzlich nur noch, wie dieser rote Wagen auf mich zu raste. Ich habe noch versucht, voll zu bremsen, aber das hat nichts mehr genutzt. Ich weiß noch, wie die Kinder geschrien haben. Dann war ich weg. Als ich wieder zu mir kam, war da nur noch Stille. Ich habe meinen Mann gerufen und gesagt: Schatz, du musst sofort kommen, wir hatten einen schlimmen Unfall."

Als die Mutter aus dem Auto stieg, sah sie das fürchterliche Bild: "Mein kleiner Sohn lag da, er hat so stark geblutet. Dabei saß er eben noch im Auto und hat Lieder gesungen."

Sechsjähriger wurde über Wochen künstlich beatmet

Nichts soll im Leben der Familie aus Boelerheide mehr so sein, wie es einmal war: Der Sechsjährige wird mit einem Helikopter in eine Klinik geflogen. Wochenlang schwebt er in Lebensgefahr. Er erleidet multiple Verletzungen. Der Kiefer muss genäht werden. Ein Teil seinen Dünndarms wird entfernt. Auch die Mutter und die elfjährige Tochter werden mit Rettungswagen in die Gemeinschaftsklinik Herdecke gebracht.

"Als ich meinen Sohn zum ersten Mal im Krankenhaus besucht habe, habe ich ihn kaum erkannt", erzählt die 38-Jährige vor Gericht, "überall waren Schläuche. Am Körper, im Gesicht." Der Sechsjährige muss über Wochen künstlich beatmet werden. Er hat schlimme Schmerzen. Auch, als es ihm wieder besser geht, beginnt er vor Angst zu schreien, sobald ein Arzt sein Krankenzimmer betritt. "Wir mussten ihn festhalten, damit er untersucht werden kann. Das war schrecklich."

Angeklagter schlägt immer wieder die Hände vors Gericht

Während die Mutter spricht, wirken die beiden Angeklagten betroffen. Der 34-Jährige, der am 19. Mai am Steuer eines Audi A6 gesessen hat und dem der Vater des Jungen später bescheinigt, sich am Unfallort um die Verletzten gekümmert zu haben, schlägt immer wieder die Hände vor das Gesicht. Im Prozess hat er bislang geschwiegen. Und der 47-Jährige, der sich persönlich sowohl an den Vater als auch an die Mutter wendet: "Glauben Sie mir, ich habe jede Nacht für Ihre Kinder gebetet. Ich weiß, dass ich das nicht wieder gut machen kann. Aber ich möchte mich von ganzem Herzen entschuldigen."

Ausgesagt hat am zweiten Prozesstag auch Marcel Rudolf. Der 31-Jährige saß am 19. Mai 2016 am Steuer eines Renault, der mit voller Wucht von dem Skoda getroffen und umgeworfen wurde. Er erinnert sich, wie die beiden Fahrzeuge nahezu parallel heranrasten. "Ich wollte noch in die Universitätsstraße ausweichen. Aber das hat nicht geklappt." Auch der Familienvater, der allein im Autos saß, leidet bis heute an den Folgen des Unfalls: "Unmittelbar danach habe ich nicht an die psychischen Folgen gedacht", sagt Rudolf, der sich in Behandlung begeben musste und bis heute seine Kinder nicht im Auto mitnimmt.

Freundin eines Angeklagten wirft Polizei "Druck" vor

Als Zeugin sagt am Morgen auch die 26-jährige Freundin des 34-Jährigen Angeklagten aus. Sie saß auf dem Beifahrersitz. Die junge Frau schildert das Unfallgeschehen, erzählt von einem Smart, der am rechten Fahrbahnrand angefahren sei und dem der Audi habe ausweichen müssen ("Wir sind aber auf unserer Spur geblieben"). Gleichzeitig erhebt sie schwere Vorwürfe gegen die Polizei, als das Gericht sie darauf hinweist, dass ihre Aussagen im Gerichtssaal vom Vernehmungsprotokoll abweichen, welches ein Polizeibeamte im Mai 2016 geschrieben hat. "Ich bin unter Druck gesetzt worden. Ich hatte Angst", sagt die junge Frau. Der Polizist soll sie bei der Vernehmung aufgefordert haben, ihr Handy auszuschalten. "Er stand vor mir, hat mehrmals mit der Hand auf den Tisch geschlagen. Er sagte, das sei alles auswendig gelernter Scheiß. Und er hat gedroht, mich in den Knast zu bringen."

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