Sinfoniekonzert

Mahler in Hagen weichgespült

Mandolinist Jacob Reuven

Foto: Luca Fazzolari

Mandolinist Jacob Reuven

Hagen.  Hagener Philharmoniker starten die Saison mit einem betörend schönen, nicht unproblematischen Programm

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Die Mandoline ist die Geige des Bergmannes und Amors Hilfswerkzeug für die Liebenden. Laien musizieren damit im Zupforchester, und Damen freuen sich über ein Ständchen unter dem Schlafzimmerfenster. Im Sinfoniekonzert verortet man sie definitiv nicht. Deshalb hat der israelische Mandolinist Jacob Reuven (geb. 1976) die Überraschung auf seiner Seite, als er sein Instrument mit den Hagener Philharmonikern unter Generalmusikdirektor Joseph Trafton vorstellt.

Die Fülle des Leisen

Avner Dormans Mandolinenkonzert von 2006 erweist sich als so faszinierende und im Leisen klanggewaltige Musik, dass das Publikum zwischen Verzückung und Verzauberung hin- und hergerissen ist. Der 1975 geborene israelische Komponist schreibt natürlich nicht für großes Orchester, sondern für Streicherensemble, und trotzdem muss die Mandoline verstärkt werden, damit man sie in der Hagener Stadthalle hören kann. Aber dieser Ausflug in die Regionen des Leisen mit ihrer Fülle und ihrem Farbenreichtum überwältigt die Hörer.

Der Komponist führt Mandoline und die Streicher in delikaten Dialogen zusammen, zwischen Archaik und Exotik blühen reizvolle Melodien auf, etwa wenn die Geigen in den höchsten Lagen ein Lied des Soloinstruments begleiten, oder wenn eine Klage der Bratsche orientalische Vierteltönigkeit anklingen lässt. Jacob Reuven spielt hochvirtuos und trotzdem sinnlich, dafür gibt es Riesenbeifall, für den sich der Solist mit der sensationellen Zugabe „Maktub improvisation from Bach to Middle East“ bedankt.

Die Eckpunkte des Programms fahren hingegen volle Orchesterkraft auf, „Don Juan“ von Richard Strauss und Gustav Mahlers 1. Sinfonie verlangen große Besetzungen. Möglich wird das durch eine Kooperation mit den Bielefelder Philharmonikern. Strauss und Mahler sind für das Orchester extrem schwer, das lässt sich nicht immer überspielen. GMD Joseph Trafton inszeniert den „Don Juan“ wie Theatermusik. Das geht ein wenig zu Lasten der lyrischen Passagen, aber die zahlreichen filigranen Soli kommen wunderbar.

Kontraste glattgebügelt

In Gustav Mahlers erster Sinfonie überrascht der Dirigent dann mit einem eigenwilligen Interpretationskonzept. Schon in seiner ersten Sinfonie erschafft Mahler eine rätselhafte Welt voller Kontraste. Kuckucksrufe, Volksliedfragmente, Fetzen von Wirtshausmusik und Bruchstücke von Militärmärschen wehen kaum fassbar vorbei, es gibt raffinierte Experimente mit Raum- und Fernklangwirkungen, die Fenster in andere Dimensionen öffnen, der Erinnerung oder des Traumes. Immer wieder klingen die „Lieder eines fahrenden Gesellen“ an, sie bilden das Rückgrat des Werks.

Doch Joseph Trafton stellt diese Extreme zwischen Tragik und Groteske dezidiert nicht heraus. Er präsentiert stattdessen einen weichgespülten Mahler voller Schönklang. Das wird vor allem im dritten Satz zum Problem, wo der Trauermarsch mit dem Bruder-Jakob-Kanon von grellsten Kneipenklängen unterbrochen wird, was man in dieser Aufführung aber nicht hört, da ihre Schockwirkung glattgebügelt wird. So verliert denn auch der lyrische Mittelteil seine Aussagekraft, der sich auf die Lindenbaum-Passage aus dem „Fahrenden Gesellen“ bezieht, die Mahlers tragisch-optimistisches Lebensprogramm beschreibt: „Lieb und Leid. Und Welt und Traum.“

Diese Zwischentöne des Abgründigen vermisst man ebenfalls in den übrigen Sätzen. Dafür findet Trafton mit dem konzentrierten Orchester spannende Töne, etwa, wenn er den ersten Satz mit einem fast „weißen“ Geräusch der Trommel verklingen lässt oder wenn das Hornsolo im Ländler delikat das Trio einläutet. Im Finale ist das Publikum schließlich begeistert, wenn sich die große Hörnerriege laut Partituranweisung erhebt, um dem Choral „möglichst große Schallkraft“ (Mahler) zu verleihen. Dafür gibt es Bravos und Beifall auch im Stehen.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Leserkommentare (0) Kommentar schreiben
    Aus der Rubrik