Glosse

Mein Hagen: Hilferuf nach mehr Respekt

WP-Redakteur Martin Weiske

WP-Redakteur Martin Weiske

Foto: Michael Kleinrensing

Auf die Protestaktion einer 13-jährigen Schülerin gegen die Corona-Ignoranz an ihrer Schule blickt WP-Redakteur Martin Weiske.

Ich will es nicht über alle Maßen überhöhen, aber in gewisser Weise hat diese Stadt in der zu Ende gehenden Woche eine Lehrstunde zum Thema „respektvoller Umgang miteinander“ erlebt. Und das nicht etwa, weil ein berufener Festredner irgendwo hehre Worte gefunden hat, sondern ein 13-jähriges, entschlossenes Kind ihren Mitmenschen den Spiegel vorhält.

Da setzt sich eine verzweifelte Schülerin bei Temperaturen um den Gefrierpunkt lieber einsam auf den Schulhof, als sich der Corona-Ignoranz ihrer Mitmenschen in geschlossenen Räumen aussetzen zu müssen. Einerseits eine bewundernswerte, konsequente Haltung – andererseits aber eine völlig irrationale Verkehrung der Vorzeichen: Warum soll eine 13-Jährige vor der Masse an Regelbrechern weichen, weil diese – trotz aller Kontrollen und Ermahnungen – keine Sorge vor konsequenter Sanktionierung zu haben brauchen?

Enttarnte Scheinsicherheit

Mit entlarvender Klarheit legt das Mädchen die Defizite eines Regelsystems offen und enttarnt eine Scheinsicherheit, die auf flächendeckendem Sanktionsdruck fußt und von zwischenmenschlicher Einsicht lebt. Beides ist unrealistisch: Dass alle bereit sind, aufeinander aufzupassen und auf Bedürfnisse der Schwächsten Rücksicht zu nehmen, bleibt eine naive Hoffnung – das hat uns diese Pandemie allemal gelehrt.

Nach Grönemeyers „Kinder an die Macht“-Hymne und der fordernden Fridays-for-Future-Bewegung der nächste Fall, wo die Jugend der verknöcherten Erwachsenen-Welt ein klares Signal sendet.

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