Prozess

Mordversuch bei BG-Turnier in Hagen: Sechseinhalb Jahre Haft

Verteidiger Rechtsanwalt Frank Becker (links) im Gespräch mit seinem Mandanten. Dem wird versuchter Mord vorgeworfen.

Verteidiger Rechtsanwalt Frank Becker (links) im Gespräch mit seinem Mandanten. Dem wird versuchter Mord vorgeworfen.

Foto: Michael Kleinrensing

Hagen.   Mordversuch beim BG- Basketball-Turnier in Hagen: Der Angeklagte (20) ist am Donnerstag verurteilt worden. Für ihn geht es ins Jugendgefängnis.

Der Messerstecher vom BG-Turnier muss in Haft: Am Landgericht ist er am Donnerstagmorgen zu sechseinhalb Jahren Jugendhaft wegen versuchten Mordes und gefährlicher Körperverletzung verurteilt worden. Damit ging das Gericht noch über die Forderung der Staatsanwaltschaft hinaus.

Der 20-Jährige wirkte nervös und sichtlich geschockt, als das Gericht das Urteil verkündete. Aus „nichtigem Anlass“ seien völlig unbeteiligte Personen von dem Angeklagten bei dem großen Basketball-Freiluft-Turnier attackiert worden. Die Richter hätten auch lange abgewogen, ob nicht auch die zweite Tat (einem jungen Mann hatte er von hinten in die Schulter gestochen) als Mordversuch zu werten sei. Dann hätte das Urteil noch härter ausfallen müssen. Einem der Geschädigten, der eine entsprechenden Antrag gestellt hatte, sprach das Gericht zudem ein Schmerzensgeld in Höhe von 1000 Euro aus.

Tags zuvor die Plädoyers

Am Mittwoch hatte es die Plädoyers gegeben. Der Angeklagte (20) wirkte sichtlich geschockt, als Oberstaatsanwalt Bernd Haldorn ihm noch am Mittwoch ins Gesicht sagte: „Dieses blinde Hineinstechen in den Körper war nichts anderes als ein versuchter Mord.“ Der Antrag: Für seinen zweifachen Messerangriff am Rande des BG-Turniers im Juli 2018 soll der junge Mann für sechs Jahre ins Gefängnis.

Am Donnerstagmorgen, 9.30 Uhr, verkündete die Große Jugendstrafkammer des Landgerichts ihr Urteil und zog juristischen Schluss-Strich unter eine beinah tödliche Attacke, die lediglich aus sinnloser Aggression heraus entstanden war: „Üblicherweise hat jede Straftat eine Vor- und Nachgeschichte“, wunderte sich der Oberstaatsanwalt, „aber die fehlt hier völlig. Das ist tatsächlich aus heiterem Himmel geschehen.“

Wie berichtet, war es nach dem großen Freiluft-Basketball-Spektakel in der Nacht vom 15. auf den 16. Juli zu dem lebensgefährlichen Zwischenfall im Emster Park gekommen. Gegen Mitternacht hatte der mit Alkohol und Drogen vollgepumpte Angeklagte mit einem Küchenmesser, dass er zuvor auf dem Gelände gefunden haben will, auf zwei arglose Besucher eingestochen. Einen jungen Mann (18) traf die Klinge von hinten in die Schulter, einen zweiten (17) rammte er das Messer von vorn mit Wucht durch den Brustkorb.

Tod in Kauf genommen

„Purer Zufall, welches Organ man dabei trifft“, befand Oberstaatsanwalt Haldorn, „entweder das Herz oder die Lunge. Hier nahm der Angeklagte den Tod eines Menschen in Kauf. Wäre das Opfer nicht sofort operiert worden, wäre es verstorben.“ Das Mordmerkmal der Heimtücke sei gegeben. Der Angeklagte hätte das Messer genauso eingesetzt, wie er es Stunden vorher gegenüber Freunden angekündigt hatte: „Wenn heute Abend jemand Stress macht, steche ich ihn ab.“

Dr. Nikolaus Grünherz (66), Arzt für Psychiatrie, der den Angeklagten im August letzten Jahres in der Jugendhaftanstalt Iserlohn begutachtete, fand Vorfälle, die bis in dessen Jugendjahre zurückreichen: „Bereits als 14-Jähriger war er in einer Clique mit Kumpeln, in der Leute angestochen wurden.“

Je mehr Alkohol, desto gereizter

Auch sei Alkohol schon früh ein Thema für den Angeklagten gewesen. Dr. Grünherz: „Filmrisse, bereits als 15-Jähriger auf Partys. Bier nie. Wenn, dann eine halbe oder ganze Flasche hochprozentigen Alkohol.“ Je mehr er trinke, desto gereizter, provozierbarer und missgestimmter sei er.

Hinzu kämen gut hundert Partys, auf denen er sich regelmäßig Ecstasy-Tabletten, „eine Droge mit Kuschelfaktor“, eingeworfen hätte. Und nicht zuletzt das Rauchen von Cannabis, das bereits im Alter von 13 Jahren im Freundeskreis begann.

Da er damals im Haushalt seiner Urgroßmutter lebte, sei er besorgt gewesen, dass ihr die vom Rauschgiftrauchen geröteten Augen auffallen könnten. Deshalb hätte er zum Vertuschen regelmäßig Augentropfen genommen. „Schon ziemlich trickreich“, befand der Gutachter, „das habe ich so noch nie gehört.“ Zur Tatzeit hatte der Angeklagte Jägermeister intus (1,28 Promille), sowie Ecstasy und Cannabis. Obwohl er damals 20 Jahre und vier Monate alt war, könnte er nach mildem Jugendstrafrecht verurteilt werden. Sein letztes Wort: „Es tut mir wirklich von Herzen leid.“

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