Porträt

Michael Halász - „Provinz ist überhaupt kein Schimpfwort“

Michael Halász, von 1978 bis 1991 GMD in Hagen, folgte dem Ruf an die Wiener Staatsoper.

Michael Halász, von 1978 bis 1991 GMD in Hagen, folgte dem Ruf an die Wiener Staatsoper.

Foto: Privat

Hagen.  13 Jahre agierte der einstige Generalmusikdirektor Michael Halász in Hagen, bevor er nach Wien wechselte. Im Gespräch mit unserer Zeitung erinnert sich der 74-Jährige an diese Zeit zurück und spricht über sein Schaffen.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Der verehrte Maestro Michael Halász war von 1978 bis 1991 Generalmusikdirektor in Hagen. Von der Volme wechselte er als ständiger Dirigent an die Wiener Staatsoper, wo er im vergangenen Jahr seinen Abschied nahm. Für seine rund 40 Plattenaufnahmen findet der ungarische Künstler weltweite Anerkennung. Im Interview erinnert sich der 74-Jährige an seine Hagener Jahre.

Was sind Ihre prägenden Erinnerungen an Hagen?

Michael Halász: Als ich nach Hagen kam, da konnte ich zwar dirigieren, aber ich hatte überhaupt noch keine Probenroutine. Im Grunde genommen habe ich in Hagen mein Opern- und Konzertrepertoire gelernt. Das war sehr, sehr nützlich, denn als ich nach Wien kam, hatte ich schon ein Repertoire. Es ist auch völlig wurscht, ob Sie ein Stück das erste Mal in Hagen dirigiert haben und das zweite Mal in Wien. Das Stück bleibt das Stück, und die Schwierigkeiten eines Stücks sind in beiden Häusern gleich. Es ist mit einem besseren Apparat nur etwas einfacher.

Ist das die Aufgabe der kleinen Theater, dass sie Sprungbrett sind?

Halász: Was heißt denn Sprungbrett? Ich war 13 Jahre in Hagen, und ich habe dort genau die Stelle gefunden, die mir behagt und wo ich die Qualifikationen erfülle. Ich fand das nicht ehrenrührig, in Hagen Chefdirigent zu sein. Als dann Wien kam und ich springen musste, habe ich es mir zweimal überlegt: In Hagen war ich in einer ungekündigten Stelle und in Wien vielleicht nur ein Jahr. Ich habe es doch gemacht, weil ich es mir nie verziehen hätte, es nicht versucht zu haben. Aber ohne 13 Jahre Hagen wäre das Wiener Engagement nicht möglich gewesen.

Wie ist es in Wien?

Halász: Das Niveau ist wahnsinnig hoch. Neben Hagen hatte ich schon ziemlich viel in Hamburg und Berlin dirigiert, und in Wien war es dann oft so, dass die Repertoirevorstellungen besser waren als eine Premiere in den genannten Häusern. So etwas hatte ich noch nie erlebt. Dass man diesen Anforderungen genügt, ist allerdings eine Bestätigung für die Jahre in der Provinz. Provinz ist kein Schimpfwort, so empfand ich das auch nie. „Salome“ von Strauss hat in der Provinz genauso viele Noten und ist an manchen Stellen genauso schwer wie in Wien.

Sie werden für Ihre Diskografie international gerühmt. Welche Bedeutung haben Plattenaufnahmen heute? Sind sie eine Art künstlerisches Vermächtnis?

Halász: Vermächtnis? Nein. Es ist eine praktische Visitenkarte geworden, es eignet sich für etwas, das in unserer heutigen Kulturlandschaft wahnsinnig wichtig ist: Namedropping. Als Hinterlassenschaft habe ich das nie betrachtet.

Warum?

Halász: Persönlich nehme ich mich und was ich getan habe nicht so wichtig. Ich habe meine Arbeit gemacht. Ich habe ein Stück so dirigiert, der andere würde es anders dirigieren. Zu sagen: Jetzt habe ich das eingespielt und nun ist meine Sicht Standard? Na, bitte! Und außerdem: Mich interessiert es herzlich wenig, was die Nachwelt über mich denken wird, wahrscheinlich deshalb, weil ich ganz gelassen bin.

Woher kommt die Gelassenheit?

Halász: Ich habe ein Opernrepertoire von etwa 90 Stücken. Das bedeutet, dass ich fast alles, was mir wichtig war, dirigiert habe. Im Konzert habe ich das sogenannte normale Repertoire, also alle klassischen und romantischen Sinfonien plus die so genannte Moderne. Es ist natürlich nie lückenlos. In ein Konzert brauche ich nicht zu gehen, ich kann mich ja mit einem Stück beschäftigen, nehme eine Partitur und höre das, was ich lese. Das ist ein Privileg – Noten lesen zu können! Deshalb bin ich auch so gelassen. Ich habe in Wien nach 20 Jahren im vergangenen Jahr aufgehört. Gut, ich werde 75, ich habe genug gearbeitet. Das ist jetzt ein tolles Leben. Meine Frau und ich fahren mit dem Auto runter nach Italien, wann wir wollen, während der Spielzeit – wenn die anderen arbeiten! Das ist auch ein Privileg. Und man hat Zeit und Muße und kann noch gehen und noch denken und atmen. Ich werde weiter Plattenaufnahmen machen und dirigieren.

Ich bin in Wien unheimlich viel eingesprungen. Diese schnellen Übernahmen, das war mein Metier. Und sie haben mich schon angerufen, im „Rosenkavalier“ einzuspringen, in einer Viertelstunde, weil Jeffrey Tate krank wurde. Aber es kam nicht dazu. Das passte mir.

Das Theater Hagen ist durch die Haushaltskrise der Stadt in seiner Existenz bedroht.

Halász: Diese Diskussionen habe ich damals schon alle mitgemacht. Wenn es heute noch schlimmer ist, tut mir das leid. Das Land müsste mehr für die Kultur tun, das können die Städte alleine nicht stemmen, das ist ein Strukturfehler. Das ist in Baden-Württemberg und in Bayern total anders. Ich glaube, dass viele Politiker in Hagen die Sache so sehen wie wir, nur dass sie sagen: Wie soll ich das bezahlen? Auch wenn der Etat des Theaters in Hagen im Vergleich zu anderen Städten aus der Portokasse zu bezahlen wäre.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Leserkommentare (1) Kommentar schreiben