Batteriehersteller

Millionen-Strafe und U-Boot-Unfall belasten Hawker aus Hagen

Foto: Hans Blossey

Hagen/Buenos Aires.  Erst eine 23-Millionen-Euro-Kartellstrafe, nun die Verbindung zur argentinischen U-Boot-Tragödie: Der Batteriehersteller Hawker ist unter Druck.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Es hat weltweit für Betroffenheit gesorgt, das Schicksal der 44-köpfigen Besatzung des argentinischen U-Boots „San Juan“. Seit Mitte November wird das Unterseeboot vermisst, der argentinische Verteidigungsminister Oscar Aguad hat die 43 Männer und eine Frau inzwischen für tot erklärt. Als mögliche Ursache für die Tragödie gilt ein Defekt in der Batterieanlage.

Und damit rückt auch Hagen in den Fokus der Öffentlichkeit: Denn die zum US-Batterie-Giganten EnerSys gehörende Firma Hawker mit Sitz in Wehringhausen hat die Batterien für das 1983 in Emden vom Stapel gelaufene ­U-Boot geliefert, als dieses vor ­wenigen Jahren generalüberholt wurde. Nach einer 23 Millionen Euro teuren Kartellamtsstrafe im Juni macht das Hagener Unternehmen damit zum zweiten Mal in diesem Jahr Negativ-Schlagzeilen.

Die Vorwürfe

Von einer schlampigen Arbeit, von einer mangelnden Dokumentation der Arbeiten und auch von möglichen Schmiergeldzahlungen beteiligter Unternehmen an argentinische Politiker ist nach Recherchen des Bayrischen Rundfunks die Rede. Geäußert wird der Verdacht unter anderem vom argentinischen Verteidigungsminister und von Cornelia Schmidt-Liermann, Abgeordnete des argentinischen Parlaments mit deutschen Wurzeln: Man wissen nicht, ob alle Batterien bei der Generalüberholung tatsächlich ausgetauscht worden seien und in welchem Land sie tatsächlich hergestellt worden seien.

Beide Politiker gehören der Partei des konservativen Präsidenten Mauricio Macri an, die Vorwürfe beziehen sich aber auf die Zeit, als noch die links-peronistische Präsidentin Christina Kirchner an der Spitze des Landes stand. Sie hatte die Generalüberholung des U-Boots auch als ein nationales Prestigeprojekt verkauft. Ob die massiven Vorwürfe nun auch innenpolitischen Schuldzuweisungen geschuldet sind , lässt sich derzeit schwer beurteilen. Cornelia Schmidt-Liermann ließ eine Anfrage der WESTFALENPOST gestern unbeantwortet

Das Unternehmen

Das Hagener Unternehmen Hawker schweigt bislang zu den Vorwürfen. Geschäftsführer Magnus Becker, seit 1. April 2014 im Amt, will auf WP-Anfrage derzeit keinen Kommentar abgeben. Das letzte Wort in Kommunikationsfragen liegt beim Mutterkonzern EnerSys in den USA. Hawker gilt als einer der etwa fünf großen Hersteller von U-Boot-Batterien, die weltweit das Militär beliefern. Außer in die USA und nach Russland. Beide Staaten lassen keine ausländischen Lieferanten auf den Markt.

Nach Recherchen der WESTFALENPOST wurden die Batterien aus dem nun verschollenen U-Boot tatsächlich von Hawker hergestellt. Ob noch in Hagen oder im Zweigwerk in Bulgarien ist derzeit unklar. Denn zu dem Start der Generalüberholung der „San Juan“ , gibt es unterschiedliche Zeitangaben. In das südosteuropäische Land wurde die Produktion der U-Boot-Batterien im Jahr 2007 von Wehringhausen aus komplett verlagert. In Hagen werden die Batterien zwar auch heute noch weiterhin entwickelt, produziert werden hier dagegen hauptsächlich Batterien für Gabelstapler.

Ob in Hagen oder Bulgarien hergestellt – geliefert hat Hawker die Batterien auf jeden Fall, allerdings nicht eingebaut. Hawker-Experten sollen zwar beraten haben, die Arbeiten an sich wurden aber wohl von den Argentiniern selbst durchgeführt. Und: In den annähernd zehn Jahren seit dem Einbau hat es nach WP-Informationen keinerlei Reklamationen aus Argentinien gegeben und schon gar keine Regressforderungen an Hawker.

Auch von den Schmiergeld-Ermittlungen, die laut der argentinische Politiker 2010 „unter den Teppich gekehrt“ worden seien, ist offensichtlich bislang in der Hawker-Zentrale nichts bekannt gewesen. Dass Schmiergeld-Zahlungen geflossen sein könnten, zumal auf dem südamerikanischen Markt, halten Branchenkenner indes nicht für ausgeschlossen.

Das Kartellverfahren

Unabhängig davon werden die aktuellen Schlagzeilen für neuerliche Unruhe in dem Unternehmen mit seinen rund 370 Mitarbeitern am Standort Hagen sorgen. Erst Ende Juni hatte eine 23-Millionen-Euro-Strafe des Bundeskartellamtes für große Aufregung gesorgt. Hawker soll mit anderen Mitbewerbern illegale Preisabsprachen getroffen haben. Es ging um den so genannten Metallteuerungszuschlag.

Den dürfen die Hersteller von bleihaltigen Batterien zwar verwenden, um das Risiko von Rohstoffpreischwankungen auf die Kunden abzuwälzen. Illegal sind allerdings die offensichtlich erfolgten Absprachen von mindestens drei Anbietern, diesen Abschlag einheitlich anzuwenden. Eines der Unternehmen, das sich selbst angezeigt hatte, blieb straffrei, die Firma Hoppecke aus Brilon, die laut Kartellamt voll umfänglich kooperiert habe, musste 4,96 Millionen Euro Strafe bezahlen. Viel weniger als die knapp 23 Millionen, die die Firma Hawker zahlen soll. Die hat laut Kartellamt aber auch nicht voll kooperiert.

Geschäftsführer Magnus Becker hatte im Juni im WP-Interview erklärt, dass man nur 12,6 Millionen Euro der Strafe anerkenne, die weiteren 10 Millionen Euro aber nicht. Das Unternehmen hat nach WP-Informationen eine Klage vor dem Oberlandesgericht in Düsseldorf eingereicht – Ausgang offen.

Produktion der U-Boot-Batterien nach Bulgarien verlegt

Ob Hawker durch die U-Boot- Tragödie in Argentinien erneut in die Bredouille kommt, wird sich nun zeigen. Eine offizielle Bestätigung, ob in dem U-Boot tatsächlich Batteriezellen von Hawker eingebaut wurden, gibt es noch nicht. Klar ist aber schon jetzt: Hergestellt worden wären sie dann nicht in Hagen. Denn schon im Jahr 2007 hatte Hawker die Produktion von dem Standort an der Wehringhauser Straße in das Werk nach Bulgarien verlegt. In Hagen werden die Batterien zwar auch heute weiterhin entwickelt, produziert werden hier dagegen vorwiegend nur noch Batterien für Gabelstapler.

Dabei hat Hagen tatsächlich eine lange Tradition als Hersteller von Batterien für U-Boote. Das Unternehmen AFA (später Varta), das zuvor am heutigen Sitz von Hawker beheimatet war, war im Ersten und Zweiten Weltkrieg der Hauptproduzent im Deutschen Reich.

Der Essener Anlagenbauer Ferrostaal, der in der Vergangenheit bei mehreren U-Boot-Aufträgen im Ausland unter Schmiergeld-Verdacht geraten war, wies am Wochenende jede Verantwortung von sich. Ein Sprecher betonte, dass Ferrostaal den Sanierungsauftrag seinerzeit lediglich vermittelt und dafür eine Provision erhalten habe. Inzwischen habe sich das Unternehmen aus Geschäften dieser Art ganz zurückgezogen.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Leserkommentare (1) Kommentar schreiben