Porträt

Mit Dr. Christian Kingreen auf dem Hagener Drei-Türme-Weg

Ein Gespräch über Frieden, Hilfsaktionen, Umweltschutz und Familie: Dr. Christian Kingreen und Yvonne Hinz stapfen durch den Schnee. Foto:Michael Kleinrensing

Ein Gespräch über Frieden, Hilfsaktionen, Umweltschutz und Familie: Dr. Christian Kingreen und Yvonne Hinz stapfen durch den Schnee. Foto:Michael Kleinrensing

Hagen.   Mit 80 Jahren steht Dr. Christian Kingreen in seiner Praxis und kümmert sich um Menschen. Eine Aufgabe, die ihn sein Leben lang begleitet hat.

Es schneit. Und schneit. Und schneit. „Was gucken Sie denn so miesepetrig? Das Wetter ist doch herrlich.“ Christian Kingreen lächelt mich an, atmet die kalte Luft tief ein, würde seinen Blick sicherlich gern weiter schweifen lassen, doch die Schneeflocken tanzen vor unseren Augen und versperren uns die Fernsicht. Ich könnte den verschneiten Tag oberhalb des Stadtgartens ebenfalls genießen, wenn ich nicht mit dem Auto hierher gefahren wäre. Ich hab’ beim Autofahren bei Eis und Glätte einfach Muffensausen.

„Ich fahre nie – oder sagen wir fast nie – mit dem Auto“, unterstreicht Christian Kingreen. Früher hat der bekannte Hagener Hautarzt und erklärte Pazifist alles mit dem Fahrrad erledigt, „bis ich zweimal gestürzt bin. Ich hatte Glück, aber seitdem nehm’ ich den Bus oder gehe zu Fuß“.

Cargohose, Anorak und Rucksack

Christian Kingreen, den ich eingeladen habe, mit mir über den Drei-Türme-Weg zu gehen und über sein Leben, seine Arbeit und seine Ansichten zu sprechen, hat sich nicht verkleidet. Derbe Schuhe, Cargohose, Anorak, Rucksack – so kenne ich und so kennen viele Hagener den großgewachsenen Mann.

„Hier oben am Goldberg war ich schon viele Jahre nicht mehr. Wir sind mit dem Hund ja immer auf Haßley und in Holthausen unterwegs.“ Mit wir meint Christian Kingreen seine Frau Hildegund, ein eingespieltes Team. Die beiden haben 1964 geheiratet.

Ein Freund von frischer Luft

Der Schnee knarzt unter unseren Sohlen. Wir müssen auf die Wurzeln, die sich durch den Waldboden gekämpft haben, achten, denn der Schnee hat vieles zugedeckt. „Die frische Luft tut gut“, sagt Christian Kingreen, „Bewegung und Sauerstoff haben eine antidepressive Wirkung. Das ist für unsere Psyche wichtig“. Kingreen lächelt: „Und das sagt jetzt nicht der Mediziner, sondern der Mensch.“

Christian Kingreen wirkt, als wir uns nachmittags treffen, entspannt und fit, obwohl er den halben Tag in der Praxis Patienten behandelt hat. Er ist vor wenigen Tagen 80 geworden, „ach, ein Datum“, winkt er ab. „Ich stecke einiges weg. Das liegt wohl daran, dass ich in einer Großfamilie im Sauerland aufgewachsen bin. Wir waren sieben Kinder, sieben Jungs, ich war der zweitjüngste“.

Und dann erzählt er von seiner Kindheit in Lüdenscheid, seinem Medizinstudium anfangs in Marburg, später in Wien (Kingreen: „Das Beste an Wien war, dass ich dort meine spätere Frau kennengelernt habe“) und dann in Münster, und von ihrer gemeinsamen Zeit in Bremen. „Ich hab’ in Bremen meine Facharztausbildung absolviert, und Hildegund und ich stiegen 1967 bei ,terre des hommes’ ein.“

Mit Empathie für das Leid der Welt

Seit dieser Zeit sind die Kingreens mit dem Kinderhilfswerk, das sich gegründet hatte, um verletzten Kindern aus den Kriegsgebieten in Vietnam zu helfen, eng verbunden. „Wir haben die Kinder nach Bremen geholt, behandelt und betreut und sie in Kliniken und Einrichtungen in Deutschland untergebracht“, erinnert sich Christian Kingreen.

„Unsere beiden Söhne wurden 1965 und 1967 geboren. Doch wir konnten vor dem Leid auf der Welt doch nicht die Augen verschließen“, sagt Kingreen unprätentiös. 1968/69 ging er für mehrere Monate als ärztlicher Leiter von ,terre des ­hommes’ nach Westafrika, um dort Kindern aus Biafra, die vom Hungertod bedroht waren, medizinisch zu helfen. In den folgenden Jahren (bis Mitte der 1980er) reiste Kingreen noch etliche Male nach Vietnam, um dort humanitäre Hilfe zu leisten.

„Boat-People“-Kinder aufgenommen

Dass die Kingreens zwei Kinder adoptiert haben (ein vietnamesisches Mädchen und später ein amerikanisch-deutsches Mädchen), haben sie nie an die große Glocke gehängt. Obwohl es in den 1960er/70er-Jahren absolut ungewöhnlich und kompliziert war, Kinder aus anderen Ländern zu adoptieren.

Und 1979 hat die Familie zwei „Boat-people“-Kinder zu sich genommen, zwei junge Vietnamesen, die in einem überladenen Boot aus ihrer Heimat geflohen sind. „Mit ,terre des hommes’ haben wir 19 Kinder nach Hagen geholt – es war eine große Rettungsaktion“, sagt Christian Kingreen. Knapp drei Jahre waren die pubertierenden Jungen bei den Kingreens, „keine ganz leichte, aber eine unvergessene und schöne Zeit“.

Großfamilien machen stark

Wie das Umfeld auf die zeitweise sechsköpfige, heterogene Familie reagiert hat? „Das war uns egal. Wir hatten immer ein offenes Haus und einen offenen Garten.“ Kingreen überlegt einen Moment, sagt mit fester Stimme: „Flüchtlinge haben ­immer unser Leben begleitet.“ Woher diese Gelassenheit, Selbstvertrauen und dieser Optimismus kommen? „Meine Frau und ich stammen ja beide aus Großfamilien, und da ist vieles nicht planbar, vieles läuft nicht immer perfekt ab, aber irgendwie klappt das meiste dann doch.“

Die Kälte um uns rum spüren wir nicht, wir haben uns im Schnee warm gelaufen. Und kommen auf Kingreens Wirken als Mediziner zu sprechen. Den Spagat zwischen dem Leben in der Öffentlichkeit, in dem man auch schon mal diplomatisch agieren müsse, und dem Leben als Arzt, bei dem jeder Patient gleich behandelt werde, habe er im Laufe der Jahre zu meistern gelernt. An vier halben Tagen pro Woche kümmert sich Kingreen in der Dermatologen-Praxis in der Elberfelder Straße 55 um seine Patienten, alle 14 Tage hat er einen Operations-Tag im AKH.

Mehr Fahrradwege für Hagen

„Ich habe immer das Bedürfnis gehabt, Menschen zu helfen. Da ticken meine Frau und ich gleich, das schweißt uns auch so zusammen.“

Genau wie der Einsatz für den Frieden – Kingreen ist seit 1991 Vorsitzender des Vereins „Hagener Friedenszeichen“ – und der Kampf für die Umwelt. Natur, Klima, Umweltschutz – Themen, die Christian Kingreen seit Jahrzehnten unter den Nägeln brennen. „1973, während der Ölkrise, habe ich öffentlich gefordert, mehr Fahrradwege in Hagen zu bauen.“ Kingreen schüttelt den Kopf: „Wenn mein Vorschlag damals auf fruchtbaren Boden gefallen wäre, hätte sich Hagen verkehrspolitisch anders entwickelt.“

Sich für die Umwelt und für erneuerbare Energien stark zu machen, ist für Kingreen eine Selbstverständlichkeit, „obwohl – manchmal werde ich in puncto Ressourcenschonen auch schwach und steige in ein Flugzeug. Wir sind ja alle keine Engel.“

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