Bürokratie

Müllautos dürfen höchstens 150 Meter rückwärts fahren

Viele Straße in Hagen – wie hier in Wehringhausen – sind steil und eng. Das wird es mancherorts schwierig machen, auch die gelockerten Bedingungen zur Umgehung des Rückwärtsfahrverbotes

Foto: Michael Kleinrensing

Viele Straße in Hagen – wie hier in Wehringhausen – sind steil und eng. Das wird es mancherorts schwierig machen, auch die gelockerten Bedingungen zur Umgehung des Rückwärtsfahrverbotes Foto: Michael Kleinrensing

Hagen.  Das Rückwärtsfahrverbot für Müllfahrzeuge ist ein wenig gelockert. Trotzdem wird es wohl für viele Straßen in Hagen Neuregelungen geben müssen.

Das Problem mit dem von der Unfallkasse NRW geforderten Rückwärtsfahrverbot für Müllfahrzeuge ist in Hagen weiter nicht gelöst. Zwar ist die Regelung inzwischen etwas gelockert und präzisiert worden, doch die Folgen für die Bürger sind weiter unklar.

Im Zweifel müssen betroffene Bürger demnächst ihre Mülltonnen weitere Wege bis zur nächsten Straßenecke selbst schieben. Oder der städtische Hagener Entsorgungsbetrieb (HEB) muss zusätzliche wirtschaftlich deutlich weniger effiziente Klein-Müllautos kaufen - mit möglichen Folgen für die Abfallgebühren.

Derzeit läuft weiter die Untersuchung der rund 900 betroffenen Straßen. „Wir sind relativ weit“, sagt der zuständige HEB-Bereichsleiter Winfried Sasse. Bis nächstes Jahr hofft er auf Ergebnisse.

Zur Erinnerung: Seit nunmehr zwei Jahren beschäftigt das Thema sehr intensiv den HEB genauso wie alle andere Entsorgungsunternehmen in Nordrhein-Westfalen. Die Unfallkasse NRW – der Versicherer der kommunalen Unternehmen – hatte im Jahr 2015 alle Entsorger auf das Rückwärtsfahrverbot hingewiesen. Eigentlich aus heiterem Himmel. Denn die Vorschrift, auf die sich die Unfallkasse bezieht, stammt aus dem Jahr 1979. Demnach darf Müll nur abgeholt werden, „wenn ein Rückwärtsfahren nicht erforderlich ist“.

Mehr Klarheit nach Protest

Trotzdem ist mehr als 35 Jahre rückwärts gefahren worden – zumindest in Hagen auch ohne große Vorkommnisse. Unfälle, bei denen Menschen zu Schaden gekommen sind, sind aus den vergangenen rund zehn Jahren nicht bekannt. Und mit einem, meist aber zwei Einweisern und technischen Vorkehrungen (Piepton beim Rückwärtsfahren, Kamera für den Fahrer) wird schon lange gearbeitet.

Entsprechend groß ist das Unverständnis beim Hagener Entsorgungsbetrieb, warum jetzt die Regeln auf einmal so streng ausgelegt werden. Zumal Hagen aufgrund der topographischen Verhältnisse mit teils steilen und engen Straßen besonders betroffen ist.

Kriterien für Rückwärtsfahren

Inzwischen hat der landesweite Protest zumindest für etwas mehr Klarheit gesorgt. Das Rückwärtsfahren bleibt zwar weiter generell verboten, es kann aber Ausnahmen geben, wenn gewisse Kriterien erfüllt werden:

  • So soll die Gesamtstrecke, die rückwärts zurück gelegt wird, nicht länger als 150 Meter sein.
  • So muss der Abstand links und rechts des Müllautos zu parkenden Pkw, Bäumen, Schildern etc. mindestens jeweils 50 Zentimeter betragen. Bei einer Breite von etwa 2,55 Meter der Standard-Müllfahrzeuge muss eine Straße also mindestes rund 3,50 Meter breit sein.
  • Die freie Sicht im Rückspiegel des Fahrers darf – etwa durch in den Straßenraum ragenden Pflanzenwuchs – zu keiner Zeit behindert sein.

Mehr als 900 Straßen betroffen

Die Maßgaben sind weiter eine hohe Hürde für Hagen, weiß Winfried Sasse vom HEB: „Wir haben mehr als 900 Straßen, in denen wir derzeit rückwärts fahren. Für alle brauchen wir jetzt eine Gefahreneinschätzung in drei Kategorien: Sind sie ungefährlich, besteht eine mittlere Gefahr oder eine größere Gefahr.“ Am Ende könnte es bei rund 450 Straßen Handlungsbedarf geben. „Auch nach den Erfahrungen aus anderen Städten gehen wir davon aus, dass etwa die Hälfte der Straßen als ungefährlich gewertet werden kann.“

Wie die Folgen für die andere Hälfte aussieht, soll sich bis spätestens nächstes Jahr zeigen. Ob und wo kleiner Müllfahrzeuge eingesetzt werden müssen und wie teuer möglich Investitionen in den Fuhrpark werden könnten, ist noch unklar.

Ein Ziel ist aber klar formuliert: „Wir wollen — auch angesichts einer alternden Gesellschaft – unter allen Umständen vermeiden, dass die Bürger ihre Mülltonnen selbst über weite Wege schieben müssen“, so Winfried Sasse. „Ausschließen kann ich das heute aber noch nicht.“

>> HINTERGRUND: Die Fahrzeuggrößen

  • Derzeit sind täglich zwölf Müllfahrzeuge unterwegs, um die Restmülltonnen zu leeren. Auf ihnen sind jeden Tag 34 Mitarbeiter im Einsatz.
  • Acht von ihnen sind die großen standardmäßigen 26-Tonnen-Fahrzeuge mit drei Achsen, zwei sind etwas kleinere 18-Tonnen-Fahrzeuge mit zwei Achsen und zwei noch kleinere 15-Tonnen-Fahrzeuge.
  • Bei den kleineren ist die Lademenge entsprechend kleiner: Sie müssen öfter zur Leerung zur Müllverbrennungsanlage fahren.
  • Hinzu kommt noch ein Spezialfahrzeug: Ein 7,5 -Tonner, der nur 2,10 Meter (im Gegensatz zu 2,55 Meter bei den großen) breit ist. Hier zeigt sich der Unterschied: Während die großen Fahrzeuge 11,7 Tonnen Abfall laden können, sind es hier nur 1,7 Tonnen.
  • Rund 55 000 Restmülltonnen müssen in Hagen geleert werden, etwa 43 000 davon wöchentlich, der Rest 14-tägig.

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