Jubiläum

Müllverbrennung als ökologisches Vorzeigeprojekt in Hagen

Daniel Klug ist Kranführer im Bunker der MVA.

Foto: Michael Kleinrensing

Daniel Klug ist Kranführer im Bunker der MVA. Foto: Michael Kleinrensing

Hagen.   Die MVA in Hagen wird 50 Jahre alt. Es ist vielleicht nicht übertrieben zu sagen, dass die Hagener stolz sind auf ihre Müllverbrennungsanlage.

Es gab eine Zeit vor der Müllverbrennungsanlage. Vor 50 Jahren verbreitete dort, wo heute der Hamecke-Park Ruhe und Erholung bietet, eine Mülldeponie bestialischen Gestank. Rauch von Schwelbränden stieg auf, Ratten und Ungeziefer huschten umher. Den Bau der Anlage an der Nahtstelle von Boelerheide und Altenhagen bezeichnete der damalige Oberbürgermeister Wrede als „Rettungsanker gegen die Müll-Lawine“.

Bis heute hat sich das positive Renommee des Verbrennungsofens gehalten, betrachten die Anlieger die riesige Halle mit dem hoch aufragenden Schlot als Teil ihres Wohnumfeldes – in der Wutbürger-Ära, in der wir uns befinden, ein bemerkenswerter Umstand. „Ab und an gibt es eine Lärmbeschwerde“, berichtet Annett Hehl, seit 2001 als Chemie-Ingenieurin an der MVA tätig: „Im Großen und Ganzen befinden wir uns mit der Nachbarschaft in friedvoller Koexistenz.“

Hagener stolz auf ihre Anlage

Es ist vielleicht nicht übertrieben zu sagen, dass die Hagener stolz sind auf ihre Müllverbrennungsanlage (MVA). Das 40-jährige Jubiläum wurde 2007 mit 10 000 Besuchern gefeiert, und auch heute, zum 50. Jahrestag, werden zahlreiche Bürger auf dem Firmengelände erwartet (siehe Box). „Es gibt doch nichts Besseres als Müll zu vernichten und das Verbrennungsprodukt auch noch weiterzuverarbeiten“, zeigt sich Ingenieurin Hehl begeistert. So ganz nebenbei wird dabei Strom produziert, gilt die MVA als ökologisches Vorzeigeprojekt.

120 000 Tonnen pro Jahr

Was die vollbeladenen Müllwagen in die vier großen Schleusen auf der Rückseite der MVA kippen, ist ausschließlich Haus- und Gewerbemüll. Rund 120 000 Tonnen werden pro Jahr verbrannt, die Kapazitätsgrenze der Anlage ist erreicht. „Mehr Müll können wir nicht annehmen“, berichtet Jacqueline Jagusch, Sprecherin des Hagener Entsorgungsbetriebs: „Die Nachfrage ist da, aber wir können sie nicht bedienen.“

Der Hausmüll stammt aus Hagen (55 000 Tonnen), Dortmund (20 000 t) und Siegen-Wittgenstein (17 000 t); was außerdem verbrannt wird, sind Gewerbeabfälle. Edmond Gashi (29) arbeitet an der Schleuse, wenn es so richtig schmutzig wird, trägt er eine Feinstaubmaske: „Das ist eine sinnvolle Tätigkeit, schließlich muss der Müll beseitigt werden.“ Schubböden transportieren den Müll in die Anlage hinein, in den turmhohen Bunker.

Feuer brennt autark

Hier lagert ein gigantischer Müllberg. Hier ist das Reich von Daniel Klug (24), der im Wechseldienst mit drei weiteren Kranführern für die Durchmischung und Aufbereitung des Mülls verantwortlich ist und zudem ein Auge darauf haben muss, dass das Feuer im Ofen nie erlischt. Um die Flammen am Leben zu halten, werden keineswegs Heizöl oder andere Brandbeschleuniger verwendet. Vielmehr brennt das Feuer autark, weil es ständig neue Nahrung erhält – 24 Stunden lang an 365 Tagen im Jahr.

Wenn der Abfall im Stapelbunker eine Zeitlang getrocknet hat, hebt Klug ihn mit einem Greifer in einen der drei Trichter, die stets mit einer acht Meter hohen Müllsäule gefüllt sind. So gewährleistet er den fortwährenden Nachschub für die darunter liegenden Verbrennungskessel und sorgt für steten Sauerstoffabschluss zwischen Ofen und Bunker. „Ansonsten könnte es zu einer Rückzündung kommen“, sagt er.

Konstante 1150 Grad

In den gut 20 Meter hohen Kesseln fällt der Müll auf Rostwalzen, wird getrocknet, entgast und gezündet und verbrennt schließlich bei einer konstanten Temperatur von 1150 Grad. Was übrig bleibt, ist eine teigige Schlacke, die zum Abkühlen in ein Wasserbad plumpst, anschließend vom Wasser getrennt und in den sogenannten Aschebunker geleitet wird, von wo sie auf Lkw verladen wird. „Das Material wird im Straßenunterbau verwendet“, so Annett Hehl.

65 Beschäftigte – Schlosser, Elek­triker, Müllwerker, Betriebsarbeiter, Ingenieure und Reinigungskräfte sorgen in einem Vier-Schichten-System dafür, dass die MVA nie still steht. Denn vom Funktionieren der Anlage ist nicht nur die thermische Verwertung des Abfalls abhängig, sondern auch der Badespaß im Westfalenbad.

Dampf zum Heizen

Mit dem bei der Vernichtung des Mülls erzeugten, 197 Grad heißen Dampf werden das Schwimmbad und außerdem das Heizwerk in Helfe, Ischelandstadion und Ischelandhalle, das Theodor-Heuss-Gymnasium und die Meinolfschule geheizt. Zudem bezieht die Textilfirma Berendsen für ihre Arbeitsabläufe sogenannten Prozessdampf. „Das alles senkt den Verbrauch von Primärenergie und den Ausstoß von Kohlendioxid“, hebt Jagusch die ökologische Bedeutung der MVA hervor.

Obwohl die MVA auf diese Weise 70 Millionen Kilowattstunden in Form von Fernwärme abgibt (was rund 7 Millionen Litern Heizöl entspricht), bleibt Dampf übrig. Das ist vor allem in den Sommermonaten, wenn weniger Fernwärme zum Heizen benötigt wird, der Fall. Deshalb wurde vor drei Jahren eine neue Stromturbine in Betrieb genommen, die von dem Dampf auf Touren gebracht wird und deren erzeugten Strom die MVA wiederum zum Eigenbedarf nutzt. „Ein perfekter Kreislauf“, findet Jagusch. Dadurch ließen sich jährlich fast 10 000 Tonnen Kohlendioxid einsparen, von den zurückgefahrenen Stromkosten ganz zu schweigen.

Anzeigetafel für Emissionswerte

Die Turbine war nicht die einzige Innovation, die im vergangenen halben Jahrhundert an der MVA realisiert wurde. Bereits vor 30 Jahren wurde eine Rauchgasreinigungsanlage installiert; Katalysatoren und Absorber sorgen seitdem dafür, dass nahezu gereinigter Wasserdampf aus dem Schlot quillt. Auf einer Anzeigentafel am Eingangstor der MVA können jederzeit die aktuellen Emissionswerte (Staub, Kohlenstoff, Chlorwasserstoff, Schwefeldioxid und Stickstoffdioxid) abgelesen werden. „Wir liegen weit unter den Grenzwerten““, berichtet Ingenieurin Hehl.“

Derzeit sieht alles danach aus, als werde es die Müllverbrennungsanlage weitere 50 Jahre geben. Müll wird schließlich immer produziert werden. Hier ist er willkommen.


>> HINTERGRUND: Große Familienfeier

  • Am Samstag, 23. September, steigt an der Müllverbrennungsanlage (MVA) Hagen eine große Familienfeier anlässlich des 50-jährigen Bestehens der Anlage. Von 11 bis 18 Uhr wird auf dem Außengelände gefeiert. Für Kinder gibt es Müllwagenfahrten, Bastelaktionen, Karussells und Hüpfburgen. Größere Kinder können sich am Kletterturm probieren oder sich mit einem Fluggerät in große Höhen ziehen lassen.
  • Kinder dürfen während der Feier auf den Müllwagen fahren.
  • Die „Groove Onkels“ trommeln gemeinsam mit den Gästen auf Mülltonnen und Eimern, die Band „Substitutes“ sorgt für Stimmung und das Phoenix-Dance-Team zeigt sein Können. Kleine Stars wie die Tanzgruppe der Grundschule Helfe und große Künstler wie die Max-Reger-Musikband sorgen für Unterhaltung.
  • Zur Stärkung gibt es Snacks vom Grill und aus der Pfanne sowie Kuchen. Führungen bieten einen Einblick in die Müllverbrennungsanlage. Die Johanniter Unfallhilfe, der Löschzug Eckesey und die Verbraucherzentrale informieren über ihre Arbeit.
  • Der Eintritt ist kostenlos. Wer keine Lust auf die lästige Parkplatzsuche hat, stellt sein Fahrzeug am Otto-Ackermann-Platz (Höing) ab und nutzt den kostenlosen Shuttle-Service zum Festgelände. Komfortabel ist die Anreise auch mit den Bussen der HVG: Linien 528, 512 oder 527 (Haltestelle Boeler Straße) und die Linien 512, 527, 542 oder 544 (Haltestelle Siedlerstraße/HVG).
  • Aufgrund der Feierlichkeiten bleibt die MVA am Samstag geschlossen. Die Anlieferung ist erst wieder ab Montag, 25. September, möglich.

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