Kultur

Nach Intendanten-Debakel Aufbruchstimmung in Hagens Theater

Blick in das große Haus des Hagener Theaters. Hinter den Kulissen der Traditionsspielstätte arbeitet ein Kreativ-Team aktuell am Spielplan für die Spielzeit 2017/2018.

Blick in das große Haus des Hagener Theaters. Hinter den Kulissen der Traditionsspielstätte arbeitet ein Kreativ-Team aktuell am Spielplan für die Spielzeit 2017/2018.

Hagen.   Die Mitarbeiter des Hagener Theaters senden zum Ende eines turbulenten Jahres eine deutliche Botschaft. Auf den Fluren herrscht Aufbruchstimmung.

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So viel ist erzählt, so vieles geschrieben worden. Vor und hinter den Kulissen. Rund um die schwierige Intendanten-Suche für das Hagener Theater ist auch mit Schmutz geworfen worden. So wurde die bereits ausgeguckte Kandidatin Dominique Caron letztlich doch nicht Intendantin, nach dem es aus vielen Ecken der deutschen Theater-Landschaft Hinweise zu ihren mangelnden Führungsqualitäten und ihrem fehlenden wirtschaftlichen Geschick gegeben hatte. In Richtung des Aufsichtsrates, der Theater-Mitarbeiter und der Stadtverwaltung. Manches sachlich, manches übermäßig persönlich. Die Debatte und der öffentliche Zank haben dem Theater nicht gut getan. Und dennoch hat es die Arbeitsmoral, die Leidenschaft für die Bühne und die Loyalität hunderter Mitarbeiter zur Hagener Spielstätte nicht zerstört. Ganz im Gegenteil: Auf den Fluren und Gängen des Hauses ist Aufbruchstimmung zu spüren.

Tonmeister und Aufsichtsrat

Dass der Ton die Musik macht, weiß niemand so gut wie Mathias Woelk. Er ist Tonmeister im Hagener Theater, Mitglied der Mitarbeitervertretung und des Aufsichtsrates. Er weiß gleichermaßen zu erzählen über die Magie des Theaters, aber auch über die Suche nach geeignetem Führungspersonal. In beiden Angelegenheiten – das wird deutlich, wenn man den 50-Jährigen in seiner seinem Tonregie-Büro hinter den Sitzreihen des Parketts besucht – schlägt das Theater-Herz in Woelks Brust. „In diesem Haus arbeiten so viele Leute, die geile Arbeit abliefern“, sagt er etwas salopp, „die Kollegen brennen für das Theater.“

Intendaten-Suche jetzt mit Bedacht

Nach der Absage Carons sei eine Ruhe eingekehrt. Jetzt, da die Intendanten-Suche noch einmal mit Bedacht und wohl auch mit externer Hilfe angegangen werde, sei ein Klima entstanden, in dem vor allem eines zähle: die Arbeit. „Die Leute haben große Lust, etwas zu schaffen“, sagt Woelk, der übrigens vor 18 Jahren am Theater Hagen unterschrieb, weil die Antwort auf sein Bewerbungsschreiben unglaublich emotional auf ihn gewirkt habe. „Ich fühlte mich erreicht und mir wurde vermittelt: Du und deine Arbeit können dieses Theater voranbringen.“

Während der neue Intendant noch gesucht und immer konkreter wird, wie die 1,5 Millionen Euro des geforderten Einsparvolumens erreicht werden können,, besinnen sich die rund 300 Mitarbeiter auf die Arbeit, auf ihre Leidenschaft für die Hagener Bühne. „Solange es keinen neuen Intendanten gibt, plant unser Kreativ-Team die nächste Spielzeit. Wir alle freuen uns auf das, was die Kollegen da erdenken.“

Nur fünf Monate Zeit für den Spielplan

Mit dem Fahrstuhl geht es hinauf in die vierte Etage des Verwaltungsgebäudes des Theaters. Ins Büro von Marketing-Leiter Jürgen Pottebaum, der neben Orchesterdirektorin Antje Haury, Oberspielleiter Thilo Borowczak, dem künftigen Generalmusikdirektor Joseph Trafton und Geschäftsführer Michael Fuchs Mitglied dieses Kreativ-Teams ist. Der Termin dauert eine Stunde, und Pottebaum spricht durch. Darüber, wie man eigentlich einen Spielplan in fünf Monaten statt eineinhalb Jahren zusammenbaut, über Inhalte, Gagen, Zeitverträge und Wagnisse.

Wagnisse gegen Abo-Kunden

„Wir brauchen im September ein Stück, das zieht“, sagt Pottebaum mit Blick auf den Beginn der Spielzeit 2017/2018. Er verrät nur so viel: „Es wird ein Musical sein.“ Einen Spielplan mit den Erfahrungen von Mitarbeitern des Hauses zu gestalten und dem Wissen darüber, was in Hagen gut ankommt und was möglicherweise nicht, sei eine spannende Herausforderung. Aber traut man sich vor diesem Hintergrund auch mal etwas Neues zu? Oder geht man lieber auf Nummer sicher, um am Ende nicht das Kreativ-Team gewesen zu sein, das sich verzockt hat? „Nein“, sagt Jürgen Pottebaum, „aber wir müssen uns bei jeder neuen Produktion und allen Neuheiten, die vielleicht für einen Abend neues Publikum ins Haus ziehen, auch immer fragen, ob wir damit auch den klassischen Abo-Kunden zufriedenstellen können.“

Die klare Botschaft: „Wir spielen.“

Schon im März soll das Spielplan-Heft stehen. Redaktionell in seinen großen Blöcken sogar schon im Januar. Hoch ambitioniert, vor allem vor dem Hintergrund, dass für jede einzelne Produktion jede einzelne Position vom Regisseur bis zur Sängerin mit kleiner Rolle einzeln und individuell besetzt werden muss. „Wir sind sehr zuversichtlich, dass am Ende ein sehr spannender Spielplan stehen wird. Wir spüren den Rückhalt und die positive Stimmung im Hause“, sagt Pottebaum vor dem Hintergrund der öffentlichen Hitze um das Haus in der jüngeren Vergangenheit. „Wir wollen hier das klare und qualitative Zeichen setzen, dass hier trotz aller Spar- und Personaldiskussionen weiter gute Arbeit geleistet wird. Wir spielen – das ist die Botschaft, die die Menschen erreichen soll.“

>> Was muss das Kreativ-Team beachten?

Die Stücke: Das Kreativ-Team muss erdenken, welche Stücke aus welchen Gattungen zwischen September und Ende Juli gespielt werden sollen. November bis Januar sind die verkaufstärksten Monate. Heißt: Hier sollten die bekanntesten Sachen präsentiert werden. Keine Experimente.

Ensemble und Orchester: Es besteht aus neun Leuten. Wo und wie intensiv kann es eingebunden werden und wie viele Gäste werden für welche Produktionen benötigt? Das Orchester hat einen engen Tarifvertrag. Im Rahmen dieses Vertrages muss geklärt werden, wann, wo und wie gespielt werden kann.

Die Gäste: für nahezu alle Produktionen muss das Theater Gäste einkaufen: Sänger oder Schauspieler. Geeignete Gäste sucht das Kreativ-Team über die Künstlervermittlungsstelle der Agentur für Arbeit, über Künstler-Agenturen, oder man geht Empfehlungen von Angestellten des eigenen Hauses nach. Jeder Gast, der in Betracht kommt, wird dann zum Vorsingen eingeladen.

Die Gagen: Es gibt die Kategorien A, B, C und D zur Einordnung von Spielstätten. Hagen ist ein B-Haus. Entscheidend bei der Kategorisierung ist die Größe des Orchesters. An der Kategorie bestimmt sich die Höhe der Gagen. Wird jemand als Gast engagiert, erhält er eine Pauschale für alle Proben und eine Abendgage für jede Aufführung. Hochklassige Sänger können in einem B-Haus Abendgagen zwischen 700 und 1000 Euro bekommen. Musical-Darsteller erhalten ungefähr 300 Euro Abendgage.

Regisseure: Hier helfen auch die Kontakte von Noch-Intendant Norbert Hilchenbach, der über Jahre mit dem gleichen Stamm an Regisseuren gearbeitet hat. Wichtig bei der Auswahl: Leistungsvermögen und Kenne des Hauses.

Neuheiten: Das Musical „Avenue Q“ (Kooperation mit der Musik-Hoschule Osnabrück), ist ein Verkaufsschlager. Die Kooperation soll es mit einem anderen Stück auch in der nächsten Spielzeit geben. Erstproduktionen fördert das NRW-Kultursekretariat finanziell.

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