Medizin

Nach OP in Hagen: Khulkar (9) startet in ihr neues Leben

Khulkar (9) aus Usbekistan wurde im St.-Josefs-Hospital von Dr. Ingo Kuhfuß (2.v.r.) und Oberarzt Dr. Alexander Schromm operiert. Links Sekretärin Isabella Capici, die sich um das Kind gekümmert hat.

Khulkar (9) aus Usbekistan wurde im St.-Josefs-Hospital von Dr. Ingo Kuhfuß (2.v.r.) und Oberarzt Dr. Alexander Schromm operiert. Links Sekretärin Isabella Capici, die sich um das Kind gekümmert hat.

Foto: Hubertus Heuel / WP Hagen

Altenhagen.  Man darf sich gar nicht ausmalen, welche Schmerzen Khulkar erlitten haben muss, als ihre Beine verbrannten. In Hagen wurde das Mädchen operiert.

Verzweiflung und Angst stehen der neunjährigen Khulkar ins Gesicht geschrieben. Soeben haben Oberarzt Alexander Schromm und die Schwestern die Pflaster und Verbände gewechselt, das Kind hat gewimmert vor Schmerzen und ist traumatisiert. Dennoch: „Khulkar ist ein extrem tapferes Mädchen“, lobt Dr. Schromm seine kleine Patientin.

Und obwohl dies eine Geschichte der Schmerzen ist, eine Geschichte des Leids, ja der physischen und psychischen Qualen, so ist es doch eine Geschichte mit glücklichem Ausgang. Denn Khulkar kann wieder gehen. Sie kann ihre Knie wieder strecken. Bald wird sie wieder laufen und herumtollen mit den anderen Kindern in Samarkand, jener historischen Stadt in Usbekistan, in der das Unglück seinen Lauf nahm.

Was genau passiert ist und an welchem Tag im Jahr 2015 sich Khulkar die furchtbaren Verbrennungen zugezogen hat, weiß weder jemand vom behandelnden Personal im St.-Josefs-Hospital noch vom Friedensdorf International in Oberhausen, einer gemeinnützigen Organisation, die schwer verletzte Kinder zur Behandlung nach Deutschland bringt. „Der Unfall muss im Haushalt passiert sein“ – mehr hat Friedensdorf-Sprecherin Natalie Broll nicht herausfinden können.

Mädchen verschlossen und traumatisiert

Die kleine Khulkar, die sich einer fremden Umgebung mit lauter fremden Menschen gegenübersieht, reagiert verschlossen und spricht nicht über ihre Familie und das, was sie erlebt hat. Am Ende aller Tage ist es auch zweitrangig, wie es zu dem Unglück kommen konnte, das ihre Kindheit zerstörte. Eines ist sicher: „Khulkar muss über einen langen Zeitraum fürchterliche Schmerzen gehabt haben“, sagt Dr. Ingo Kuhfuß, Chefarzt für Plastische Chirurgie am St.-Josefs-Hospital: „Sie hat von den Oberschenkeln bis zu den Füßen Verbrennungen dritten Grades erlitten. Und sie ist nicht fachgemäß behandelt worden.“

So kam es, dass sich starkes Narbengewebe bildete, das nicht wie unsere normale Haut geschmeidig und elastisch, sondern hart ist und unter Spannung steht. In den Kniekehlen zogen sich die Narbenstränge mit der Zeit zusammen wie ein im Eis erstarrtes, nasses Tau und machten es dem Kind unmöglich, die Beine zu strecken. Khulkars Knie blieben dauerhaft gebeugt, sie kam nur noch mühsam humpelnd voran. Zudem rissen die unflexiblen Narben das kaum verheilte Epithel auf Khulkars Haut immer wieder auf, so dass das Mädchen infolge der ungenügenden medizinischen Behandlung auch fünf Jahre nach dem Unglück noch offene Wunden aufwies. Eines dieser Löcher war zehn mal fünf Zentimeter groß.

Sechs Stunden Operation unter Vollnarkose

Sechs Stunden lang wurde Khulkar unter Vollnarkose von Dr. Kuhfuß und Dr. Schromm operiert. Zunächst entfernten die Ärzte das harte Narbengewebe. Da die Wunde nicht einfach zugenäht werden konnte, änderten sie die Narbenrichtung, indem sie die Hautränder gegeneinander verschoben und aus der geraden eine Zickzacknarbe machten. Zudem transplantierten sie Haut aus dem Oberschenkel in die Kniekehlen. Nun können alle Wunden verheilen.

Und Khulkar kann auch ihre Beine wieder strecken, jedenfalls theoretisch. Nach so vielen Jahren des Martyriums wird sie erst wieder lernen müssen zu gehen und zu laufen. Die Verbands- und Pflasterwechsel sind qualvolle Prozeduren für das kleine Mädchen, das zunächst noch Beinschienen tragen muss. Khulkar hat Isabella Capici, die Sekretärin von Dr. Kuhfuß, zu ihrer Bezugsperson erkoren, an sie schmiegt sie sich an und lässt sich trösten. „Wir verständigen uns per Google-Übersetzer“, sagt die Mitarbeiterin des St.-Josefs-Hospitals. Denn niemand in Hagen oder Oberhausen spricht Usbekisch bzw. eine verwandte Sprache.

Gute Erinnerung an Aufenthalt in Hagen

Khulkar, so scheint es, hat noch nicht so ganz begriffen, dass es ihr bald wieder besser gehen wird. Bald darf sie zu ihren Eltern und ihrem Bruder in Samarkand zurückkehren, und auch wenn noch ein weiter Weg vor ihr liegt, bevor sie wieder mit ihren Spielgenossen herumtollen kann wie früher, so wissen die Leute in Deutschland, mit denen sie es zu tun hatte, doch jetzt schon, dass sie es geschafft hat. Und dass sie eines Tages gern an ihren Aufenthalt in Hagen zurückdenken und wissen wird, dass man ihr in jener fernen Stadt ein neues Leben geschenkt hat.

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