Arbeitsmarkt

Nur Teilzeitstellen bringen Plus bei Beschäftigtenzahlen

Die Zahl der Beschäftigten hat in Hagen zugenommen – aber es geht nicht immer um Vollzeitstellen.

Die Zahl der Beschäftigten hat in Hagen zugenommen – aber es geht nicht immer um Vollzeitstellen.

Foto: Michael Kleinrensing

Hagen.   Hagen hat weniger Vollzeitstellen als im Jahr 2007 – und auch der Gesamtanstieg bei Stellen ist deutlich geringer als im NRW-Durchschnitt.

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Wie sehr sich der Wegzug von knapp 950 Stellen bei Douglas, Nordwest, Putsch und Schenker unterm Strich bei der Zahl der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten in Hagen auswirken wird, ist noch unklar. Erst die Statistik der Bundesagentur für Arbeit in ein paar Monaten wird belastbare Daten liefern, ob der Wegzug durch die Schaffung von Jobs an anderer Stelle kompensiert werden konnte.

Schon jetzt ist aber klar: Hagen hat in den vergangenen zehn Jahren deutlich sowohl bei der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung (2007: 65.771; 2016: 69.062) als auch bei Mini-Jobs (2007: 17.330; 2016: 18.322) zugelegt. Wenn man wie Oberbürgermeister Erik O. Schulz sogar das Jahr 2006 als Bezugsgröße nimmt (65.587 Beschäftigte), dann sind es mehr als 4400 neue sozialversicherungspflichtige Beschäftigte.

Mit dieser Zahl konterte der OB in der Diskussionsrunde der WESTFALENPOST zum Thema Wirtschaft im Zuge unserer Initiative „Was braucht Hagen?“ den Begriff des „Schwarzen Herbstes“. Den hatte die WP angesichts des massiven Stellenwegzugs geprägt.

Rasanter Anstieg nur bei Älteren

Der Blick in die Statistik zeigt allerdings auch: Hagen hat zwar an Stellen zugelegt – der Trend in Nordrhein-Westfalen war aber weitaus günstiger: Im Vergleich zum Jahr 2015 hatte Hagen bei der Zahl der sozialversicherungspflichten Beschäftigten um 1 Prozent zugelegt - der NRW-Schnitt lag aber bei plus 2,5 Prozent. Noch deutlicher wird dies beim Vergleich mit dem Jahr 2011: Hagen hat 2,5 Prozent Beschäftigte hinzugewonnen, in NRW lag das Plus aber bei 9,4 Prozent.

Einige weitere Trends:

Das Wachstum bei der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung ist zum größten Teil mit dem Anstieg der Teilzeitarbeit zu erklären: Hier gab es binnen zehn Jahren mehr als 5000 Stellen (von 12.515 auf 17.916), die Zahl der Vollzeitstellen hat zuletzt zwar wieder zugenommen, liegt aber heute (51.142) niedriger als noch im Jahr 2007 (52.366).

Die Anzahl der Unter-25-Jährigen bei den sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten hat sich seit zehn Jahren quasi nicht verändert (2007: 7015; 2016: 7006), rasant gestiegen ist dagegen Jahr für Jahr die Zahl der 50- bis 64-Jährigen um mehr als 7000 (2007: 16.130; 2016: 23.829).

Die Zahl der geringfügig Beschäftigten (Minijobs bis 450 Euro) ist zwar seit 2007 gestiegen, gewachsen ist dabei aber der Anteil derer, die das Ganze als Nebenjob tun – also im Zweifel noch als Zweitjob neben dem regulären Beruf (2007: Nebenjob für 3810 von insgesamt 17.330 Mini-Jobbern, 2009: Nebenjob für 5564 von insgesamt 17.330 Mini-Jobbern).

Politik will mit neuer Gewerbeflächen-Gesellschaft und Positiv-Image Wirtschaftsstandort stärken 

Die Wirtschaftsschlagzeilen, die Hagen im zu Ende gehenden Jahr 2016 produzierte, klangen alles andere als ermutigend: Die Douglas AG – einst untrennbar mit dem Standort Hagen verbunden – hat ihren Stammsitz nach Düsseldorf verlegt. Handelsriese Nordwest hat seinen lange angekündigten Umzug nach Dortmund umgesetzt, Putsch hat seine Unternehmensverlagerung in Richtung Wuppertal begonnen. Und der Bahn-Logistiker Schenker hat offenbart, für weite Teile seiner in Hagen ansässigen Sparten keine Zukunft mehr zu sehen. Mehr als 1000 gut dotierte Arbeitsplätze gingen der Stadt damit in Summe verloren.

Ein Aderlass, den die Stadtredaktion in der Schlagzeile komprimierte: „Schwarzer Herbst für Hagen“. Ein eher ernüchternd-deprimierende Bestandsaufnahme, die gleichzeitig Redebedarf signalisierte. Daher trafen sich jetzt im Hagener Pressehaus an der Schürmannstraße die Spitzen der Hagener Ratsfraktionen, um im Rahmen des von der WESTFALENPOST initiierten Dialogprozesses „Was braucht Hagen“ gemeinsam mit WP-Chefredakteur Jost Lübben und Stadtredaktionsleiter Michael Koch den Ist-Zustand sowie die Perspektiven für Unternehmen und Arbeitnehmer am Standort Hagen zu diskutieren.

Und diese Diskussion blieb nicht ohne Ergebnis: Bei allen Unterschieden im Detail einigte sich die Gruppe auf vier Leitlinien, die künftig das Handeln von Politik und Verwaltung in Sachen Wirtschaft prägen sollen: Unten rechts auf diese Seite sind diese vier Leitlinien, in denen es um den Dialog, die Flächenpolitik, den Service und das Image Hagens geht, kompakt aufgeführt. Doch vor dem Ergebnis stand erst einmal die Diskussion.

Schwarzer Herbst oder nicht?

Für völlig unangemessen hält FDP-Fraktionschef Claus Thielmann die Formulierung „Schwarzer Herbst“. In Hagen seien in den vergangenen Jahren deutlich mehr neue Arbeitsplätze entstanden als jetzt durch die Abwanderung von Unternehmen verloren gingen. Mit der Hagen-Agentur sei inzwischen eine Form gefunden, mit der man sich sowohl als Neuinteressent als auch als Bestandsunternehmer ernst genommen fühle: „Eine Unternehmensbegrüßungskultur ist inzwischen durchaus vorhanden.“

Ähnlich positiv auch die Bilanz von Oberbürgermeister Erik O. Schulz, der keinerlei Schwarzer-Herbst-Gefühle erkennen mochte. „Ich glaube auch nicht, dass Hagen in einer schweren Krise steckt. Da möchte ich deutlich widersprechen. Wir lassen die 1120 Kontakte, die die Wirtschaftsförderung im vergangenen Jahr hatte, auch nach Qualität bewerten.“ Dabei sei die Resonanz durchaus positiv, verwies Schulz auf das Feedback von Investoren. Eine Krise habe es bei der Enervie gegeben, weil es dort um Existenzfragen gegangen sei. Für den Wirtschaftsstandort Hagen sei dieser Begriff hingegen unangemessen.

Zudem betonte Schulz: „In dieser Stadt sind in den vergangenen zehn Jahren 4475 neue, sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnisse entstanden.“ Diese Zahl müsse man der These eines „Schwarzen Herbstes“ entgegenstellen. Davon seien allein im letzten Jahr 654 hinzugekommen (plus 1 Prozent) „Das ist gemessen an einer sinkenden Bevölkerung erst einmal gut.“ Zumal der Anteil im produzierenden Gewerbe mit 27 Prozent (Dortmund: 18,4 Prozent) ausgesprochen hoch sei.

Die Schwachstellen

Verärgerte zeigte sich OB Schulz über die jüngste Kritik aus Reihen des „Unternehmerrats Hagen“ rund um Winfried Bahn – weil diese ihre Kritik in den Medien artikuliert hätten, ohne vorab mit dem Verwaltungschef das Gespräch zu suchen. „Wer für sich die Kompetenz für Kommunikation und den respektvollen Umgang miteinander reklamiert, von dem hätte ich mir offene Kritik im direkten Gespräch gewünscht. Ich bin der Letzte, der für Impulse, Ideen und Unterstützung nicht zu Verfügung stehen würde, wenn sich 60 Unternehmen zusammentun und Mängel aufdecken, Anregungen geben und signalisieren, Verantwortung übernehmen zu wollen.“ Rein inhaltlich stimmt Schulz zu: „Acht Monate auf eine Baugenehmigung zu warten oder sechs Monate auf ein Gutachten zum Brandschutz – da brauchen wir nicht drüber zu reden, da gibt es Luft nach oben.“

Auch Grünen-Fraktionschef Jochen Riechel nahm die Kritik aus dem Unternehmerrat aus Korn: Die Unternehmer hätten in der Vergangenheit immer kritisiert, dass die Stadtverwaltung völlig überbesetzt sei und daher dort zuerst gespart werden müsse. „Jetzt beklagen genau die gleichen Leute, dass sie nicht rechtzeitig abgefertigt werden, weil das Personal fehlt.“ Das sei eben das Resultat. Hagen fehlten als einer Stadt mit der höchsten Pro-Kopf-Verschuldung einfach die Mittel, hier mal eben Personal einzustellen.

„Wir müssen einfach lernen, intelligenter Prioritäten zu setzen und nachzuschärfen“, forderte SPD-Fraktionschef Claus Rudel. „Zu lange ist in der Ära Dehm mit dem Instrument des Rasenmähers gearbeitet worden.“ An dieser zu simplen Herangehensweise leide Hagen bis heute. Rudel mahnte eine gemeinsame Bestandsaufnahme und Bewertung an, um für die Politik, aber auch die Unternehmen eine Basis dafür zu schaffen, wie die Wirtschaftszukunft in Hagen gestaltet werden sollte.

Dazu gehöre aber auch eine bessere finanzielle Ausstattung der Kommunen, um Handlungsfähigkeit zu erzeugen, mahnte Linken-Ratsherr Ralf Sondermeyer an. „Wir fahren beim bestehenden Personal voll auf Verschleiß. In manchen Fachbereichen werden Berge an Überstunden vor sich her geschoben.“ Der Fachbereich Bauen weise bereits seit vielen Jahren darauf hin, dass der aktuelle Sparkurs nicht mehr lange durchgehalten werden könne. Hier seien vor allem Bund und Land in der Pflicht, die Nothaushaltskommunen besser zu unterstützen.

Dies war ebenso für Thorsten Kiszkenow, Ratsgruppe Bürger für Hohenlimburg/Piraten, der entscheidende Punkt: „Mehr Leute dort einzustellen, wo die Vakanzen auftauchen, bedeutet auch immer, an anderer Stelle einsparen zu müssen. Denn wir wollen keine neuen Steuererhöhungen. Uns muss von außen geholfen werden.“

Wie das Klima verbessern?

Parallel dazu, so Hagen-Aktiv-Chef Josef Bücker, brauche Hagen aber auch wesentlich mehr Zuversicht und positive Ausstrahlung. Viele Zeitungsgeschichten würden nur darauf abzielen, der Kaste der Hagener Nöhler eine Plattform zu bieten. „Hagen muss sich nach außen anders darstellen, damit die Unternehmer gerne kommen. Wir müssen aber auch im Rat einen anderen Eindruck erzeugen und am Bild der Zerstrittenheit arbeiten.“

CDU-Fraktionschef Wolfgang Röspel setzt auch auf die Einbindung der Wirtschaft: Bei der Aufstellung der Hagen-Agentur im Jahr 2010 sei auch ein Wirtschaftsbeirat gegründet worden, in dem sich sieben Unternehmen gemeinsam mit SIHK und Kreishandwerkerschaft wiederfinden sollten. „Ich frage mich heute, wenn jetzt wieder an anderer Stelle ein Unternehmerbeirat auftaucht, was aus dem Wirtschaftsbeirat geworden ist. Das Instrumentarium war da, war von der Politik ausdrücklich gewollt, ist aber nie mit Leben gefüllt worden.“

Der Rat habe es nach einer ersten Gewerbesteuererhöhung zumindest geschafft, 2016 eine zweite zu verhindern. Auch das gehöre zu einer Willkommenskultur in Hagen. Die Politik müsse jedoch ihre Öffentlichkeitsarbeit überdenken, damit wieder mit Optimismus nach vorne geblickt werden könne.

Um dieses positive Image zu unterstreichen, müsse man die Stadt lieben, in der man lebt, appellierte Grünen-Fraktionssprecher Jochen Rieche. Zur so wichtigen Prioritätensetzung gehöre, zunächst einmal zu definieren, wo man mit der Stadt hin wolle. „Da müssen wir als Politik sagen, was wir favorisieren. Wollen wir fest definierte Leuchttürme durchziehen, oder auf dem gleichen, etwas schwammigen Niveau weitermachen wie bisher?“ Die einst in dieser Stadt gepflegten Zukunftsforen hätten dafür eine gute Grundlage geliefert, seien aber wieder versandet.

Das Gewerbeflächen-Problem

Als wesentliches Zukunftsinstrument wird quer durch alle Ratsfraktionen die neu gegründete Hagener Industrie- und Gewerbeflächen GmbH (HIG) aufs Schild gehoben, die schrittweise dafür sorgen soll, den eklatanten Flächenmangel für Unternehmensansiedlungen und -erweiterungen zu beseitigen. Bis zum Jahr 2030, so ein Gutachten der Wirtschaftsmetropole Ruhr, werden in Hagen immerhin 65 Hektar Fläche benötigt, um den potenziellen Bedarf der Betriebe befriedigen zu können. Oberbürgermeister Schulz zeigte sich durchaus stolz, dass es innerhalb eines Jahres gelungen sei, die neue Gesellschaft an den Start zu bringen und mit einem Startkapital von einer Million Euro auszustatten.

Ralf Sondermeyer (Linke) erinnerte an dieser Stelle an die politischen Fehler der Vergangenheit. So sei es etwa strategisch wenig klug gewesen, entlang der Eckeseyer Straße Baumärkte anzusiedeln, wo auch lärmintensive Industriebetriebe hätten Platz finden können. „Wenn man so mit Gewerbeflächen umgeht, muss man sich schon einmal grundsätzlich überlegen, wohin man strukturell in Hagen steuern will.“

„Eine Stadt wie Hagen kann nicht ernsthaft in Konkurrenz zu Städten wie Hamm oder Unna treten, die auf der flachen Wiese einfach einen Claim für Gewerbe abstecken“, erinnerte Jochen Riechel daran, dass angesichts der Topographie solche Areale zu realistischen Preisen gar nicht mehr zur Verfügung gestellt werden können. „Wir dürfen uns auch nicht der Illusion hingeben, dass mit der Gründung der HIG jetzt irgendwelche Gewerbeflächen aus dem Hut gezaubert werden.“ Vorrangig müsse versucht werden, mit Hilfe der Gesellschaft Fördermittel für Brachflächen abzugreifen. Außerdem müsse der Fokus auf die zahlreichen Reserveflächen im Lennetal gerichtet werden, die heute alle in Privatbesitz seien, weil sie einst großzügig an die dort ansässigen Firmen verkauft wurde, aber bis heute nicht genutzt würden.

Dennoch, so SPD-Fraktionschef Rudel, dürfe Hagen nicht resignieren, sondern müsse um Flächen für Industrieansiedlungen wie das Böhfeld – notfalls auch auf Kosten der Landwirtschaft – ringen: „Ich glaube nicht, dass Hagen die Kornkammer von NRW ist, und deshalb müssen wir an dieser Stelle auch nicht diese landwirtschaftlichen Flächen vorhalten. Man muss das eine tun, ohne das andere zu lassen – die Reaktivierung von Brachflächen ist natürlich mindestens genauso wichtig.“ Hier müsse die HIG schrittweise wachsen, sicherte OB Schulz zu, in alle Richtungen offen zu sein und notfalls Investitionsmittel auch über Kredite finanzieren zu wollen.

Auf diese vier Leitlinien haben sich die Diskussionsteilnehmer verständigt:

  1. Dialog: Auch wenn Kritik geübt wird, wie jüngst durch den „Unternehmensrat“, der Dialog zwischen Verwaltung, Politik und Wirtschaft ist wichtig und muss weiter ausgebaut werden. Es ist gut, wenn Positionen auch deutlich artikuliert werden, um sich damit auseinandersetzen zu können.

  2. Flächen: Es herrscht Übereinstimmung, dass es ein wichtiges Ziel von Politik und Verwaltung ist, Unternehmen ausreichend Gewerbeflächen zur Verfügung zu stellen. Brachflächen müssen nutzbar gemacht werden. Die neue städtische Gesellschaft ist ein wichtiges Instrument, damit die Stadt auch als Akteur bei der Revitalisierung von Flächen auftreten kann. Unterschiedlich sind und bleiben die Positionen, ob neue Gewerbeflächen – Stichwort Böhfeld – ausgewiesen werden müssen und sollen.

  3. Service: Hagen muss sich unternehmerfreundlich präsentieren. Anliegen von Unternehmen müssen von Verwaltung und städtischer Wirtschaftsförderung ernst genommen und schnell bearbeitet werden. Wo Schwachstellen – etwa durch Personalnot – gefunden werden, muss an Lösungen gearbeitet werden.

  4. Image:Hagen muss sich auch nach außen als unternehmensfreundliche Stadt präsentieren, in der die Firmen wertgeschätzt werden. Hagen muss auch seine weichen Standortfaktoren (Freizeitwert, Kultur, Grün, Wasser etc.) ­besser herausstellen, um für begehrte qualifizierte Arbeitnehmer attraktiv zu sein.

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