Musik

Orient trifft in Hagen auf sinfonische Klassik

Die Komponistin Sinem Altan

Foto: AntonTal

Die Komponistin Sinem Altan Foto: AntonTal

Hagen.   Die Hagener Philharmoniker begeistern im Sinfoniekonzert mit musikalischen Grenzgängen zwischen Orient und Okzident

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Ob es uns passt oder nicht: Wir sind nun einmal alle zusammen auf dieser Welt. Darin liegt ein Problem für den Frieden – und auch die große Chance. Mit einem klangvollen Brückenschlag zwischen den Religionen und Kulturen haben Generalmusikdirektor Joseph Trafton und die Hagener Philharmoniker zum Abschluss der Konzertsaison jetzt eine Utopie von gegenseitigem Respekt und Verständigung beschworen.

Der amerikanische Komponist Richard Danielpour (geb. 1956) hat jüdisch-persische Wurzeln. Für sein Oratorium „Toward a Season of Peace“ stellt er herausragende Texte aus den drei Weltreligionen Judentum, Christentum und Islam zusammen. Es ist ebenso erschütternd wie beglückend, mit welcher Erkenntnistiefe seit Tausenden von Jahren Dichter die Vorstellung eines gefügten Universums zur Sprache bringen. Doch angesichts der Qualität des Wortes zeigt die Vertonung selbst erstaunlich wenig Fallhöhe. Wenn die alttestamentarischen Propheten den Hall der Posaune beschwören, gibt das dicke Blech Gas. Wenn der Rufer in der Wüste ins Spiel kommt, legen die Bongos los, und wenn es darum geht, dass alles seine Zeit hat, schlägt natürlich die Stunde der Röhrenglocken. Das „Vater unser“ wird mit Sopran (Veronika Haller) und Harfe in himmlische Sphären gerückt.

Für den philharmonischen Chor, verstärkt durch den Opernchor, ist die europäische Erstaufführung allerdings trotz der schlichten kompositorischen Anverwandlung der Materie eine hervorragende Chance, seine Stimmkultur und seine Flexibilität zu beweisen. Joseph Trafton wirft sich mit tänzerischer Leidenschaft in das Dirigat.

Preisgekrönte junge Komponistin

Musikalisch interessantere Entdeckungen ermöglichen drei kurze Werke der bereits vielfach preisgekrönten jungen Komponistin Sinem Altan (geb. 1985). Die Kombination aus groß besetztem Sinfonieorchester plus traditionellen orientalischen Instrumenten verschmilzt morgenländische und abendländische Idiome zu mitreißenden und farbigen Tonbildern. Die Komponistin ist mit ihrem Ensemble Olivinn zu Gast, mit der Sopranistin Begüm Tüzemen, dem Baglama- und Duduk-Virtuosen Özgür Ersoy, dem Percussionisten Axel Meier und Sinem Altan selbst am Klavier. Das wird besonders spannend bei „Wegweiser“, einer Fusion der gleichnamigen Strophe aus Schuberts Winterreise mit Melodien des türkischen Sängers Asik Veysel, der mit seinen Liedern über die Dörfer zog, während Schuberts rastloser Wanderer seine Verzweiflung an Welt und Liebe in einer ausweglosen Winterwanderung spiegelt. Asik ist dabei kein Vorname, sondern die uralte Berufsbezeichnung für einen reisenden Volksliedsänger und Geschichtenerzähler.

Die Baglama hingegen, die türkische Laute, bringt alleine durch ihren ätherischen Klang und in der Kombination mit meditativ wiederholten Rhythmus-Formeln eine transzendente Dimension in die Partitur. Zu den schönsten Momenten gehört eine Passage aus „Beni Baglama – Don’t Bind Me“, wenn Baglama, gezupfte Streicher und Harfe sich vereinen. „Kirklar Semahi“ und die Zugabe bringen dann den Schwung von leicht verjazztem Klassik-Türkpop ins ehrwürdige Sinfoniekonzert und erinnern daran, dass alle Musik wandert, und zwar seit Anbeginn der Zeiten.

Die Macht des Liedes

Das wird auch bei Zoltan Koldálys (1882 – 1967) vom Orchester brillant musizierten „Tänzen aus Galanta“ deutlich, die auf überlieferte ungarische Volksmusik zurückgehen. Metallophon, Triangel, kleine Trommel und Piccoloflöte erzählen vom Einfluss der Janitscharenmusik, durch welche diese Instrumente nach Europa kamen, und ein herzergreifend inniges Solo von Klarinettistin Christine Semmler beschwört die Macht des Liedes über alle Grenzen hinweg.

Die Suche nach Wurzeln, Wanderung als Schicksal und Auftrag, das Glück des Vertrauten und die Sehnsucht nach dem Neuen, dem Fremden, mischen sich bei Kodaly und Sinem Altan zu einer fröhlichen Musik, die völlig sich selbst genügt und ohne Zeigefinger daherkommt. Dafür gibt es viel Beifall.

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