Pink-Panther-Bande

Prozess – Im Rollstuhl Juwelier in Hagen überfallen

Nach dem dreisten Überfall am 17. Februar 2011: Beamte der Polizei sichern den Tatort und suchen nach Spuren.

Nach dem dreisten Überfall am 17. Februar 2011: Beamte der Polizei sichern den Tatort und suchen nach Spuren.

Foto: Alex Talash

Hagen.   Ein perfider Überfall: Getarnt als Rollstuhlfahrer rauben sie einen Juwelier in Hagen aus. Fast sechs Jahre kommt einer der Täter vor Gericht.

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Es war eine der perfidesten Straftaten der letzten Jahre: Der Überfall auf City-Juwelier Rüschenbeck im Februar 2011 in der Fußgängerzone. Ein scheinbar gehbehinderter Kunde springt plötzlich aus seinem Rollstuhl und entpuppt sich als brutaler Schmuckräuber. Sechs Jahre nach der Tat beginnt Anfang nächsten Jahres der Prozess gegen einen der beiden Haupttäter: Aleksandar Z. (29), der Mann, der den Rollstuhl geschoben hat. Das serbische Räuber-Trio, dass in Hagen für fast 856 000 Euro Schmuck-Beute machte, soll der weltweit agierenden Juwelen-Diebesbande „Pink Panther“ angehören.

Der Überfall

17. Februar 2011. Es ist bereits dunkel, als an diesem Donnerstagabend zwei Männer vor der Hagener Filiale des Juweliers Rüschenbeck an der Mittelstraße 13 Einlass erbitten. Um 18.31 Uhr wird der Klingelknopf betätigt. Aus Sicherheitsgründen ist die Tür stets verschlossen. Die Überwachungskamera zoomt auf die beiden vermeintlichen Kunden: Einen Mann mit ausgeprägten Geheimratsecken und schlammfarbenem Kapuzenparka, der im Rollstuhl sitzt – geschoben von einem Begleiter mit dichtem schwarzen Haar, im hellgelben Sakko. Die Angestellten, zwei 21 und 49 Jahre alte Frauen, drücken ahnungslos auf.

Das Kundengespräch mit den beiden osteuropäischen Männern wird von der jüngeren Beraterin auf Englisch geführt. Es verläuft zunächst freundlich. Doch dann zeigen die „Kunden“ ihr wahres Gesicht: Plötzlich springt der Mann aus seinem Rollstuhl auf, hechtet über die Glastheke, drängt die überrumpelte Verkäuferin in ein Ecke, drückt sie mit beiden Händen zu Boden und schlägt ihr ins Gesicht.

Zeitgleich stürmt der zweite Täter nach nebenan in den Büroraum, schlägt die ältere Angestellte, die gerade telefoniert, von hinten nieder. Beide Opfer werden über den Boden geschleift, mit Kabelbindern an Händen und Füßen gefesselt. Sie bekommen Pflaster auf den Mund geklebt. Mit einer Schusswaffe bedroht „der Rollstuhlmann“ die beiden Frauen, die durch den rabiaten Angriff Schürfwunden am Knie, blaue Flecken am Oberschenkel sowie Schwellungen an Rücken und Handgelenken davontragen.

Unterdessen werden die Vitrinen im Verkaufsraum aufgebrochen, die Schaufensterauslagen leer geräumt, Schubladen und Schränke durchwühlt. Dabei fallen den Räubern wertvoller Schmuck sowie hochwertige Uhren der Edelmarken Rolex und Breitling in die Hände. Verkaufswert: 855 754 Euro.

Um 18.43 Uhr gelingt es einer Angestellten, unbemerkt stillen Alarm auszulösen. Um 18.48 klopft ein dritter Täter, der draußen Schmiere steht und die herannahenden Streifenwagen hört, zweimal an die Tür des Juweliers: vereinbartes Zeichen zur sofortigen Flucht. Die drei Täter verschwinden im Einkaufstrubel der Fußgängerzone, eine Minute, bevor die Polizei eintrifft.

Das Ermittlungs-Puzzle

Als am nächsten Tag Fotos aus der Überwachungskamera veröffentlicht werden, auf denen die beiden Haupttäter des Raubüberfalls gut zu erkennen sind, melden sich wichtige Zeugen. So ein aufmerksamer Wirt, der sein Lokal gegenüber dem Juweliergeschäft Rüschenbeck betreibt. Genau 13 Tage vor dem Überfall haben sich drei Personen osteuropäischer Herkunft mehrere Stunden in seiner Gaststätte aufgehalten und das Schmuckgeschäft intensiv beobachtet. Als sie durch das Fenster auch noch Handy-Bilder schießen, kommt das dem Gastronom so seltsam vor, dass er unbemerkt sein iPhone zückt und die drei Gäste heimlich fotografiert.

Ermittelt werden kann auch der An- und Verkaufladen, in dem acht Tage vor dem Überfall der gebrauchte Rollstuhl gekauft worden ist. Der wichtigste Hinweis kommt jedoch von Mitarbeitern des Ordnungsamtes. Sie haben auf den Tatortbildern beide Räuber wiedererkannt, weil sie deren Personalien nur zwei Tage vor der Tat kontrolliert hatten: Bei der Überprüfung der Meldeanschrift in einer Wohnung am Märkischen Ring. Die beiden Männer haben dabei ihre serbischen Reisepässe vorgezeigt. Jetzt werden die zwei Haupttäter identifiziert.

Die beiden Haupttäter

Nenad Vukovic (25) heißt der Räuber im Rollstuhl. Er stammt aus Serbien, wurde nie gefasst, wird immer noch mit internationalem Haftbefehl gesucht. Der „Rollstuhlschieber“ ist Aleksandar Z., der unter dem Falschnamen „Zoran Knezevic“ auftritt. Er kann am 5. Dezember 2014 in der Schweiz verhaftet werden, verbüßte dort eine Haftstrafe und wird am 19. Juli diesen Jahres in die Bundesrepublik ausgeliefert. Wegen des Überfalls auf Juwelier Rüschenbeck ist er ab dem 11. Januar nächsten Jahres vor dem Landgericht Hagen angeklagt.

In diesem Prozess soll noch ein weiterer Juwelenraub mitverhandelt werden: Am 6. August 2010 wird die „Kölner Münzstube“ ausgeraubt, dabei werden Uhren und Schmuck im Wert von 55 000 Euro sowie 2500 Euro Bargeld erbeutet.

Auf einer am Kölner Tatort zurückgelassenen Stofftasche finden die Ermittler dieselben DNA-Spuren, wie auf dem Klebeband bei Rüschenbeck in Hagen.

Der örtliche Hintermann

Bleibt noch der dritte Täter, der während des Raubes vor dem Hagener Schmuckgeschäft wartet und mit der Faust gegen die Tür klopft, als die Polizei anrückt: Milorad S. (38), mit den Falschnamen „Veljko Martinovic“ und „Dario Hofmann“. Er hält sich seit Dezember 2007 illegal in der Bundesrepublik auf, mietet sich als „Sasha“ in die Wohnung am Märkischen Ring ein, die einem inhaftierten Mann gehört.

Milorad S. gilt als der örtliche Hintermann. Er baldowert im Vorfeld verschiedene Juweliere aus, holt die beiden aus Serbien eingeflogenen Haupttäter am Flughafen Düsseldorf ab, gewährt ihnen Unterkunft. Er mietet auch das Zimmer in einem Hotel am Bahnhof an, in dem die Schmuck-Beute ein paar Tage lang eingelagert wird.

Der „dritte Mann“ wird fünf Wochen nach der Tat, am 22. März 2011, am Wehringhauser Schulzentrum verhaftet und am 19. September 2011 vom Landgericht wegen Beihilfe zum schweren Raub zu drei Jahren und zehn Monaten Gefängnis verurteilt. Nach Teilverbüßung der Strafe erfolgt am 19. Februar 2013 seine Abschiebung.

Die Pink-Panther-Bande

Alle drei Rüschenbeck-Räuber sollen Mitglieder der berüchtigten Pink-Panther-Bande sein, ein Netzwerk von rund 200 Juwelenräubern aus dem Balkan. Interpol macht sie für 383 Überfälle in 35 Ländern verantwortlich. Bei ihren Raubzügen durch Europa, Asien und die Golfstaaten soll die Truppe bislang Uhren und Schmuck für 334 Millionen Euro erbeutet haben. Im ehemaligen Jugoslawien waren die Täter zumeist in der Armee oder als Milizen im Einsatz, das erklärt ihre Gewandtheit und Skrupellosigkeit im Umgang mit Waffen.

Ihren Namen bekam die Gruppierung übrigens von britischen Ermittlern, die nach einem Einbruch der Bande in London einen Diamanten in einer Dose mit Gesichtscreme entdeckten – genau wie in dem bekannten Film „Pink Panther“ (1963) mit Peter Sellers.

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