Oper

Ritter Roland setzt in Hagen keinen Rost an

Kristine Larissa Funkhauser (links) und Cristina Piccardi im Hagener Ritter Roland.

Foto: Klaus Lefebvre

Kristine Larissa Funkhauser (links) und Cristina Piccardi im Hagener Ritter Roland. Foto: Klaus Lefebvre

Hagen.   Das Publikum feiert im Theater Hagen Joseph Haydns Oper Ritter Roland. Wir verraten, warum die Inszenierung so gelungen ist

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Der rasende Roland gehört zu den Buhmännern der barocken Musikgeschichte. Joseph Haydn war einer der letzten, die dem tragischen Helden aus dem Gefolge Karls des Großen ein Denkmal gesetzt haben. Das Theater Hagen zeigt „Orlando paladino“ jetzt als ebenso einfallsreich inszeniertes wie umwerfend gesungenes augenzwinkerndes Zaubermärchen. Dafür gibt es vom Publikum langen Beifall im Stehen.

Die Rolandsage enthält alles, was den exotismusverliebten Musikfreunden des 18. Jahrhunderts den Mund wässrig macht: Edle Wilde und wilde Wüteriche, Prinzessinnen aus dem fernen China, mannstolle Schäferinnen und dazu noch Drachen und Hexen. Mit diesen Zutaten können Komponisten wie Scarlatti, Händel, Lully, Steffani, Vivaldi, Hasse und eben Haydn tief in die Trickkiste greifen. Kein Wunder, dass die Geschichte der Bühnenmaschinerie eng mit dem barocken Zaubertheater verbunden ist.

Stürme und Höllenritt

Regisseur Dominik Wilgenbus hat das Libretto pfiffig bearbeitet und spielt in seiner auf den Punkt gearbeiteten Inszenierung genüsslich mit diesen historischen Bezügen. Er setzt die „Ritter Roland“-Mannschaft mit umgehängten Kuriertaschen in Gang, denn sie befinden sich auf einer abenteuerlichen Reise, die durch Stürme bis zum Höllenritt führt. An die Wanderbühnen der Shakespearezeit erinnert die ausgesprochen sängerfreundliche Raumlösung von Peter Engel. Statt illusionistischer Ausstattung gibt es überraschende Platzhalter, für die vier Statisten zuständig sind, die mit Hilfe einer Klappleiter und einiger Schrifttafeln sogar einen ausgewachsenen Baum visualisieren können. Dadurch entstehen verspielte Theater-im-Theater-Situationen, die von der Musik illuminiert werden.

Immer nur Jungfrauen retten und Drachen bekämpfen, das kann einen Ritter schon zur Raserei treiben. Die Barockoper führt dem Auditorium als Instrument der moralischen Läuterung Affekte vor, und Rolands Eifersucht, seine irre unerwiderte Liebe zu Angelica, der Königin von Katai, gibt Haydn die Chance, das ganze Register zwischen Wahnsinn und Seelenpein auszuloten. Der großartige Tenor Eric Laporte kann die komplizierte Balance zwischen Tragik und satirischer Überzeichnung sensibel halten, sein Wüten wirkt komisch, sein Kummer aber ist echt.

Sieben sichere Sänger

Sieben koloratursichere erstklassige Sänger verlangt der „Ritter Roland“, was möglicherweise ein Grund dafür ist, dass er eher selten aufgeführt wird. Das Theater Hagen ist in der glücklichen Lage, dass gleich drei Ensemblemitglieder das Rüstzeug dafür haben; vier Gäste machen ein wunderbares und herzerfrischend spielfreudiges Team komplett.

Die phantastische Cristina Piccardi pflegt als Angelica ihr Liebesleid und ihre Todessehnsucht mit überwältigender Koloratursicherheit und himmelhohen Spitzentönen. Als Schäferin Eurilla hat Dorothea Brandt laut Klischee liebessüchtig zu sein, sie erarbeitet sich ihren Ruf mit entzückend beweglichem Sopran. Wenn Rodomonte alias Bariton Kenneth Mattice wie Conan der Barbar auf die Bühne stiefelt, fällt er zwar gerne über die eigenen Füße, bricht jedoch auch Herzen. Musa Nkuna singt mit feinem lyrischem Tenor den Medoro, der Angelica bis in den Tod begehrt, aber irgendwie keinen Hintern in der Hose hat. Mit dem Knappen Pasquale erfindet Joseph Haydn die Steilvorlage für Mozarts spätere Buffo-Baritone vom Papageno bis zum Leporello, und Giulio Alvise Caselli stützt sich mit Wonne in diese Partie.

Zauberstab mit Ladehemmung

Kein Ritterstück ohne Drachen. Der kommt in Hagen nicht aus der Requisite, sondern sitzt auf dem Regiestuhl. Denn Kristine Larissa Funkhauser ist als Hexe Alcina eine eigenwillige Strippenzieherin, vor allem, wenn ihr Zauberstab Ladehemmung hat.

Die Musik ist hinreißend schön – und der Hagener Generalmusikdirektor Joseph Trafton macht mit leichter Hand auch hörbar, wieviel Haydn in Mozart steckt. Man darf nicht vergessen, dass Papa Haydn seinen jungen Freund Wolfgang Amadeus um fast 20 Jahre überlebt hat; 1782, als „Orlando“ uraufgeführt wird, erblickt ebenfalls „Die Entführung aus dem Serail“ das Licht der Welt.

Joseph Haydn schenkt seinem „Ritter Roland“ ein einkomponiertes Lächeln, hochvirtuose Parlando-Passagen und eine unerhörte Korrespondenz zwischen Orchester und Szene, etwa wenn Pasquale seine Eurilla nach allen Regeln der Tonkunst erotisch beglückt. Die Hagener Philharmoniker haben auf dem halbhoch gefahrenen Graben ebenso viel Spaß wie das Ensemble auf der Bühne. Diese Freude schlägt unmittelbar Funken ins Publikum. Barockoper ist hierzulande immer noch kein Kassenstürmer. Der Hagener „Ritter Roland“ hat aber das Zeug zum Hit.

www.theaterhagen.de

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