Theater Hagen

Schillers Räuber geraten in Hagen in einen Blutrausch

Kjell Brutscheidt  und  Tatiana Feldmann

Kjell Brutscheidt und Tatiana Feldmann

Foto: Klaus Lefebrve

Hagen.  Wir verraten, warum sich das Theater Hagen mit Schillers „Die Räuber“ verhebt. Jugendsprache bricht in den Klassiker ein

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Die Degen ragen wie Grabkreuze aus dem leeren Bühnenboden. Dazu erklingt Beerdigungsmusik vom Lautsprecher. Langsam nähert sich der alte Moor mit seinem Rollator. Ist er der Überlebende einer Familienkatastrophe? Oder fängt jetzt alles wieder von vorne an? Friedrich Schillers „Räuber“ starten am Theater Hagen mit einem großen Bild. Das kann sein Glücksversprechen jedoch nicht einlösen, denn sobald die Protagonisten sprechen, wird es ein eher zäher Abend. Das Publikum bedankt sich für das Engagement des Ensembles mit viel Beifall.

Schauspiel-Produktionen sollen im Theater Hagen seit mehreren Intendanten-Generationen den Etat entlasten. Ein Gastdarsteller, vor allem ein junger, ist erheblich billiger als ein Opernsänger. Aufgegangen ist das bisher nie. Die Inszenierungen litten an handwerklichen Mängeln. Das Publikum kam nicht. Hagen ist ein Musiktheater, Oper kann man hier. Nebenan in Bochum und Dortmund machen sie das beste Sprechtheater der Republik.

Ein „Theatererlebnis“

Der frühere Intendant Norbert Hilchenbach hat deswegen Musik-Revuen auf dieser Spielplan-Position gezeigt. „Piaf“, „Wie im Himmel“, mit viel Erfolg, aber auch unterirdisch schlechte Abende waren dabei. Hagens neuer Intendant Francis Hüsers mag nicht glauben, dass Schauspiel im Haus nicht ankommt und inszeniert zum Auftakt seiner Ära „Die Räuber“ selbst. Der Publikumszuspruch bei der Premiere ist nicht ermutigend. Und die Qualität der vollmundig mit „Theatererlebnis“ angepriesenen Schiller-Deutung ebenfalls nicht.

Knarre an den Kopf

Woran liegt das? Vermutlich daran, dass Francis Hüsers zu sehr auf ein jugendliches Publikum zielt und deshalb zu bemüht Jugendsprache einbrechen lässt in den Schiller-Text. Die steht stellvertretend für die Tabubrüche, die Grenzüberschreitungen, welche die Räuber um Karl Moor wagen. Davor haben wir doch alle Angst, dass jugendliche Soziopathen uns grundlos die Rolltreppe in der U-Bahn herunter treten. Entsprechend durchbricht Alessandro Grossi als Spiegelberg gleich zu Beginn die unsichtbare vierte Wand, die Bühne und Publikum trennt, stiefelt ins Parkett und drückt einem Gast zärtlich die Knarre an den Kopf. Wobei man wegen der möglichen Schadensersatzklagen und der Geldnot des Theaters Hagen nur beten darf, dass dieser Gast Teil der Inszenierung ist.

Verfremdungs-Ästhetik

Die Regie erlaubt den Darstellern nicht, sich mit ihren Helden zu identifizieren. Ständig müssen sie aus ihren Rollen heraustreten und spielen, dass sie spielen, müssen Teile ihres Textes ins Mikrophon sprechen, sich selbst beim Spielen filmen, eine Ästhetik, die bei Brechts Verfremdungstechnik abgeschaut ist. Dieses Stilmittel funktioniert bei Schillers Sprachkunstwerk nicht, das ja auf ein Mitfühlen des Publikums mit dem so tragisch scheiternden Karl Moor abzielt. Kjell Brutscheidt als Karl müsste für die Interpretation seiner Figur regelrecht brennen, jenes jungen Rebellen, der aus beleidigter Eitelkeit zum Verbrecher wird und als einziger der ganzen Räuberbande das Bewusstsein von Unrecht bewahrt, ein Asozialer wider Willen sozusagen. Dieser innere Konflikt ist doch eine Einladung an jeden Darsteller. Stattdessen bleibt Karl Moor ein verwöhntes Papasöhnchen, das zu arrogant ist, eine Intrige zu durchschauen.

Franz geht über Leichen

Sein Bruder Franz ist da schon komplexer angelegt. Ausgerechnet hier streicht Francis Hüsers die Textstellen, die belegen, wie der alte Moor seinen jüngsten Sohn demütigt und zurücksetzt. So erleben wir Harry Schäfer recht unvermittelt als intriganten Karrieristen, einen Mann, der über Leichen geht, um selber Chef zu werden, kurz, einen Typen von der Art, wie sie die Vorstandsetagen und die Regierungssessel bevölkern. Aber man versteht diesen schnellsprechenden Franz so schlecht. Und er hat doch so viel Text, den er, schwankend zwischen Selbstrechtfertigung und öffentlicher Beichte, wie im Rausch ausstößt.

Lederhösen als Liebestöter

Auch Tatiana Feldmann kann als Amalia nicht einlösen, was ihre Rockerbraut-Kostümierung andeutet. Sie trägt ihre Lederhosen wie einen Keuschheitsgürtel. Klaus Lehmann benutzt als Vater Moor die Gesten und den Sprachduktus eines vergangenen Zeitalters, er ist ein Übriggebliebener in der Lebensrealität seiner Söhne.

Ein Klavier mit Dan K. Kurland als Pianisten beschreibt die bürgerliche Sphäre der Moors, während die Räuber ihre Gewaltexzesse zu Rammstein feiern. Ein überdimensionales Spielplatzgerüst bildet ihr Biotop, und das wächst und wuchert sich zum Käfig aus, je mehr die Truppe verroht.

Die Handys sind schuld

Schiller macht in seinem Stück sehr deutlich, dass es sich bei der Räuberbande nicht um Robin Hoods handelt, die den Reichen nehmen, um den Armen zu geben, sondern um Kindesmörder und Greisenschänder. Karl Moor ekelt sich am Ende vor sich selbst, und wie alle Mitnahme-Selbstmörder tötet er noch Amalia, bevor er sich den Behörden ausliefert.

Vorher erhält Yasin Boynuince alias Schufterle einen deutsch-türkischen Monolog und lässt dem Publikum gegenüber die Wut heraus, dass es mit seinen Handys die Welt kaputt macht. Da werden sich die Schüler, die möglicherweise das Stück besuchen, aber denken: Der olle Schiller hat auch was mit mir zu tun.

Ein Labor-Experiment

Die nackte Bühne von Kaspar Glarner und Bibi Abel ermöglicht gerade in ihrer Reduziertheit und mit den Videoprojektionen eindrückliche Bilder. Doch sie ist zu groß für eine Inszenierung, die derart mit dem Text kämpft, ebenso, wie das große Haus zu groß ist für das Konzept und die Darsteller. Vermutlich würde die Produktion als Labor-Experiment in der Intimität der kleinen Spielstätte Lutz sehr viel besser funktionieren.

Www.theaterhagen.de

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