Zweite Weltkrieg

Schwärzester Tag der Hagener Geschichte wird aufgearbeitet

Dieses Foto entstand am 16. März 1945. Es zeigt das völlig zerstörte Hagen am Tag nach dem letzten großen Luftangriff.

Dieses Foto entstand am 16. März 1945. Es zeigt das völlig zerstörte Hagen am Tag nach dem letzten großen Luftangriff.

Foto: Historisches Centrum/Stadtarchiv / WP

Hagen.  Hunderte Menschen starben beim letzten Bombenangriff auf Hagen. Ein Buch rückt den 15. März 1945 in den Fokus.

Es ist nur ein winziges Teil in einem schrecklichen Puzzle, das aus tausenden Teilen besteht. Eines, das all die Jahre überdauert hat. Mit „Hagener Nachrichten Nr. 1“ ist das Puzzleteil, das Brigitte Hildebrand-Wilke im Nachlass ihrer Mutter entdeckt hat, überschrieben. Und weil dieses Puzzleteil eine Zeitung ist, hat sie es unserer Redaktion geschickt.

Diese Zeitung, die nur aus einer Vorder- und einer Rückseite besteht, ist Teil eines Puzzles, das die beiden Historiker Dr. Ralf Blank und Andreas Korthals vom Stadtarchiv Hagen zusammensetzen wollen. Aus all den Einzelteilen soll sich, so die Idee der beiden Historiker, ein großes Ganzes ergeben. Ein Buch, das den wohl schlimmsten Tag in der Hagener Geschichte in den Mittelpunkt rückt: den 15. März 1945. Jenen Tag, an dem nach neuesten Erkenntnissen über 700 Hagener ihr Leben verloren und alliierte Bomber beim letzten von fünf großen Luftangriffen die Reste der Hagener Innenstadt in Schutt und Asche legten.

Zeitung erscheint zwei Tage nach dem Angriff

Die Zeitung, die zwei Tage später verteilt wird, nutzen die Nationalsozialisten noch einmal, um ihre Sicht der Dinge gepaart mit ihren Ideologie und Durchhalteparolen zu verbreiten. „Schwerer Terrorangriff auf Hagen“ lautet die Schlagzeile. Und weiter heißt es: „Der Angriff trug, wie alle bisherigen, die Zeichen des Terrors und traf die Bevölkerung auf das Schwerste.“ Es brauche nichts gesagt zu werden über die Verluste an „Blut und Gut“.

„Im Grunde gab es zu dieser Zeit gar keine Zeitung mehr“, sagt Dr. Ralf Blank, „Redaktion und Druckerei waren zerstört worden. Und trotzdem wollte man die Menschen auf irgendeinem Weg erreichen und informieren. Dazu nutze man am 17. und 19. März die verteilten Flugblätter, die mit Hagener Nachrichten überschrieben waren.“ Immerhin: Die Bevölkerung erfuhr, wo sogenannte Verpflegungs- und Betreuungsstellen eingerichtet waren.

Historiker setzt das Puzzle eine Tages zusammen

Das archivarische Puzzle hat aber viel mehr als dieses eine Teil. Dafür haben die Historiker über Jahre hinweg immer wieder in den verschiedensten Archiven (unter anderem in Großbritannien und in den USA und in Kanada) geforscht. „Der 15. März 1945 ist nicht nur der Tag des letzten großen Angriffs auf Hagen“, so der Leiter des Stadtarchivs und des Stadtmuseums, „es ist auch der Tag, an dem sich die größte Bunker-Katastrophe des Zweiten Weltkriegs ereignete. Der Hochbunker an der Körnerstraße erlitt einen Volltreffer. Mehr als 400 Menschen, wie sein Kollege Andreas Korthals detailliert und teilweise sogar mit den Namen der Opfer ermittelt hat, kamen allein hier ums Leben.“

Dabei, so sagt Blank, sei der Volltreffer durch eine besonders schwere Bombe ein reiner Zufallstreffer und so keineswegs geplant gewesen. „Nur fünf Bomben dieser Größe, eine 1,8 Tonnen schwere Sprengbombe, wurden überhaupt am späten Abend des 15. März abgeworfen“, so Blank über den Angriff, dessen als „Rainbow A“ bezeichnete Zielpunkt die Luther-Kirche im Bahnhofsviertel war, „und das aus einer Flughöhe, die zwischen 4500 und 5000 Meter lag. Unter den damaligen Voraussetzungen war es unmöglich, ein einzelnes Gebäude gezielt zu bombardieren. Die Besatzungen konnten das Zielgebiet kaum sehen.“ Die detaillierten Berichte der am Bombardement beteiligten Besatzungen sowie auch mehrere während des Luftangriffs aufgenommene Fotografien dokumentieren mit die schlimmsten Stunden und Minuten in der Geschichte der Stadt.

Bomberbesatzung auf Rembergfriedhof begraben

Mehr in Erfahrung gebracht hat Ralf Blank aber auch über jene Soldaten, die den Angriff auf Hagen flogen. „Das war eine multinationale Truppe“, so der Historiker, „Besonders viele Kanadier waren neben englischen Fliegern unter den Besatzungsmitgliedern, aber auch Australier, Neuseeländer, Südafrikaner, Franzosen und Polen.“

Aufgeklärt hat er auch das Schicksal einer siebenköpfigen Bomber-Besatzung, deren Flugzeug bei dem Angriff abgeschossen wurde und in der Nähe des Landgerichts abstürzte. „Die teilweise völlig verbrannten Überreste der Besatzung wurden geborgen und laut Polizeiakten bestattet. Man kann davon ausgehen, dass die Flieger auf dem Rembergfriedhof begraben wurden, vermutlich aber in einem Massengrab für unbekannte Tote.“

Kanadischer Heckschütze an Bombentrichter erschossen

Der kanadische Heckschütze Thomas Dellmer Scott, der mit dem Fallschirm aus seinem Halifax-Bomber abgesprungen sei, war von der Wehrmacht gefangen genommen und in das Gerichtsgefängnis eingeliefert worden. „Eigentlich hätte er der Luftwaffe übergeben werden müssen“, sagt Blank. Das sei aber nicht erfolgt. „Stattdessen saß er drei Wochen lang in Einzelhaft und wurde von der Gestapo am 3. April an einem Bombentrichter ermordet. Seine Behandlung und die Ermordung waren ein klarer Verstoß gegen die Genfer Konvention.“

Angeblich, so hieß es später, als unter anderem dem Hagener Gestapo-Chef der Prozess gemacht wurde, will man nicht bemerkt haben, dass es sich um einen Angehörigen der kanadischen Luftstreitkräfte gehandelt habe, so Blank, der die mehrere Akten umfassenden Protokolle im Londoner Nationalarchiv ausgewertet hat weiter. „Eine Zeugin aber berichtete, wie der Mann schwer misshandelt zusammen mit zehn aus Ungarn stammenden ,Hilfswilligen’ der Wehrmacht zu seiner eigenen Hinrichtung gehen musste.“ Erst ein Jahr später erfuhr die Familie von seinem Tod. Erst Jahre später wurden die genauen Umstände bekannt.

Gestapo-Beamte zunächst zum Tode verurteilt, später freigesprochen

Den sechs Gestapo-Beamten, die an den Mord an dem kanadischen Flieger verantwortlich waren, wurde nach dem Krieg der Prozess gemacht. Sie wurden zum Tode verurteilt. „Wir kennen heute die Vernehmungsprotokolle“, so Blank. „Sie haben lediglich zugegeben, was man ihnen ohnehin längst nachweisen konnte. Aber die Verhöre wurden durch geschulte Nachrichtenoffiziere durchgeführt. Es war schwierig, mit einer Lüge davonzukommen.“

Hingerichtet wurde nur der Hagener Gestapo-Chef im Januar 1947 im Strafgefängnis Hameln. Dort erhängte ihn der britische Hangman Albert Pierrepoint. Die übrigen fünf Gestapo-Mitarbeiter wurden zu lebenslanger Haft begnadigt. Noch während der Haft in der Strafanstalt Werl wurden sie 1952 in Hagen diesmal vor ein deutsches Gericht gestellt. Dabei ging es um die Ermordung von weiteren Gefangenen und Zwangsarbeitern. Weil auf einem „Befehlsnotstand“ erkannt wurde, erfolgten Freisprüche und die Entlassung aus der Haft.

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