Schwieriger Prozess um ein Vernichtungslager

Hagen.   Damals war er ein junger Mann. Friedrich Grawert, Jahrgang 41, Jurist. Es war vor etwas mehr als 51 Jahren, als er die Anklageschrift zum ersten gelesen hat. Und die Erinnerung daran ist noch wach: „Das“, so sagt er noch heute, „war ein Horrortrip. Während meiner Schulzeit am Albrecht-Dürer-Gymnasium wurde dieser Aspekt der Deutschen Geschichte ja komplett ausgespart.“

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Damals war er ein junger Mann. Friedrich Grawert, Jahrgang 41, Jurist. Es war vor etwas mehr als 51 Jahren, als er die Anklageschrift zum ersten gelesen hat. Und die Erinnerung daran ist noch wach: „Das“, so sagt er noch heute, „war ein Horrortrip. Während meiner Schulzeit am Albrecht-Dürer-Gymnasium wurde dieser Aspekt der Deutschen Geschichte ja komplett ausgespart.“

Grawert las über die systematische Vernichtung von 150 000 Juden in Sobibor (heutiges Polen). Er las über Transporte, über das Lagerleben, über die Gaskammern. Er las über das exzessive, spontane und das lang geplante Töten von Menschen. Und er las über die Täter, die vor gut 50 Jahren am Landgericht Hagen verurteilt wurden. Bei einer Veranstaltung des Fachdienstes Museen, Wissenschaft und Archive der Stadt Hagen im Emil-Schumacher-Museum blickt er zurück.

Weil einer von zwölf Angeklagten aus Schwelm stammte, landete das Verfahren, das weltweit für Aufsehen sorgte, am Landgericht in Hagen. „Ich arbeitete damals am Gericht und habe in der Kanzlei meines Vaters ausgeholfen“, sagt Grawert. „Er wurde zum Pflichtverteidiger für drei Angeklagte bestimmt. Ich erinner mich noch genau, wie wir zu Hause intensiv auch mit meiner Mutter darüber diskutiert haben, ob er das Mandat überhaupt annehmen solle. Das war eine erheblich psychische Belastung.“

Verfahren auf vier Monate angesetzt

Friedrich Grawert selbst spricht sich dafür aus, die drei Angeklagten, die nicht zu den Haupttätern zählten, zu verteidigen. „Drei bis vier Monate waren zunächst für das Verfahren angesetzt“, so Friedrich Grawert, „am Ende dauerte der Prozess länger als ein Jahr.“

Ein Verfahren, das, obwohl auch die Hagener Zeitungen damals berichteten, von Teilen der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen wurde. Eine Hagenerin wurde von einem auswertigen Reporter gefragt, ob sie wisse, was Sobibor sei. Ein neues Waschmittel – war ihre Antwort.

Sobibor aber ist neben Treblinka und Belzek eines von drei Vernichtungslagern der Operation Reinhardt, in deren Mittelpunkt die Ermordung von mehr als zwei Millionen Juden und rund 50 000 Roma stand. Ein Lager, auf dessen zentralen Platz die Todgeweihten vom Kommandanten empfangen wurden. In einer Ansprache versprach er ihnen Grundstücke. Sie sollten ein neues Land aufbauen. Die Häftlinge schöpften Hoffnung, sie applaudierten und gingen erleichtert zum „Duschen“ in die Gaskammern.

All das war Thema vor Gericht: „Mein Vater und ich haben intensive Einzelgespräche mit den Mandanten geführt“, sagt Friedrich Grawert, „es war erschrecken, wie einfach sie gestrickt waren.“ Ausnahme war der „große Heuler“, ein Krankenpfleger, der vor Gericht immer wieder in Tränen ausbrach, so dass die Sitzungen unterbrochen werden mussten. „Er war Musiker, spielte in einer SS-Kapelle und landete auf diesem Weg im Lager. Bei einem Heimaturlaub hatte er seinem Pfarrer von den Vorfällen in Sobibor erzählt und ihn gebeten, ihm einen Ausweg zu zeigen. Den gebe es nicht, soll der Pfarrer geantwortet haben.

Biografien durch Verbrechen geprägt

Bei den beiden Hauptangeklagten habe es sich, so Grawert, „um richtige Verbrecher“ gehandelt. Ihre Biografien seien durch Kriminalität geprägt. Sie seien durch Frankfurter Anwälte vertreten worden, die bei NS-Prozessen in der ganzen Republik auftauchten. „Gleich zu Beginn stellten sie den Antrag, das Verfahren einzustellen“, so Grawert, „sie argumentierten, der Mordparagraph sei durch den Führerbefehl außer Kraft gesetzt worden. Das lehnten die Richter mit aller Schärfe ab.“ Überhaupt sei in den Vorträgen dieser Verteidiger häufig ihre „bedenkliche Gesinnung“ deutlich geworden.

Die „Täterschaft“ der Hauptangeklagten habe für das Landgericht in Hagen nie in Frage gestanden. Juristisch interessant sei das Thema „Beihilfe“ gewesen. „Und da hat das Landgericht Hagen als erstes deutsches Gericht überhaupt eine beeindruckende Feststellung getroffen“, so Grawert. „Die Richter kamen zu dem Entschluss, dass jeder, also selbst ein Buchhalter, objektiv Beihilfe geleistet habe.“

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Leserkommentare (0) Kommentar schreiben