Tier-Schicksal

Sechs verlorene Jahre für Tierheim-Hund Tequila aus Hagen

Mischlingshund Tequila hat sich im Tierheim Hagen prächtig entwickelt.

Mischlingshund Tequila hat sich im Tierheim Hagen prächtig entwickelt.

Foto: Michael Kleinrensing

Hagen.   Sein Vorbesitzer hat sich sechs Jahre lang nicht um Tequila gekümmert. Jetzt lebt der Mischlingshund seit fast einem Jahr im Tierheim Hagen.

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Eis und Schnee bedecken an diesem Morgen den steilen Weg, der sich wie eine lange Schlange hinauf zum Eugen-Richter-Turm windet. Die Füße geraten an der ersten Steigung ins Rutschen.

Da hilft kein fester Winterschuh, kein tiefes Profil. Spikes wären eine Lösung. Oder ein Allradantrieb. Wenn man so will, bringt Tequila das mit. Vier Beine und vier Pfoten mit rauen Ballen und Krallen. Der Hund, dieses Prachtexemplar, ist an diesem Wintertag klar im Vorteil.

Ein hinkendes Prachtexemplar

Der Hund, dieses Prachtexemplar, hinkt. Was dann doch zumindest ein kleiner Nachteil ist. Und damit sind wir mittendrin in seiner tragischen Geschichte. Eine Geschichte, die er nicht selbst erzählen kann. Denn – wenn man mal von Dr. Sommers Bello bei Loriot absieht – Hunde können nicht sprechen.

Und trotzdem erzählen die, die wie Tequila im Tierheim der Stadt Hagen leben, auf ihre ganz eigene Art Geschichten. Die meisten davon sind tragisch und traurig.

Schäferhund-Mischling erninnert an Teddy

Sabine Kretzschmar, ehrenamtliche Gassi-Gängerin, kennt die von Tequila, dem treuen Schäferhund-Mischling, der in seiner ganzen Art an einen gutmütigen Teddybären erinnert. Ein bisschen tapsig, dunkle Knopfaugen. Und dazu eine Denkerstirn, die einen glauben lässt, dass Tequila selbst im Hagener Stadtwald damit beschäftigt ist, über das zu grübeln, was ihm Zweibeiner in den verkorksten ersten sechs Jahren seines Hundelebens angetan haben.

„Wie er sich die Verletzung am rechten Vorderbein zugezogen hat, wissen wir nicht“, sagt Sabine Kretzschmar, „aber fest steht: Sie ist nie richtig von einem Tierarzt behandelt worden.“ Tequila, dieses große Fellknäuel auf vier Pfoten, war in einem erbarmungswürdigen Zustand, als er ins Tierheim der Stadt Hagen kam. Die große Wunde, ein dicker geschwollener Fuß, abgemagert, ungepflegtes Fell.

Ein Hund mit schwerem Start

„Er stammt aus schlechter Haltung“, sagt Sabine Kretschmar. „Seine Vorbesitzer haben sich nicht um ihn gekümmert. Sie haben oft mit einer Eisenstange heftig vor ihm auf den Boden geschlagen. Noch heute zuckt er zusammen, wenn er einen Schrubber sieht.“ Tequila, der Hund, der weite Teile seines Lebens in einem dunklen Keller lebte, scheint noch nicht alles vergessen zu haben, was Menschen ihm zugemutet haben.

Das neue, das andere Leben für diese geschundene Hundeseele, hat mit jenem Tag begonnen, als er dem Tod in letzter Sekunde von der Schippe gesprungen ist. Tequila sollte am Ende seines erbarmungswürdigen Lebens eingeschläfert werden. Das hatte sein Besitzer so beschlossen. Und tatsächlich einen Tierarzt gefunden, der bereit gewesen wäre, ihm die finale Spritze zu geben. Ein Termin war bereits fest vereinbart.

Engagement rettet ein Hundeleben

Erst im letzten Augenblick hatte der Tierschutzverein davon erfahren. Eine Bekannte des Halters hatte die Vorsitzende Birgit Ganskow per Facebook kontaktiert, wollte anfangs keine Details preisgeben. Im letzten Moment und nach gutem Zureden per Online-Chat teilte sie die Adresse doch noch mit.

Als Mitglieder des Tierschutzvereins am Haus vorfuhren, wollte sich der Besitzer gerade mit Tequila auf dessen letzten Weg machen. Nur weil Ordnungsamt, der Stadttierarzt, städtisches Tierheims und der Tierschutzverein so eng kooperierten und einschritten, wurde Tequilas Leben gerettet.

Leben hat sich prächtig entwickelt

Ein Leben, das sich so prächtig entwickelt hat. „Die Wunde wird jetzt regelmäßig versorgt“, sagt Sabine Kretzschmar. „Sie sieht schon viel besser aus als noch im letzten Frühjahr.“ Im Tierheim muss Tequila einen weiten Plastikkragen tragen, damit er auch in unbeobachteten Momenten nicht an seinem Bein leckt.

Seit fast einem Jahr lebt Tequila an der Hasselstraße in Eilpe. „Große Hunde sind eher schwierig zu vermitteln“, sagt Sabine Kretzschmar. „Dazu kommt Tequilas Handicap. Seine Wunde muss regelmäßig versorgt werden. Aber vielleicht würde er nicht mehr daran denken, wenn er nur jemanden hätte, der sich mit ihm beschäftigt. Und vielleicht würde sie dann sogar ganz verheilen.“

Der Kragen bleibt im Auto

Draußen, unterwegs, da wo er sich wohl fühlt, scheint er keine Zeit zu haben, sich mit der Wunde zu beschäftigen. Der Kragen liegt im Auto. Und Tequila legt auf dem Drei-Türme-Weg so viele Kilometer zurück, wie die beiden Zweibeiner zusammen.

Er steckt die Nase in den Schnee, er saugt den Duft auf, er leckt. „Er mag diese weiße Pracht“, sagt Sabine Kretzschmar, „wenn man mit Tequila unterwegs ist, dann merkt man förmlich, wie er aufblüht.“

Tequila macht viel Strecke

Tequila läuft an der Leine von links nach rechts und von vorne nach hinten. Wieder und immer wieder. Er schnappt sich Stöcken und zerkaut sie genüsslich. Er entdeckt Spuren, er schnuppert, und manchmal hoppelt er vor Glück ein paar Schritte wie ein kleines Häschen – was bei seiner stattlichen Statur etwas tollpatschig wirkt.

Die schönste Stunde des Tages für den Tierheim-Hund 

Dieser Spaziergang, dieser Weg, diese kleine Wanderung – es ist für ihn die schönste Stunde des Tages. Sabine Kretzschmar aus Wehringhausen ist eine derjenigen, die dieser treuen Hundeseele solche Momente beschert – auch wenn der Reporter von der Zeitung einmal nicht dabei ist. „Ich hatte mir schon länger überlegt, mich im Umfeld des Tierheims zu engagieren“, sagt die Frau, die in ihrer eigenen Wohnung keinen Hund halten darf, „bei einem Tag der offenen Tür bin ich dann einfach hin.“

Seither geht sie Gassi. Manchmal sogar mehrfach am Tag, mit unterschiedlichen Hunden. „Im Grunde“, sagt sie, „braucht es dafür nicht mehr als ein bisschen Zeit. Man bekommt am Anfang einen Zettel mit ein paar Hinweisen, die es zu beachten gilt. Und dann kann man los.“

Ehrenamtsvertrag mit der Stadt ist möglich

Wer öfter kommt, kann mit der Stadt einen Ehrenamtsvertrag abschließen. So wie Sabine Kretzschmar. „Aber man verpflichtet sich zu nichts. Man kann so oft mit den Hunden gehen, wie es das eigene Zeitbudget erlaubt.“

Tiere wie Tequila sind es, die so unendlich dankbar für diese Spaziergänge sind. Er, der prächtige Rüde, der anfangs den Fotografen mit seinem langen Objektiv und der Kamera anknurrt und dann nach wenigen Minuten Vertrauen fasst. „Er braucht einen Moment, um sich an Menschen, die er noch nicht kennt, zu gewöhnen“, sagt Sabine Kretzschmar. „Aber er hat ein riesengroßes Herz.“

Vierbeiner mit riesengroßem Herz

Den Reporter, der an diesem Tag auf dem Drei-Türme-Weg neben ihm her geht, ignoriert Tequila zunächst. Zu sehr scheinen ihn all die neuen Eindrücke links und rechts der Wanderwege zu beschäftigen. Die kleinen Geschäfte, die andere Hunde im Schnee hinterlassen haben. Der Duft der frischgeschlagenen Buchenstämme. Und die Spuren der Waldbewohner, die abseits des Weges ihr Zuhause haben und denen er so gerne nachgehen möchte.

Tequila, die treue Seele mit dem riesengroßen Herz, braucht einen Moment, bis er Vertrauen gefasst hat. Nach einer Weile stupst er mit seiner Nase an mein Bein. Das Eis ist an diesem kalten Tag gebrochen. Erste Aufforderung zum Kuscheln. Ein kleiner Liebesbeweis meines neuen Freundes auf vier Pfoten.

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