Oper

So rockt das Theater Hagen Rossinis Oper Il Turco in Italia

IMarie-Pierre Roy  als Donna Fiorilla mit Tänzerinnen

IMarie-Pierre Roy als Donna Fiorilla mit Tänzerinnen

Foto: Klaus Lefebrve

Hagen.   Sex beim Sackhüpfen? Fliegende Prinzen? Flotte Sprüche? Wir verraten, was passiert in Rossinis Oper „Der Türke in Italien“ am Theater Hagen.

Was passiert, wenn sich der Autor mitten auf der Bühne neben seine Figuren stellt und sie begutachtet? Bei Gioacchino Rossini kommt eine Oper heraus, die erste Oper übrigens, die dieses heute so beliebte Stilmittel der Simultanhandlung einsetzt. Doch „Il Turco in Italia“ hat sich im Repertoire nicht richtig durchgesetzt. Das Theater Hagen gräbt den turbulenten Stoff jetzt in einer Inszenierung aus, die im Sinne des Wortes bild-schön ist und wahrhaftig Fallhöhe hat. Dafür bedankt sich das Publikum mit sehr langem Beifall.

Rainer Zaun ist wieder da

Der alte Ehemann ist der Motor der Komödie. Wie soll er seine junge, lebenslustige Frau halten können - vor allem, wenn ein türkischer Prinz durch die Luft gesegelt kommt? Das weiß auch Rainer Zaun nicht. Der höchst beliebte und vielseitige Bassbariton ist endlich einmal wieder auf der Hagener Bühne zu erleben. Zaun ist ein Spezialist für jene Alten, die in orthopädischen Schuhen nach den Liebessternen greifen und dabei auf dem Hintern landen. Seinen Geronio macht er aber nicht einfach nur zum lächerlichen Pantoffelhelden, sondern zu einem Charakter, der wirklich leidet und der sich schließlich dazu durchringt, gute Miene zum bösen Spiel zu üben.

Durch die Kameralinse

Wer wird den gleich in die Luft gehen, wenn ihn seine Frau betrügt? Rainer Zaun schwebt an einem Seil mitten in die Szene. Das ist ein verrückter, überraschender Effekt. Und davon gibt es viele in der außerordentlich gut gearbeiteten Inszenierung von Christian von Götz. Bühnenbildner Lukas Noll stellt die Handlung in ein Gemälde des Magischen Realismus’, eine Muschel auf einem Strand. Die Sanddünen wölben sich dreidimensional zu einem Halbkreis, der als Auftrittsrampe dient. Das Publikum blickt wie durch eine aufgeschnittene Kameralinse, so als würde man eine Geschichte durch einen Kinematographen des frühen Films betrachten. Diese moderne Form des Guckkastens ist ein prägendes Stilmittel bei Lukas Noll.

Verortung in der Stummfilmära

Das Regieteam wählt eine Verortung in der Stummfilmära, um Rossinis Parallelhandlung zu legitimieren. Während der Ouvertüre wird der Stoff wie im Vorführsaal als Film projiziert. Nur ist er da noch ein Eifersuchtsdrama, das in einem Blutbad endet. Der Produzent winkt ab, der verzweifelte Autor muss sich etwas Neues ausdenken und blickt auf das wahre Leben in der Nachbarschaft. Der Magische Realismus verknüpft Film und Malerei, und er steht für jene „dritte Realität“, die im Theater die Heimat der Komödie ist.

Rossinis schnurrende Koloraturen sind nicht nur eine Herausforderung an die Sänger, sondern auch an die Regie. Von Götz übersetzt sie in Bewegung, wo nötig auch in Slapstick. So müssen Chor und Protagonisten zum Beispiel im Takt Sackhüpfen. Fiorilla und ihrem türkischen Prinzen gelingt das in der Operngeschichte einmalige Kunststück, sich in einem Sackhüpf-Sack näher zu kommen. Denn auch von Götz kann der Versuchung nicht widerstehen, ein besonders koloraturgespicktes Duett als Liebesakt zu inszenieren, wobei die Spitzentöne der Sopranistin den erfolgreichen Vollzug dokumentieren. Das ist lustig, inzwischen sieht man es aber in jeder Rossini-Inszenierung.

Der Prinz ist ein Fußfetischist

Prinz Selim ist übrigens ein Fußfetischist, warum auch nicht. Vermutlich deshalb kann er sich nicht zwischen seiner früheren Geliebten Zaida (Marilyn Bennett als hinreißende Wahrsagerin) und Fiorilla entscheiden. Dong-Won Seo singt den exotischen Fremden mit schönem Bass, spielt ihn aber ein bisschen steif angesichts der akrobatischen Leistungen um ihn herum. Kenneth Mattice ist ein Dichter, dem die Verwicklungen, die er anzettelt mitunter über den Kopf wachsen. Aber dafür darf er am Ende den Tonfilm erfinden. Leonardo Ferrando hat als Don Narciso mit seinem beweglichen Tenor die Aufgabe, sich in sein Schicksal als gehörnter Geliebter zu fügen, das Solohorn kommentiert die Angelegenheit musikalisch.

Herzensheldin in Strapsen

Wer ist nun diese Fiorilla, um die sich alles dreht? Marie-Pierre Roy spielt und singt Rossinis Herzensheldin als bezaubernd selbstbewusste und lebensfrohe Frau, die sich in schwarzen Strapsen aus ihrer rosa Beziehungskiste schlängelt, im Kleopatra-Kostüm auf Rollschuhen gleitet oder als Pola-Negri-Double in pinkfarbener Divenrobe mit Straußenfederkragen alle Herzen bricht. Ihre Koloraturen und Hochtonakzente sitzen wie angegossen.

Rossini-Komödien sind schwer unfallfrei über die Bühne zu bringen, weil sie so rasend schnell sind. Da darf kein Rädchen im Getriebe haken. Mit seinen ratternden Rhythmen und vor allem den so beliebten Crescendo-„Walzen“, die sich erst langsam und leise und dann immer lauter und schneller drehen, hat Rossini im Eisenbahnzeitalter die erste Form von Maschinenmusik geschrieben. Der Hagener „Turco“ kitzelt diesen Drive heraus, unterstützt von einem gut aufgelegten Cembalisten und von Kapellmeister Steffen Müller-Gabriel mit den Philharmonikern. Die Ouvertüre schwächelt noch ein wenig, auch die ersten Szenen sind nicht ganz synchron, doch dann zaubert das Orchester ein Feuerwerk an instrumentaler Virtuosität. Höhepunkt ist sicher der Auftritt einer „Banda“ auf der Bühne.

Dem Hagener „Turco“ gelingt die schwierige Balance, das Publikum mit einer überbordenden Fülle von Ideen zum Lachen zu bringen, aber gleichzeitig mit leichter Hand zarteste Poesie darüber zu weben. So rockt Rossini in Hagen.

Karten und Termine: www.theaterhagen.de

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