Bildung

Stasi-Opfer berichtet in Hagen von missglückter Flucht

Peter Keup (links) und Geschichtslehrer Wulf Bernecker.

Foto: Heuel

Peter Keup (links) und Geschichtslehrer Wulf Bernecker.

Hagen.   Vor 29 Jahren ging die DDR unter. Die Wunden, die der Unrechtsstaat schlug, wirken nach. Ein Stasi-Opfer berichtet in Hagen aus eigener Erfahrung.

Wer in unserer demokratischen Wohlstandsgesellschaft aufwächst, der hat alle Rechte, konsumiert und nimmt, was da ist. Es ist so selbstverständlich, man muss nicht viel dafür tun.

Es gab einen Staat in Deutschland, in dem das anders war. Vor 29 Jahren ging die DDR unter, die Wunden, die sie den Menschen schlug, sind eine Mahnung daran, dass nichts so selbstverständlich ist wie Konsum, Reise- und Redefreiheit. „In der DDR war es sogar illegal, über die Ausreise nachzudenken“, sagt Peter Keup (59). Er berichtet von seiner Jugend und missglückten Flucht aus der DDR, Wulf Bernecker, Geschichtslehrer am Theodor-Heuss-Gymnasium, hat ihn eingeladen, und was er den Schülern des neunten Jahrgangs, bei denen die DDR gerade auf dem Stundenplan steht, zu erzählen hat, ist weit weg von deren Erwachsenwerden in der Wohlstandsdemokratie. „Aber es kann wieder passieren“, sagt er.

Überzeugter Kommunist

Sein Vater war ein überzeugter Kommunist und wanderte Mitte der 50er Jahre aus Essen in die DDR aus. So wurde Peter Keup in Radebeul bei Dresden geboren, und dass er in einer Diktatur aufwuchs, bedeutete nicht, dass er keine schöne Kindheit hatte: „Nein, das war in Ordnung.“ In der Schule lernte er, dass alle Nazis aus Ostdeutschland verschwunden seien und im Westen lebten und dass die Bundesrepublik ein Staat der Ausbeuter und Kriegstreiber sei, ein Reich des Bösen. Man konnte sich einrichten in diesem Glauben.

Doch in Keups Familie wuchsen die Zweifel. Nachdem das SED-Regime die Mauer gebaut und das Land abgeschottet hatte, schossen an der Grenze Deutsche auf Deutsche: „Auf diesen Nenner muss man das runterbrechen“, so Keup: „Wir DDR-Bürger waren eingesperrt.“ 1975, gegen den leisen Widerstand des Vaters, stellte die Familie einen Ausreiseantrag – nicht wegen Kritik am Kommunismus, sondern wegen der familiären Situation. Viele Verwandte, darunter die Großeltern, lebten nach wie vor in Essen.

Von der Schule geworfen

Peter Keup musste es büßen. „Du bist ein Verräter“, sagte seine Lehrerin, als sie den 16-Jährigen von der Schule warf: „Du verrätst den Staat, der dir alles gegeben hat. Du bist ein Egoist, du darfst kein Abitur machen.“ Es sei denn, er distanziere sich von dem Ausreiseantrag, dann würde seinen Eltern das Sorgerecht entzogen und er einer anderen Familie „zugeordnet“. „Wäre es für Sie denkbar, die Familie zu wechseln?“, fragte Keup die THG-Schüler.

Er wurde schikaniert, durfte den Sportplatz in Radebeul, durfte die Innenstadt von Dresden nicht mehr betreten. Er machte eine Ausbildung zum Schriftsetzer, der Weg zur Arbeit dauerte geschlagene drei Stunden, weil er Dresden weiträumig umfahren musste. Seine Eltern und Geschwister blieben unbehelligt, ganz bewusst trieb die Staatssicherheit, die „geheime Staatspolizei der DDR“ nennt sie Keup, einen Keil in die Familie. „Das funktioniert. Mein Vater hoffte ja insgeheim, dass unser Ausreiseantrag nicht genehmigt würde.“

Isolationshaft

Peter Keup entschloss sich zur Republikflucht über Ungarn. Doch schon im Zug nach Prag fiel er einem eifrigen Schaffner auf, wurde verhaftet und in ein dunkles Loch gesteckt. Was die Stasi noch besser als Schikanieren beherrschte: Foltern und Quälen. Monatelang schmachtete er in Isolationshaft, musste mit dem Gesicht zur Wand stehen oder zu Boden blicken, wenn ein Wärter die Zelle betrat, wurde nur 13-1 genannt. „Ich wusste nicht, wo ich bin noch was mit mir passiert. Ich schäme mich nicht, es ist eine Frage der Zeit, wann man zerbricht.“

Schließlich wurde er zu zehn Monaten Freiheitsstrafe verurteilt: „Ich hatte Glück, das war die Mindeststrafe.“ Seine Haftzeit saß er mit gewöhnlichen Kriminellen in einem Knast in Cottbus ab, 18 Mann in einer Zelle, Drei-Stock-Betten, ein Klo, ein Waschbecken, Rohheit und Gewalt.

Aufnahmelager

Doch Peter Keup überstand auch diese Monate, er zerbrach nicht. Aus dem Gefängnis entlassen, lehnte er es ab, die DDR-Bevölkerung per Antrag zu bitten, ihn wieder in ihre Reihen aufzunehmen. „Nun gut, Sie wollen die DDR nicht, und die DDR will Sie nicht“, teilte ihm ein Stasi-Offizier in brutalem Realimus mit. Keup wurde die Staatsbürgerschaft aberkannt, ein Bus brachte ihn zur innerdeutschen Grenze, vom Aufnahmelager in Hessen aus rief er seine Großmutter in Essen an: „Ich sagte ihr: Hör doch lieber auf zu weinen und koch mir was Schönes zum Essen.“ Es war, sagt er, einer der glücklichsten Momente seines Lebens.

Für 10 000 Mark freigekauft

Wie er später aus seiner Stasi-Akte erfuhr, hatte ihn die Bundesrepublik für 10 000 Mark freigekauft. Als 1989 die Mauer fiel, hatte er ein zwiespältiges Gefühl, weil er das Land nun wieder mit jenen teilen musste, die ihn verfolgt hatten. Sein Vater war 1987 gestorben, er bedauert es bis heute, dass er sich nie mit ihm ausgesprochen hat.

Für Peter Keup ist die demokratische Wohlstandsgesellschaft, in der er konsumieren kann und alle Rechte hat, keine Selbstverständlichkeit. „Die Demokratie muss nicht immer bleiben“, mahnt er die Gymnasiasten, die gebannt an seinen Lippen hängen, und als ihn einer fragt, was er denn damit sagen wolle, antwortet er: „Es hat zwei schlimme Diktaturen in Deutschland gegeben, passen Sie auf, dass unsere Gesellschaft, so wie sie ist, bestehen bleibt. Das ist mein Statement an Sie.“

>>Hintergrund: Beruf an Nagel gehängt

  • Peter Keup war Tanzlehrer. Als er 2012 erfuhr, dass sein Bruder Stasi-Mitarbeiter war, hängte er den Beruf an den Nagel und widmet sich ganz der geschichtlichen Aufarbeitung als Zeitzeuge.
  • Die Geschichte der DDR bzw. die Wiedervereinigung sind abiturrelevante Themen an deutschen Gymnasien. Sie stehen in der Mittel- und Oberstufe auf dem Lehrplan.

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