Geburtshilfe

Storchennest – 2000 Kinder kamen in 25 Jahren auf die Welt

Blick in ein Geburtszimmer des Storchennestes in Haspe. Das Haus ist eine Alternative zu den großen Geburtskliniken, wo es passieren kann, dass es eine Frau unter den Wehen im fliegenden Schichtwechsel mit mehreren Hebammen oder Ärzten zu tun bekommt

Foto: Michael Kleinrensing

Blick in ein Geburtszimmer des Storchennestes in Haspe. Das Haus ist eine Alternative zu den großen Geburtskliniken, wo es passieren kann, dass es eine Frau unter den Wehen im fliegenden Schichtwechsel mit mehreren Hebammen oder Ärzten zu tun bekommt Foto: Michael Kleinrensing

Haspe.   Das Storchennest in Haspe sieht sich bewusst als Alternative zu Klinik-Kreißsälen. Das Konzept der Individualität funktioniert.

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Als Lili Hummer (73) ihre Ausbildung zur Hebamme absolvierte, ähnelte die Geburtshilfe einem Massenbetrieb. In der Frauenklinik der Uni Hamburg entbanden an manchen Tagen 24 Frauen. „Es ging zu wie auf einem Güterbahnhof“, erinnert sich die Hasperin an das Herein- und Hinausfahren von Müttern kurz vor oder kurz nach der Geburt: „Bisweilen haben zwei Frauen im gleichen Kreißsaal und zur gleichen Zeit, getrennt nur durch eine Spanische Wand, entbunden.“

So hatte sich Lili Hummer das Dasein als Hebamme nicht vorgestellt. Gleich nach dem Examen wechselte sie daher an ein kleines Krankenhaus, wo den Hebammen ausreichend Zeit blieb, Vertrauen zu den Müttern aufzubauen. „Dort habe ich die Freude an meiner Tätigkeit zurückgewonnen.“ Ihre eigentliche Berufung fand die Geburtshelferin, die über 10 000 Kindern dabei half, das Licht der Welt zu erblicken („das ist geschätzt, nach der 5000. Geburt habe ich aufgehört zu zählen“), mit der Gründung des „Storchennests“. Vor 25 Jahren eröffnete sie gemeinsam mit ihrer Tochter Sandra de Vries (47) in der Martinstraße in Haspe ihr eigenes Geburtshaus: „Ich bin ja eigentlich Rentnerin“, sagt Lili Hummer: „Aber solange ich Freude habe an meinem Beruf, möchte ich weiter arbeiten. Eine Geburt ist doch immer wieder ein kleines Wunder.“

Das „Storchennest“ sieht sich bewusst als Alternative zur Geburtshilfe in einem Klinikkreißsaal, wo es passieren kann, dass es eine Frau unter den Wehen im fliegenden Schichtwechsel mit mehreren Hebammen oder Ärzten zu tun bekommt. „Uns ist es wichtig, dass die werdenden Mütter sich geborgen fühlen und loslassen können“, betont Sandra de Vries, die selbst vier Kinder hat: „Und es ist ja auch für eine Hebamme nicht schön, wenn sie die Geburt nicht zu Ende bringen kann.“

Sicherheitstechnisch modern

Gut 2000 Kinder sind bislang im „Storchennest“ geboren worden. Noch viel mehr Frauen haben an den Geburtsvorbereitungskursen in der Einrichtung teilgenommen, ziehen jedoch eine Geburt im Krankenhaus vor – meist aus Sicherheitserwägungen. Das sei auch völlig okay, findet Sandra de Vries: „Jede Frau sollte dort entbinden, wo es ihr zusagt. Es muss beides geben – Kliniken und Geburtshäuser.“ Was den Sicherheitsaspekt angehe, sei das „Storchennest“ jedoch auf der Höhe der Zeit. Auf Wunsch werde zur Geburt auch ein Arzt hinzugezogen, und beim geringsten Anzeichen einer Komplikation werde ein Krankenwagen gerufen, der die Mutter in die Kinderklinik bringe: „Risiken gehen wir hier nicht ein, sonst gäbe es uns nicht schon seit 25 Jahren.“

Eine gute Hebamme braucht Geduld

Längst hat sich das „Storchennest“ an der Martinstraße einen guten Namen weit über die Hagener Stadtgrenzen hinaus erworben. Ein Ehepaar aus Plettenberg übernachtete im Wohnwagen am Harkortsee, um sich rechtzeitig zur Geburt in Haspe einstellen zu können. Häufig müssen Sandra de Vries und Lili Hummer werdenden Müttern absagen, weil alle Kurse belegt sind und das Geburtshaus nicht zum Güterbahnhof werden soll. Denn für die Frauen, die im „Storchennest“ entbinden, soll die Geburt ein individuelles Erlebnis bleiben, bei dem ihnen Wärme, Geborgenheit und Vertrauen erfahren: „Ich glaube, eine gute Hebamme braucht Geduld, Freundlichkeit und Durchsetzungsvermögen – auch während des Geburtsvorgangs“, sagt Sandra de Vries. In der Geburtsvorbereitung spielten Gymnastik und bestimmte Atemtechniken gewiss eine Rolle: „Aber damit eine Frau gut durch die Geburt kommt, sind Informationen am wichtigsten. Sie muss über alles Bescheid wissen, was bei der Entbindung geschieht. Im übrigen fühlt und weiß jede Frau selbst am besten, was während der Geburt für sie optimal ist.“

Hohe Prämien in Kauf genommen

Nicht wenige Geburtshäuser haben in den vergangenen Jahren vor den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, die freien Hebammen die Ausübung ihres Berufes immer schwieriger machen, kapituliert und sind geschlossen worden. Auch Sandra de Vries und Lili Hummer müssen pro Person und Jahr 7200 Euro für die Haftpflichtversicherung zahlen – ein Betrag, der kaum noch zu stemmen ist.

„Wir machen weiter, weil wir unseren Beruf lieben“, sagen sie. Und damit werdende Mütter auch in Zukunft in Haspe eine Alternative zur Geburt im Krankenhaus bleibt.

>> Drei hebammen gehören zum Team

Als dritte Hebamme neben Lili Hummer und Sandra de Vries komplettiert Paulina Hummer (24) das Team im „Storchennest“.


Das Kursprogramm beinhaltet Geburtsvorbereitung, Säuglingspflege, Betreuung nach der Geburt, Rückbildung sowie Babygymnastik und Massage.


Es gibt unterschiedliche Entbindungsmöglichkeiten wie Geburtssessel, Bett, Roma-Rad, Seile oder Unterwassergeburt

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