Bildung

Streit um Schließung der Einwandererschule spitzt sich zu

Die Schule in Halden wird zum Schuljahresende geschlossen.

Die Schule in Halden wird zum Schuljahresende geschlossen.

Foto: Kleinrensing

Hagen.   Der Schulausschuss der Stadt Hagen war sich einig: Die Schließung der Zuwandererschule in Halden nach nur einem Jahr ist ein schwer Fehler.

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Im Schulausschuss herrschte Einigkeit: Die von der Bezirksregierung angeordnete Schließung der Zuwandererschule in Halden sei ein schwerer bildungspolitischer und pädagogischer Fehler. Einstimmig beschloss das Gremium, mit der Schulaufsichtsbehörde in Arnsberg über neue Wege in der Beschulung von zugewanderten Kindern und Jugendlichen zu diskutieren.

Insbesondere für Schüler mit schwierigen Voraussetzungen wie Analphabetismus oder fehlender schulischer Sozialisation, heißt es in dem von allen Fraktionen getragenen Beschluss, seien Vorbereitungsklassen eine wesentliche Voraussetzung für den Besuch von Regelklassen. Sprich: Bevor Kinder, die weder Deutsch sprechen noch lesen oder rechnen können, in Klassen „zwangsintegriert“ werden, sollten sie Sprachkenntnisse erwerben und lernen, was täglicher Schulbesuch bedeutet.

Deutliche Kritik von Stadtverwaltung

In ungewohnt deutlichen Worten hatte zuvor die Stadtverwaltung die Schließungsverfügung aus Arnsberg kritisiert. Es gebe einen „deutlichen inhaltlichen Dissens“. Die Entscheidung der Bezirksregierung habe man zwar aus „formalen Gründen hingenommen“, da eine Konfrontation mit der Schulaufsicht weder aussichtsreich noch sinnvoll sei. Doch die Schule in Halden sei auf einem guten Weg gewesen.

Die separate Beschulung dürfe nicht gleich unter den Generalverdacht der Segregation (Abspaltung) gestellt, sondern ergebnisoffen und pragmatisch diskutiert werden. Die Interessen der bereits länger hier Lebenden müssten ebenso berücksichtigt werden wie die der neu Zugewanderten. Zudem müssten Klassenteilungen wie an der Gesamtschule Eilpe vermieden werden.

Die Linie der Verwaltung fand die volle Unterstützung der Hagener Bildungspolitiker. Thomas Walter (CDU) nannte die Zuwandererschule in Halden ein „Pilotprojekt für ganz Deutschland“, das gerettet werden müsse: „Ansonsten produzieren wir sozialen Sprengstoff, es schlägt uns um die Ohren. Es gärt in unserer Bevölkerung.“ Richard Römer (AfD) sagte, Integration sei nur über die Sprache möglich. Und Ausschussvorsitzende Ellen Neuhaus (CDU) erklärte, sie sei entsetzt über die Schließung: „Ich habe viele Anrufe von erbosten und traurigen Lehrern erhalten, die aber alle nicht genannt werden möchten, weil sie Angst vor Repressalien seitens der Schulaufsicht in Arnsberg haben.“

Grüne verteidigt FDP-Ministerin

Auch Bildungsministerin Yvonne Gebauer (FDP) wurde attackiert und einzig ausgerechnet von einer Vertreterin der Grünen verteidigt: „Die Ministerin kann gar nicht anders als geltendes Recht umzusetzen“, erklärte Kathy Sommer-Bergenthal, um gleich für ihre Fraktion hinzuzufügen: „Wir finden die Schule in Halden auch toll.“

Dass sie auf Kriegsfuß mit der Politik aus Düsseldorf bzw. Arnsberg liegt, daran ließ auch Hagens Bildungsdezernentin Margarita Kaufmann keinen Zweifel aufkommen: „Was es für Lehrer bedeutet, eine Klasse zu unterrichten, in der ein Drittel der Schüler Analphabeten sind, kann sich jeder an zwei Fingern abzählen. Das ist Segregation innerhalb der Klasse.“

Das würde Kaufmann Bildungsministerin Gebauer gern persönlich sagen. Der Schulausschuss lud die FDP-Politikerin nach Hagen ein. Ob sie sich einen solchen Besuch zutraut, bezweifelt nicht nur Friedrich-Wilhelm Geiersbach (SPD): „Ich befürchte, das bringt nichts.“

>>Hintergrund: Das sagt die Bezirksregierung

  • Auch nach der neuerlichen Kritik aus dem Schulausschuss bleibt die Bezirksregierung bei ihrer Haltung: „Das Projekt war seit seinem Start vor einem Jahr immer und ausdrücklich als zeitlich befristete Ausnahme gekennzeichnet“, so Behördensprecher Christoph Söbbeler. Und auch künftig werde eine solche Schule nur das letzte Mittel sein, wenn alle anderen alternativen räumlichen Möglichkeiten nicht vorhanden seien.
  • Das gemeinsame Unterrichten schaffe Verständnis und leiste einen nachhaltigen Beitrag für die Integration. Das Erlernen der deutschen Sprache sei dabei zweifellos eine Grundvoraussetzung. Aber auch an den Regelschulen, an die die Zuwanderer-Kinder nun wechseln, könnten vorübergehend Klassen eingerichtet werden, in denen die Schüler schwerpunktmäßig Deutsch lernen.
  • Zudem könnten sie in kleinen Lerngruppen temporär gefördert werden. Zu der Befürchtung, dass Lehrer, die sich kritisch zu der Entscheidung äußern, negative Folgen zu fürchten hätten, sagt Söbbeler: „Lehrer sind selbstverständlich aktive Teilnehmer in einem öffentlichen Diskurs. Sie sind allerdings als Beamte des Landes NRW zur Loyalität ihrem Dienstherrn gegenüber verpflichtet. Sie sind aufgerufen, Entscheidungen des Dienstherrn mitzutragen.“

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