Symphonic Floyd

Symphonic Floyd rockt die Westfalenhalle im Handumdrehen

Symphonic Floyd in der Westfalenhalle: Milla Kapolke, die Hagener Philharmoniker unter Steffen Müller-Gabriel und der Opernchor Hagen.

Symphonic Floyd in der Westfalenhalle: Milla Kapolke, die Hagener Philharmoniker unter Steffen Müller-Gabriel und der Opernchor Hagen.

Foto: Kai Kitschenberg

Dortmund.   Musiker von Extrabreit und Grobschnitt wollen es noch einmal wissen. Sie starten mit Symphonic Floyd ein gigantisches Klangexperiment.

Kurz vor dem Auftakt kommt die Angst. War es wirklich eine gute Idee, mit dem Projekt in die große Westfalenhalle zu gehen? Dieser gigantische Saal macht überhebliche Bands schneller zu Kleinholz als ein Orkan den Sauerländer Wald. Und dann handelt sich auch noch um DIE Halle schlechthin. 1981 haben Pink Floyd hier „The Wall“ gegeben. Rolf Möller und Milla Kapolke waren dabei, als blutjunge Musiker. Jetzt stehen sie selbst auf der Bühne und spielen Symphonic Floyd. 5000 Leute wollen das hören. Schon zur Pause steht das Publikum. Das gibt es sonst nie.

Ein Abend im Breitband-Format

Die Hagener Band Green und das Philharmonische Orchester Hagen bringen mit Symphonic Floyd eine Zeit wieder ins Heute, als Musik noch kein Business war, sondern eine Haltung. Am Ende braucht es fünf Zugaben, bevor die Zuhörer in Dortmund bereit sind, nach Hause zu gehen - nach dreieinhalb Stunden. Sie sind Zeugen geworden, wie etwas Außergewöhnliches passiert: Ein Abend im Breitband-Format, eine Musik-Oper, ein Konzert das Geschichte schreibt.

„Symphonic Floyd“ ist mehr als eine Coverversion von Pink Floyd-Titeln. Dafür ist die Truppe um Milla Kapolke (Bass, Gesang) und Schlagzeuger Rolf Möller mit viel zu guten Musikern besetzt. Es handelt sich um eine sehr eigenständige Auseinandersetzung mit den britischen Experimentalrockern, und zwar durch Profis, die fast genauso lange im Geschäft sind wie die Briten. Green setzt sich aus Mitgliedern der berühmten Hagener Bands Grobschnitt und Extrabreit zusammen, neben Kapolke und Möller sind das Bubi Hönig, Deva Tattva, Mudita Kapolke und Michi Rolke. 1978 haben Kapolke und Hönig Green in Hagen gegründet, da waren beide noch Studenten und wussten nicht, dass sie professionell bei Grobschnitt und Extrabreit unterwegs sein würden. Green haben sie seit 40 Jahren nie aufgegeben. Green steht für Spaß am Spielen, ganz ohne Druck. Und der Bandname steht auch für den Anspruch, Zukunftsmusik zu machen.

Freunde, Familie, gute Musik

Denn was wirklich wichtig ist im Leben, darum geht es in diesem Konzert: Freunde, Familie, gute Musik. Das Philharmonische Orchester Hagen ist unter Steffen Müller-Gabriel dabei, nicht nur, weil einige Pink-Floyd-Titel ein Sinfonieorchester verlangen, sondern weil die Philharmoniker eben Freunde sind, mit denen man seit Jahren erfolgreich und leidenschaftlich zusammen spielt. Die Musik gibt das Breitband-Format ja her, sie verlangt geradezu nach den Arrangements, mit denen Andres Reukauf sie in seinen Arrangements auf die große Palette überträgt.

Drei Generationen stehen auf der Bühne, über 100 Akteure. Die Musiker, ihre Kinder Vanessa Möller (Geige), Manu Kapolke (Glasharmonika, Gitarren, Gesang) und Demian Hache, der Sohn von Deva Tattva. Dazu der Opernchor und der Kinderchor des Theaters Hagen. Und die blutjunge Schwelmer Sängerin Lea Bergen, die bei Great Gig in the Sky ein sensationelles Rock-Debüt liefert.

Schnapsidee? Nein, der Funke springt über

Das Publikum wird sofort in diese Familie einbezogen, obwohl es beim Hören richtig arbeiten muss, denn das Programm ist komplex und die Westfalenhalle kein intimer Club. Sie ist deshalb schwieriger zu bespielen als das Theater Hagen. Acht Mal ist Symphonic Floyd dort gelaufen, stets vor ausverkauftem Haus. Konzertveranstalter Fred Handwerker saß im Parkett und dachte sich: Da geht noch mehr. Eine Schnapsidee? Will das überhaupt einer hören? Man will. Der Funke springt über.

Vorne auf der Bühne passiert Unerhörtes. Avantgardistische Elektroklänge zerschneiden die Luft. Sie gehören zu Atom Heart Mother, jenem 25 minütigen Stück, welches das Herz des ganzen Symphonic-Floyd-Experimentes bildet. Die Bläserfanfaren, die Cello-Kantilene, die Ballade der Slide-Gitarre, und dann schwillt die Hymne an, und und die Herzen lernen das Fliegen. Gänsehaut-Musik. Live praktisch nie zu hören, weil eben ein Orchester und ein Chor dazu gehören. Atom Heart Mother ist tatsächlich immer noch Zukunftsmusik. Das gilt auch für Dark Side of the Moon, das legendäre Album, das Green und die Hagener Philharmoniker in einem Rutsch durchspielen, 45 Minuten am Stück, eine Sinfonie, ein klingendes Stück vom Universum.

Heldenfahrt und Höllenritt

Am Ende hört man zwei Stichwörter ziemlich oft von ziemlich unterschiedlichen Leuten: Reise und Wagner-Oper. Ja, Symphonic Floyd ist eine Reise von epischen Ausmaßen, eine Expedition, so lang wie ein Netto-Tristan, eine Heldenfahrt, ein Höllenritt, ein Trip zu den Sternen, alles in einem – und zwar umgesetzt mit einer fantastischen Licht-Regie.

„Ich musste ein paarmal zu Boden gucken, weil mir sonst die Tränen aus den Augen gelaufen wäre“, beschreibt Rolf Möller hinterher, wie intensiv die Show für die Musiker ist. „Es ist auch ein sehr emotionaler Moment, die eigenen Kinder da oben zu sehen.“ Milla Kapolke ist ebenfalls tief berührt. „Es waren Besucher aus der Schweiz, aus Holland und aus Süddeutschland da. Und das war auch für das Orchester eine große Sache. Die hatten riesigen Spaß.“

Wie geht es jetzt weiter? „Nach der Show ist vor der Show“, deutet Rolf Möller an. „Wir lieben das, was wir da oben machen.“ Milla Kapolke ergänzt: „Es gibt noch viel gute Musik.“

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