Theater Hagen

Theater Hagen feiert Erfolge mit der Nixen-Oper Rusalka

Hagen.   Das Theater Hagen verlegt Dvoraks Oper „Rusalka“ auf die Laufstege der Topmodels. Wir verraten, warum man die Oper sehen muss

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Am Ende geht der Kinderhochstuhl in Flammen auf. Die Nymphe ist jetzt erwachsen. Sie beherrscht den Todeskuss. Das Theater Hagen zeigt Antonin Dvoraks Geistermärchen „Rusalka“ als Protokoll einer tödlichen Reifung. Selbst wenn die Regie Fragezeichen aufwirft, gelingt dem Haus damit ein seltener, ja, ein großer Opernabend, denn Dvoraks Musik ist zum Niederknien schön und Sopranistin Angela Davis in der Titelrolle eine echte Entdeckung.

Sirenen, Nixen, Melusinen und Undinen faszinieren die Kunst seit der Antike. In der Romantik und im Jugendstil wird das Bild der singenden Wasserfrau symbolisch ungeheuer aufgeladen. Wenn sie aus Liebe Mensch werden will, muss sie einen schrecklichen Preis zahlen. Die Männer, die ihr in ihrer natürlichen Wesenheit verfallen, vernichtet sie. Antonin Dvorak hat aus dem literarisch überhöhten Stoff unter Einbeziehung der slawischen Rusalka-Tradition ein Opernmärchen geschrieben, das mit seiner betörenden Musik und seiner vielschichtigen Motivik als Familienstück im Sinne von „Hänsel und Gretel“ ebenso funktionieren kann wie als Studie über die Unmöglichkeit von Beziehungen.

Unterkühlte Raumlösung

Die junge Regisseurin Nina Kupczyk und Bühnenbildner Martin Kukulies scheuen jedoch das Märchenhafte und auch die einkomponierten Landschaftsbilder, die bei Dvorak als Seelenräume angelegt sind. Das Team entscheidet sich stattdessen für eine unterkühlte Raumlösung. Die Geschichte spielt auf dem Set eines TV-Modelwettbewerbs mit Laufsteg, gnadenlosen Schminkspiegeln und allgegenwärtigen Kameras. Der Mond ist und bleibt ein Scheinwerfer, da kann die Harfe noch so lyrisch flehen. Hier macht der Wassermann den Hausmeister. Rusalka, seine unscheinbares Tochter mit Beinschiene, blickt sehnsuchtsvoll zu den Schönen im Rampenlicht. Mit den karikaturhaft überzeichneten Figuren im Chor wirkt die Handlung wie eine Abfolge von Traumsequenzen im Rahmen der Erinnerungsarbeit einer Psychoanalyse. Den freudianischen Aspekt steuert ebenfalls das Symbol des weißen Rehs bei, das im Prolog zusammenbricht und dann im Schloss ausgeweidet über dem Ballsaal hängt. Das weiße Reh steht für etwas Seltenes und ist im Märchen wiederum eine Gestaltform, die von einer Wasserfrau angenommen werden kann.

Die weibliche Bereitschaft, für die Selbstoptimierung Demütigungen zu ertragen, arbeitet die Regisseurin gut heraus. Aber ihre Deutung ist zu einengend, die Tragödie wird dadurch klein gemacht, die Bilder erhalten nur wenig Luft zur Entfaltung. In „Rusalka“ geht es schließlich um das Opernproblem schlechthin: den Gesang. Rusalkas Stimme ist der Preis für ihre Seele. Einen so archaischen Konflikt mit einem Fisch im Mund zu übersetzen, das ist zu wenig.

Auch die Personenzeichnung geht teilweise nicht auf. Anfangs ist der Wassermann und Vater ambivalent dargestellt. Bass Dong-Won Seo zeigt ihn mit unterschwelliger Gewaltbereitschaft, wird dann aber ganz brav. Mezzosopranistin Kristine Larissa Funkhauser hat dagegen unglaublich viel Spaß mit der Hexe Jezibaba. Die ist eine Veteranin der Laufstege, stets umringt von Pudeln und Paparazzi. Der Charakter ist nur bedingt komisch, denn wenn Kristine Larissa Funkhauser mit Wucht ihre Verwandlung anlegt, lassen Richard Wagners zornige Göttinnen grüßen.

Ein Prinz im Glitzeranzug

Der bulgarische Tenor Milen
Bozhkov kommt als Prinz im roten Glitzeranzug des Weges, immer auf der Suche nach dem nächsten weißen Reh. Sein Tenor hat edle Farben, doch die Bildung der Vokale ist ein Problem. Sopranistin Angela Davis legt die Rusalka mit einer berührenden Mischung aus Unschuld und Entschlossenheit an. Das Lied an den Mond wird zu einer berückenden Liebeserklärung. Angela Davis kommt aus Unna, war vor Jahren in Dortmund im Ensemble und startet jetzt – nach einer Familienpause – richtig durch. Dass die Produktion klanglich so überzeugt, ist nicht zuletzt dem neuen Konzertzimmer zu verdanken, dass für eine erheblich verbesserte Bühnenakustik sorgt.

Jede Rusalka steht und fällt mit der Musik. Dvorak hat das Stück als Orchesteroper angelegt. Wer die Sinfonien des böhmischen Komponisten liebt, wird in Hagen vom ersten Takt an glücklich sein. Die Hagener Philharmonikern sind unter Generalmusikdirektor Joseph Trafton in Bestform. So pulsiert und atmet die Partitur wie ein lebendiges Gewebe.

Die Entfremdung der Nixe von ihrer eigentlichen Natur wird am Schluss geheilt. Die Scheinwerfer verschwinden, dafür ergießt sich aus dem Himmel ein erquickender Regenschauer. Die Wassernymphe ist keine Männerprojektion mehr. Sie hat sich zur Geisterprinzessin emanzipiert. Schön. Und tödlich.

www.theaterhagen.de

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