Premiere

Theater Hagen spielt „Wie im Himmel“

Hagen.   Herzbewegend, aberwitzig, beklemmend: Das Schauspiel „Wie im Himmel“ feiert im Theater Hagen die Macht der Musik. Wie konnte es dazu kommen?

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Jeder Chor ist das Spiegelbild einer Gesellschaft mit all ihren Verwerfungen und Heilsversprechen. Aus dieser zarten Balance gewinnt das Stück „Wie im Himmel“ seine Strahlkraft. Am Theater Hagen wird die Geschichte nach dem weltberühmten Film von Kay Pollak jetzt zu einer anrührenden Hommage an die Musik als jener Kraft, die Gegensätze und Ängste überwinden hilft. Das Publikum feiert die Produktion nach der Premiere mit anhaltendem Beifall im Stehen.

Der schwedische Regisseur Kay Pollak hat seinen cineastischen Überraschungserfolg selbst für die Bühne eingerichtet; in Deutschland gehört „Wie im Himmel“ zu den meistaufgeführten Stücken überhaupt. Die stationären Theater arbeiten dabei gerne in unterschiedlicher Weise mit den Laienchören aus der jeweiligen Region zusammen, und auch Hagen nutzt diese Chance, Brücken hinaus in die Gesangsszene zu bauen.

Wunderbare Arrangements

Die Hagener Bühne verdankt dem Komponisten Andres Reukauf bereits viele wahrhaftig wunderbare Produktionen. Auch hier liefern seine Arrangements von Volksliedern und Songs den psychologischen Mutterboden, auf dem aus Trostlosigkeit das Glück in zarten Keimen treiben kann.

Regisseur Thomas Weber-Schallauer fokussiert den Text für die Hagener Fassung auf die Schlüsselszenen. Auf der Bühne stehen Gastschauspieler, Profis und Laien. Die Handlung vollzieht sich in einem Einheitsraum (Britta Tönne), einem Gemeindesaal, der so erstickend ist wie die Enge, in der die Bewohner des kleinen nordschwedischen Dorfes miteinander zurecht kommen müssen. Künstler ist hier ein Schimpfwort. Der Kirchenchor ist eigentlich ein normaler Bestandteil des Milieus, entwickelt sich aber zum Brutteich für Selbstbestimmung und Zusammenhalt, nachdem der ehemalige Stardirigent Daniel Daréus seine Leitung übernommen hat.

Andreas Kunz legt diesen Maestro als einen kaputten und zunächst recht unsympathischen Schreihals mit Beethoven-Mähne an, der die Musik als Waffe gegen andere Leute einsetzt, bis ihn ein Herzinfarkt stoppt. Sein Daniel ist gezeichnet von inneren Konflikten, er behandelt den Dorfchor zunächst mit dem gleichen Jähzorn wie seine früheren Profimusiker. Ihn umgibt aber auch etwas Messianisches. Zur Chorpsychologie gehört allerdings nicht nur der Blick des Dirigenten auf seine Mannschaft, sondern umgekehrt die Mischung aus Glorifizierung und Rebellion, mit der die Sänger dem Leiter be­gegnen. Je intensiver sie mit Daniels Hilfe ihre eigene Stimme entdecken, desto explosiver wird die Gemengelage aus sexueller Frustration, Neid, Mobbing und Gewalt.

Manipulativer Platzhirsch

Der Pfarrer hingegen ist ein manipulativer Platzhirsch im Dienste eines freudlosen Gottes. Und er merkt natürlich sofort, dass der Dirigent tatsächlich eine Bedrohung für den Frieden im Dorf ist, denn wer selbstbewusst singt, lässt sich nicht mehr so leicht ducken. Ralf Grobel spielt diesen Kirchenmann mit derart aalglatter Bigotterie, dass man im Publikum die Kanzel stürmen möchte. Judith Guntermann ist als zarte Gabriella eine misshandelte Frau, die staunend entdeckt, dass ein Lied ihren Namen trägt und aus ihr hinauswill.

Dann kommt der Augenblick, in dem Christian Bergmann als ­gewalttätiger und bärenstarker Conny seine Frau Gabriella aus dem Chor entfernen will. Also ­stehen sie da, das alte Paar, die ­taube Greisin, die vertrocknete Pfarrersfrau, der behinderte Junge und singen dem Schläger aus ­tiefstem Herzen „In einem kühlen Grunde“ entgegen, in der verrückten Hoffnung, ihn damit zu ­stoppen. Das ist so tapfer und gleichzeitig so aberwitzig, wie nur Theater berühren kann.

Der Dirigent hat, man ahnt es früh, seinen eigenen Tod bereits neben sich gehen. Die Regie schenkt ihm eine Himmelfahrt, die kein Register des Klischees ­verschmäht. Die Sänger hingegen emanzipieren sich von ihren ­Ängsten. Plötzlich öffnen sich die Türen im Parkett. Der Projektchor erobert die Bühne. Selbst wenn man weiß, dass dies passieren wird, bleibt es ein großer Gänsehaut-Moment. Singen befreit. Singen stiftet Gemeinschaft. So wird „Wie im Himmel“ zur Liebeserklärung an alle Chöre.

Folgende Chöre wirken bei „Wie im Himmel“ mit: Harmonie Wetter, Redbrick Gospelchor, Vokalforum Iserlohn, Frauenchor Iserlohn, Philharmonischer Chor Hagen, Extrachor Theater Hagen, Eppenhausener Gospelchor, Kolpingchor Boele, Jugendclub Theater Hagen, La Voce, Hagener Frauenchor 1980, Mozart-Konzertchor, Oratorienchor Letmathe.

www.theaterhagen.de

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