Rückblick

Trauerfahnen und ein Abschied in schwarzen Anzügen von Hasper Hütte vor 40 Jahren

Vor 40 Jahren wurde die „metallurgische Seite“ der Hasper Hütte dicht gemacht. Fotos: Adolf Kühle

Vor 40 Jahren wurde die „metallurgische Seite“ der Hasper Hütte dicht gemacht. Fotos: Adolf Kühle

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Haspe.   Den Anfang vom Ende markierte der letzte Abstich auf der Hasper Hütte vor 40 Jahren. Vielleicht ist es Ironie des Schicksals, was in den letzten Wochen geschah. Bagger rollten an und machten den unscheinbaren Backsteinbau an der Hasper Südumgehung dem Erdboden gleich. Herzen leuchteten hier zuletzt in den Fenstern. Dirnen hatten hinter den geschlossenen Vorhängen ihren Lohn verdient.

Einst residierten hier die Personalabteilung und die Betriebskrankenkasse der Hasper Hütte. 40 Jahre nach dem letzten Abstich ist das letzte Gebäude, das einst zu den Klöcknerwerken gehörte, aus dem Stadtbild verschwunden. Über das Aus der metallurgischen Seite, das endgültig den Anfang vom Ende bildete, sprach unsere Zeitung mit dem ehemaligen Gewerkschaftsbeauftragten Wolfgang Wegener (79) und dem Betriebsrat Horst Voigt (71).

Erinnern Sie sich noch an den 29. Juli 1972?

Wegener: Nur zu genau. Das war ein Tag, an dem bei vielen gestandenen Männern die Tränen geflossen sind. Die Kollegen an der Trägerstraße sind in schwarzen Anzügen und mit schwarzen Zylindern zur Arbeit erschienen.

Voigt: Viele haben bis zuletzt nicht daran geglaubt, dass es zu Ende geht. Die haben das erst realisiert, als sie die eigene Kündigung in den Händen hielten. Damals haben alle diesen 29. Juli als schwarzen Tag empfunden. Aber die Leute haben bis 10 Uhr ganz normal gearbeitet. Die Produktion ist ja bis zum letzten Tag voll gelaufen. Das hatte ­etwas von „der Letzte Macht das Licht aus“.

Wegener: Nach der Schicht sind viele der Arbeiter in ihren Gruppen in die Kneipen gegangen. Aber nicht, weil sie sich ordentlich betrunken hätten. Es gab an diesem Tag großen Gesprächsbedarf. Immer wieder ging es darum, was die Zukunft bringen werde. Noch heute kann man kaum in Worte fassen, wie den Menschen damals zumute war.

„Alle hatten große Angst“

3800 Menschen haben an diesem Tag ihre Arbeitsstelle verloren. Wie war damals die Gemütslage?

Wegener: Alle hatten große Angst. Die Menschen und der ganze Stadtteil haben sich mit der Hütte identifiziert.

Voigt: Die Zeit vorher war auch schon schlimm. Ich selbst war damals junger Betriebsrat an der Feineisenstraße. Es gab eine Kommission aus Personalabteilung und Betriebsrat, die festgelegen musste, wer entlassen wird. Ich musste die Kollegen raussuchen. Das hat mich sehr belastet. Selbst zu Hause mit meiner Frau habe ich darüber nicht gesprochen.

Wegener: Es war ja nicht nur die Has­per Hütte, die geschlossen wurde. Elf Monate später hat es die Kollegen des Gussstahlwerks Wittmann erwischt. Das gehörte der katholischen Kirche. Der Eigentümer war nicht bereit, noch einmal fünf Millionen D-Mark zu investieren. Damit haben noch einmal 800 Menschen im Stadtteil ihre Arbeit verloren.

Also hatte Hagen fast auf einen Schlag 4000 Arbeitslose mehr?

Voigt: Nein. Auf der Straße gelandet sind nur ganz wenige Kollegen. Die kann man fast an einer Hand abzählen. Die Hasper ­Hütte wurde in einer Zeit des wirtschaftlichen Aufschwungs dichtgemacht. Fast alle haben hier in der Region etwas Neues gefunden. Im Oktober 1971 wurde der Beschluss, die metallurgische Seite zu schließen, in einer Aufsichtsratssitzung in Düsseldorf verkündet. In einem wahren Kraftakt haben wir vom Betriebsrat den Menschen Perspektiven aufgezeigt. Jeder sollte wissen, was mit ihm passierte. Wir hatten einen engen und guten Kontakt zum Arbeitsamt.

Wegener: Wobei die Situation auch für die Kollegen auf der Arbeitnehmerseite nicht einfach war. Mit denen hätte ich in dieser Situation nicht tauschen wollen.

„Das Leben war auf die Hütte konzentriert“ 

Wenn man Sie 1962 gefragt hätte, ob sie sich ein Haspe ohne die Hütte vorstellen können - was hätten Sie geantwortet?

Wegener: Das Leben im Stadtteil war auf die Hütte konzentriert. Die Gaststätten machten morgens um 5.30 Uhr auf, damit die Männer, die von der Nachtschicht kamen, ein Bier trinken konnten.

Voigt: Es gab viele Betriebsversammlungen. Und wohl keine, auf der es nicht auch um das Schicksal der ­Hasper Hütte ging. Wir haben als Betriebsrat oft davor gewarnt, dass die Hasper Hütte nicht über den Berg ist. Auch wenn das die Werksleitung so nie bestätigt hat.

Wegener: Auf der entscheidenden Versammlung haben sie den damaligen Arbeitsdirektor Günther Feiler ausgebuht. Rückblickend muss ich sagen: Das war nicht gerechtfertigt. Er musste nur das ausbaden, was andere ihm eingebrockt hatten.

Wo haben sie von der drohenden Schließung erfahren?

Wegener: Das war auf dem Gewerkschaftstag in Wiesbaden, der parallel zur Aufsichtsratssitzung stattfand. Wir haben sofort eine Demonstration vor dem Rathaus organisiert. Auf dem Hauptgebäude und auf den Schornsteinen haben wir schwarze Flaggen gehisst. Es gab eine Kundgebung mit Innenminister Willi Weyer. Er hat zugesagt, dass das Industriegebiet Lennetal realisiert wird, damit Ersatzarbeitsplätze in Hagen entstehen.

Wie erklären Sie sich die Verbundenheit der Hasper zur Hütte?

Voigt: Das Werk ist nach und nach in den Stadtteil hineingewachsen. Die Menschen haben gut gearbeitet. Aber man muss sagen: Sie haben auch gut verdient. Die Löhne auf der Hasper Hütte lagen zwischen fünf und 15 Prozent über dem, was anderswo gezahlt wurde. Die Rentenansprüche, die daraus erwachsen sind, haben dafür gesorgt, dass das Thema Altersarmut in Haspe lange Zeit keines war.

Warum ist die Hasper Hütte letztlich gescheitert?

Wegener: Die Familie Klöckner hatte sich entschlossen, in Bremen ein ganz neues Werk aus dem Boden zu stampfen. Dort gab es allerdings Probleme mit der Gründung. Das hat die Frist für die Hasper Hütte verlängert. Der Stahl aus den Siemens-Martin-Öfen aber hatte keine Zukunft mehr. Er konnte in Haspe nur eingeschränkt weiterverarbeitet werden. Das Blechwalzwerk war ja als erstes weg. Aufgerollte Coils, wie sie von der Industrie gefordert wurden, konnte man hier nicht herstellen.

Voigt: An der breitesten Stelle maß das Werksgelände 600 Meter. Es erstreckte sich wie ein langer Schlauch von der Kipper bis zur Rehstraße, war aber begrenzt durch die Bahnlinie und die B7 bzw. die Wohngebiete. Hinzu kam, dass die Vormaterialien aufwändig per Bahn herbeigebracht werden mussten. Haspe liegt ja nicht an einem großen Hafen.

Wegener: In den Glanzzeiten haben hier 8100 Menschen gearbeitet. Das war, als wir 1961 auf das Vier-Schicht-System umgestellt haben, um den Kollegen ein freies Wochenende zu ermöglichen. Von da an wurden es stetig weniger.

Denken Sie mit Wehmut an die ­Hasper Hütte zurück?

Wegener: Ja, weil sie einen großen Teil meines Lebens entscheidend geprägt hat.

Voigt: Im Nachhinein muss man sagen, dass es gut war, dass wir zu den Ersten zählten, die damals dicht gemacht wurden. Sonst gäbe es das neue Hasper Zentrum und die Bezirkssportanlage wohl nicht. Schon Anfang September 1972 gab es erste Gespräche darüber, was mit den Gebäuden und dem Gelände geschehen sollte. Daraus ist dann das größte Sanierungsgebiet Nordrhein-Westfalens geworden. Dreistellige Millionenbeträge sind vom Land nach Haspe geflossen.

Wegener: Die Erfahrungen, die die Betriebsräte gesammelt haben, haben den Belegschaften in anderen Hagener Unternehmen mit Sicherheit weitergeholfen.

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