Tschick

Starke Premiere: Roman "Tschick" wird in Hagen zur Oper

Andrew Finden (Maik) und  Karl Huml (Tschick) in einer Szene von Tschick im Theater Hagen.

Foto: Theater Hagen/Klaus Lefebvre

Andrew Finden (Maik) und Karl Huml (Tschick) in einer Szene von Tschick im Theater Hagen. Foto: Theater Hagen/Klaus Lefebvre

Hagen.   Das Experiment ist geglückt: Wolfgang Herrndorfs Jugendroman „Tschick“ wird in Hagen dank Ludger Vollmers Partitur zu einer starken Oper.

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Zwei junge Außenseiter starten mit einem geklauten Lada zu einem Abenteuer in der ostdeutschen Provinz. Aus diesem Stoff hat der Autor Wolfgang Herrndorf 2010 den Bestseller „Tschick“ gemacht. Für das Theater Hagen verwandelt der Komponist Ludger Vollmer die Geschichte in eine musikalische Heldenreise mit vielen ironischen Brechungen. Großartige Sänger, phantastische Musik und eine überzeugende Bühnenbild-Idee machen aus „Tschick“ eine Oper, die unerwartet tief berührt. Das Publikum feiert die Uraufführung mit langem Beifall.

Manchmal dreckig, oft lyrisch

Kann Herrndorfs Episodenerzählung überhaupt als Oper funktionieren? Die ersten Takte wecken Zweifel. Der brutale, notgeile Vater, die ewig betrunkene Mutter und dazwischen der luxusverwahrloste 14-jährige Sohn Maik: Das klingt wie ein sperriges Problemstück, in dem die Akteure zum Überfluss auch noch singen.

Doch spätestens, wenn Maik und der Tschick genannte Russe unklarer Herkunft ihre Fahrt starten, verfällt der Zuhörer dem vielschichtigen Zauber von Ludger Vollmers Partitur. Die ist schnell, manchmal dreckig, wütend und schräg, oft grundiert vom tiefen Hupen der donnernden LKW auf der Autobahn, aber sie hat gleichzeitig viele lyrische Momente, Augenblicke von großer Zartheit und Klarheit, die ganz unverhofft eintreten. GMD Florian Ludwig und die Hagener Philharmoniker stürzen sich mit Feuereifer in Vollmers Notentext; eine Uraufführung bedeutet ja für jedes Orchester den Ritterschlag.

Mitten im Nirgendwo finden Maik und Tschick eine Musikkassette (ein IPod würde im Lada nichts nützen). Sie legen sie ein, zeitgenössische Klaviermusik ertönt. Mann, ist das schlimm. „Mozart“, schüttelt sich Tschick. Aber Maik, der Sohn aus gutem Hause, weiß es besser: Schönberg. Und so ruckelt der Lada zum Beat von Schönbergs Zwölftonskalen durch trostlose Vororte, geheimnisvolle Wälder und die Kraterlandschaften des Tagebaus in Richtung Walachei. Das ist umwerfend komisch, im Gegensatz zur Sternennacht. Die wird zur kosmischen Naturerfahrung, wenn die Teenager darüber spekulieren, ob es wohl außerirdisches Leben gibt. Gerade in den philosophischen Szenen wird die Vertonung dem Roman mehr als gerecht.

Eine Müllkippe aus 1600 Fotos

Regisseur Roman Hovenbitzer und Ausstatter Jan Bammes kreieren eine geniale Übersetzung für die Road-Opera. Ausstatter Jan Bammes kreiert eine geniale Übersetzung für die Road-Opera. Denn so schnell sich die Musik auch bewegt, das Theater bleibt an den festen Ort gebunden. Also wird die Bühne zur Projektionsfläche eines scheinbar endlosen Comicstrips, den Krista Burger liebevoll gezeichnet hat. Allein 1600 Fotos müssen außerdem in Bewegung gebracht werden, um die Müllkippe zu animieren, auf der Isa haust.

Die surreale gezeichnete Welt steht in traumhaftem Gegensatz zur Wirklichkeit mit Elternhaus und Schule. Die lauscht Jan Bammes den hyperrealistischen, kaltfarbigen und einsamen Milieus eines Edward Hopper ab. Satirisch gebrochen werden die Stationen der Reise durch den Chor, der mit Anonymus-Masken die Versuche der beiden Teenager verächtlich macht, sich ein bisschen Freiheit zu erobern.

Ludger Vollmer schreibt ein Entwicklungsdrama. Das gelingt gut, weil Bariton Andrew Finden und Bass Karl Huml als Maik und Tschick ihre Rollen mit überwältigender Leidenschaft leben. Beide Sänger kommen übrigens aus Aus-tralien. Den Tschick für einen Bass zu anzulegen, erweist sich als geschickte Strategie. Denn die tiefe Lage offenbart ein vorzeitiges Erwachsensein, das sich als getrieben erweist. Tschick muss sich am Ende nicht mehr hinter coolen Sprüchen und Gesten verstecken, er lernt, über Gefühle zu sprechen, und Maik entwickelt Selbstvertrauen.

Minuten unfassbaren Glücks – so geht Oper!

Kristine Larissa Funkhauser, die als Isa mit einer von der Sprechlage bis zur Koloratur extrem gespreizten Partie fertig wird, trifft im Ruppigen feine Zwischentöne. Heikki Kilpeläinen hat als Richter einen kunstvollen ariosen Auftritt, während Rainer Zaun Maiks Vater mit aalglatter Grausamkeit spielt und Marilyn Bennett sich als Mutter das Leben schön säuft.

Kurz vor Schluss, wenn Maik Isas Brief liest, explodiert die Musik plötzlich zu einer weit aufgeschwungenen Sehnsuchtsmelodie. Dieses Lied ist unterschwellig das ganze Stück über präsent. Aber Maik kann es erst jetzt hören. Ein paar Minuten unfassbaren Glücks. So geht Oper.

Komponisten Ludger Vollmer über Punk in der Oper

Ludger Vollmer hat für das Theater Hagen den Roman Tschick von Ludger Vollmer vertont.
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