Führerscheinentzug

Wie Psychologen Autofahrer beim „Idiotentest“ befragen

Nach dem Führerscheinentzug wird oft eine MPU vom Autofahrer verlangt.

Nach dem Führerscheinentzug wird oft eine MPU vom Autofahrer verlangt.

Foto: Lutz von Staegmann

Hagen.   Bei der MPU, im Volksmund „Idiotentest“ genannt, lauern viele Fallstricke. Das psychologische Gespräch ist gefürchtet. Die AWO bietet Hilfe.

Die Medizinisch-Psychologische Untersuchung (MPU), der sich viele Autofahrer nach Führerscheinentzug wegen Alkohol- oder Drogengenusses unterziehen müssen, ist im Volksmund auch als „Idiotentest“ verschrieen. Dabei liegt dieser sehr persönlichen Charaktererforschung ein ausgeklügeltes Verfahren zugrunde, das den Ursachen des Suchtmittelkonsums auf den Grund gehen will. „Die Untersuchung beinhaltet zahlreiche Fallstricke“, sagt Ingrid Liefke, Suchtberaterin der Arbeiterwohlfahrt (AWO) in Hagen: „Schließlich wollen die Prüfer herausfinden, ob es vertretbar ist, jemanden wieder am Straßenverkehr teilnehmen zu lassen.“

Die AWO hat ihr Angebot um eine MPU-Vorbereitung erweitert, die insbesondere auf das psychologische Gespräch hinführen soll. Denn bei dieser Befragung durch einen Verkehrspsychologen fallen die meisten Teilnehmer durch. Dem Prüfer reiche es nicht, wenn man ihm sage, dass man ja jetzt nicht mehr zu trinken gedenke: „Man muss schon die Hosen herunterlassen und nachweisen, dass man Strategien zur Alkoholvermeidung entwickelt hat“, so Ingrid Liefke.

Enthaltsamkeit nachweisen

Wenn jemand zwei Promille intus hat und dennoch in der Lage ist, ein Fahrzeug zu steuern, geht der Psychologe von einer Gewöhnung, einer Abhängigkeit aus. Fast immer wird dann von dem Verkehrsteilnehmer die Teilnahme an einer Entziehungskur verlangt.

Anschließend muss er in der Regel ein Jahr oder länger abstinent leben und das bei kurzfristig anberaumten Urinkontrollen auch nachweisen. „Man muss bedenken, dass die Prüfer Verantwortung für alle Verkehrsteilnehmer tragen und eher übervorsichtig sind“, erläutert Liefke die lange Zeit der Prüfung.

Zudem fühlen die Psychologen den auffällig gewordenen Autofahrern im Gespräch auf den Zahn. Wer die Fangfrage „Werden Sie jemals wieder Alkohol trinken?“ rundum verneint, ist schon so gut wie durchgefallen, weil das unglaubwürdig klingt.

Gründe für Konsum nennen

Vielmehr sollte man Gründe für den Konsum nennen und erläutern, wie man sich zukünftig auf Partys verhält und dass man Kontakt zu Gruppen, in denen viel getrunken wird, meidet. „Es ist ein Riesenschritt, dass Betroffene sich vielleicht sogar von ihrem Freundeskreis lösen“, so Liefke.

Auch das Argument, dass man den Führerschein unbedingt benötigt, um seinen Beruf ausüben zu können, kann schnell zum Ende des Gesprächs führen. Eine solche Aussage lasse eine wirkliche Auseinandersetzung mit der Sucht vermissen und mache dem Psychologen deutlich, dass es einem lediglich darum gehe, die Fahrerlaubnis zurückzuerlangen. „Die Rückfallquote bei Drogen und Alkohol ist hoch, der Prüfer erwartet, dass man sich seines Fehlverhaltens bewusst ist.“

Nicht zu früh anmelden

Das sei aber bei vielen Menschen nicht der Fall, sagt Liefke. In weiten Teilen unserer Gesellschaft werde ein wenig kritisches Verhältnis zum Alkohol gepflegt, gerade gutbürgerliche Kreise hätten eine erschreckende Einstellung: „Fahren unter Alkoholeinfluss gilt als Kavaliersdelikt.“ Dabei gebe es überhaupt keinen risikoarmen Konsum, Alkohol töte die Nervenzellen und erhöhe das Krebsrisiko.

Als Faustregel gelten bei Männern zwei kleine Glas Bier, bei Frauen nur eines. Wer mehr getrunken hat, sollte sich nicht mehr hinters Steuer setzen.

Abstinent leben

Ingrid Liefke rät davon ab, sich zu früh zur MPU anzumelden. Schließlich kostet die Untersuchung 500 bis 1000 Euro (plus Gebühren und Urinnachweise), das Geld investiere man am besten erst dann, wenn es eine realistische Chance gebe, den Test zu bestehen. Eine Entziehungskur in einer Klinik mögen die meisten Betroffenen gut bewältigen, doch entscheidend sei, ob man nach der Rückkehr in den Alltag die Finger vom Alkohol lassen könne – und genau das wollen die Psychologen wissen. „Je länger man abstinent lebt, desto größer ist die Chance“, sagt Liefke.

Die Chance, den Alkohol bzw. die Drogen in den Griff zu bekommen und die MPU zu bestehen.

>>Die Suchtberatung der AWO

Die Suchtberatung der Arbeiterwohlfahrt (AWO) beinhaltet Angebote für alkohol- oder medikamentenabhängige Menschen, für Personen mit Essstörungen, Kaufsucht, exzessivem Medienkonsum und anderen Verhaltenssüchten.

Betroffene und deren Angehörige werden kostenlos und anonym beraten. Je früher sich jemand mit der Erkrankung auseinandersetzt, desto besser sind die Heilungschancen.
Arbeitgebern steht die Suchtberatung im Rahmen der betrieblichen Suchthilfe als Ansprechpartner zur Verfügung.

Nach Angaben der AWO sind etwa fünf Prozent der Arbeitnehmer alkoholabhängig, bei Führungskräften sind es bis zu zehn Prozent. 1,4 bis 1,5 Millionen Menschen in Deutschland sind von ärztlich verordneten Medikamenten abhängig. Weitere 1,7 Millionen Menschen in unserem Land müssen als mittel- und hochgradig gefährdet eingestuft werden.

Rund 1960 Menschen in Hagen sind von einer Essstörung (z.B. Bulimie) betroffen. 162 Frauen zwischen 15 und 30 Jahren leiden an Magersucht.
Zur Festigung der Therapieziele sorgt die AWO für die Nachsorge nach stationärer oder ganztägig-ambulanter Therapie.

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