Kyrill

Zehn Jahre nach dem Orkan erholt sich Hagens Stadtwald

10 Jahre Kyrill – Drohnenflug über Selbecke

Zehn Jahre nach Kyrill: Noch immer sind die Spuren des Orkans deutlich zu erkennen – wie hier in Hagen-Selbecke. Ein Drohnen-Video von Christof Köhler und Alex Talash.

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Hagen.  Wie Mikado-Stäbe wirft der Orkan Kyrill vor zehn Jahren die Bäume im Hagener Stadtwald durcheinander. Langsam erholen sich die Flächen.

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Der Mann hinterlässt Spuren. Mit seinem festem Schuhwerk im Schnee, der sich dieser Tage wie eine weiße Decke auf die Wege und Schonungen im Hagener Stadtwald gelegt hat. Aber zusammen mit dem Team vom Fachbereich Grün beim Wirtschaftsbetrieb Hagen auch auf jenen Flächen, auf denen vor zehn Jahren der Orkan Kyrill vor allem Fichten-Bestände dem Erdboden gleich gemacht hat.

Es ist eine Nacht, in der Michael Knaup kein Auge zugemacht hat. Eine Nacht, in der er tatenlos mit ansehen musste, wie Westwinde mit unglaublicher Kraft in Jahrzehnten gewachsene Bäume durcheinanderwarfen wie ein Haufen Mikado-Stäbe.

Orkan wirbelt Berufsleben des Försters durcheinander

Es ist aber auch die Nacht, die das Berufsleben des Försters durcheinanderwirbeln sollte und die im Nachhinein betrachtet neue Chancen eröffnete. „Ich bin nicht der Typ, der zurückblickt und den Dingen nachtrauert“, sagt Michael Knaup.

Also begeben wir uns auf Spurensuche im Stadtwald. Auf jenen Flächen, auf denen es längst wieder wächst und gedeiht und die zu einem Zukunftsprojekt für den Hagener Stadtwald geworden sind.

Kyrill hat Umgestaltung in Hagen beschleunigt

„Vor dem Hintergrund der klimatischen Veränderungen war ohnehin klar, dass wir im Stadtwald nicht mehr so weiterwirtschaften konnten, wie es Generationen vor uns getan haben“, sagt Michael Knaup mit Blick auf die bis zum 17. Januar 2007 vor allem durch Fichten geprägten Bestände. „Der Weg war seinerzeit programmiert. Kyrill hat ihn erheblich beschleunigt.“

Richtig gestartet ist dieser Weg ab Herbst 2007. Länger als ein halbes Jahr hatte es gedauert, die städtischen Forstflächen freizuräumen. „Wir haben damals ein Konzept der Wiederbewaldung aufgestellt“, sagt Michael Knaup. „Wir haben genau geschaut, was unser Startpunkt ist, welche Möglichkeiten uns bleiben und was uns die Natur selbst vorgibt.“

10 Jahre Kyrill – Drohnenflug über Hagen-Dahl
10 Jahre Kyrill – Drohnenflug über Hagen-Dahl
Christof Köhler und Alex Talash

Aufforstung zeigt nach zehn Jahren Erfolge

Eine differenzierte Strategie, die genau auf die betroffenen Fläche abgestimmt istund deren Erfolge zehn Jahre nach Kyrill sichtbar sind:

Pflanzung: Kahlflächen, die rund die Hälfte des betroffenen Bestandes ausmachen, werden mit Rotbuchen, Traubeneichen und Edellaubhölzern aktiv aufgeforstet. Hinzu kommen sogenannte vorwüchsige Baumarten, die einen Licht- und Frostschutz für die Schattenbaumart Rotbuche bilden. Dazu zählen auch Birken, die die Natur selbst setzt und deren Bestand in früheren Zeiten radikal eingedämmt worden ist. Die Fichte verbleibt mit maximal zehnprozentigem Anteil auf den Flächen.

Gelenkte Sukzession (ein Viertel der Kyrill-Flächen): Die vorhandene Naturverjüngung von Rotbuche, Ahorn, Eiche, Birke, Weide und Eberesche wird übernommen. An passenden Standorten darf sich auch die Fichte entwickeln. Mischung und Verteilung werden durch ein Pflegekonzept beeinflusst.

Extensive Pflanzung (ein Viertel der Kyrill-Flächen): Wo eine flächendeckende natürliche Verjüngung nicht zu erwarten ist, greifen Förster und Forstbetriebswirte ein. Sogenannte Fehlstellen zwischen Rotbuche, Ahorn, Eiche, Fichte, Birke, Weide und Eberesche werden durch Rotbuchen und Tannenarten wie Douglasie ergänzt.

Femel: Kleine Fläche innerhalb der Altbestände verjüngen sich natürlich.

Sonderbiotope: Lebensräume mit besonderer Funktion wie beispielsweise Feuchtbereiche werden mit typischen Gehölzen bepflanzt.

Natur hat die Hagener reich beschenkt

„Es gibt Flächen, auf denen uns die Natur reich beschenkt“, sagt Michael Knaup, „warum sollten wir das nicht nutzen? Zumal jeder Keimling fester im Boden steht als ein Baum, den wir selbst pflanzen.“ Insbesondere die Birke habe sich zu einem Hilfsmittel entwickelt, um bestimmte Ziele zu erreichen.

Das Denken derjenigen, die in den Flächen arbeiten und Verantwortung tragen, sei wesentlich komplexer geworden. „Ich kann nicht einfach wie früher durch die Fichtenbestände gehen und jeden zweiten Baum markieren“, sagt Michael Knaup. „Die Verantwortung dafür, welcher Baum herausgenommen wird, liegt heute bei den Forstbetriebswirten, die in den Flächen arbeiten, ganz genau hinschauen, welcher Baum welche Funktion erfüllt und dann entscheiden. Die brauchen ein viel umfangreicheres Wissen und müssen Entwicklungen ganz bewusst steuern.“ Dahinter stecke die Vision des künftigen Waldbildes.

Flächen beschäftigen Hagens Förster bis heute

Bis heute beschäftigen die Kyrill-Flächen die Mitarbeiter im Bereich Forstwirtschaft intensiv. „Je nach den Verhältnissen haben wir die Flächen priorisiert“, sagt Michael Knaup, „eine wichtige Rolle spielt in diesem Zusammenhang die Jagd. Verjüngungsprozesse funktionieren nur da, wo nicht mehr Wild vorhanden ist, als die Flächen vertragen.“ Rehe und auch Wildschweine finden derzeit allerdings noch reichlich Schutz auf den dichten Kyrill-Flächen.

>> Hintergrund: Mit 160 Stundenkilometern

  • Der Orkan Kyrill fegte mit einer Geschwindigkeit von bis zu 160 Stundenkilometern über Hagen hinweg.
  • Rund 50 000 Festmeter Holzfielen durch den Orkan Kyrill allein im Hagener Stadtwald. Das entspricht dem Einschlag von zwölf Jahren.
  • 285 Feuerwehrleute waren in Hagen im Einsatz. Hinzu kamen 22 Kräfte des Technischen Hilfswerks (THW).
  • Am Hagener Hauptbahnhof wurde am 18. Januar 2007 der Zugverkehr eingestellt. Kindergärten und Schulen blieben am 19. Januar geschlossen.
  • Aus EU-Mitteln flossen seinerzeit rund 1 Million Euronach Hagen.
  • Im Rahmen der Aktion „Hagen bäumt auf“ von Radio Hagen 107,7 beteiligten sich in den ersten Jahren auch viele Hagener an der Wiederaufforstung des Stadtwaldes.
  • Leiter des Forstamtes war damals Horst Heicappell. Zu seinem Team zählte seinerzeit Michael Knaup.
  • Heicappell koordinierte die Aufräumarbeiten und kämpfte für ein Nasslager am Hengsteysee, in dem rund 100 000 Festmeter Kyrillholz lagerten.

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