Wehringhausen-Report

Zuwanderung – Angst, dass Stadtteil Wehringhausen kippt

Ein schöner Stadtteil (hier ein Blick auf die St. Michael Kirche) mit vielen Problemen: Wehringhausen muss einen verstärkten Zuzug von Menschen aus Südosteuropa verkraften.

Ein schöner Stadtteil (hier ein Blick auf die St. Michael Kirche) mit vielen Problemen: Wehringhausen muss einen verstärkten Zuzug von Menschen aus Südosteuropa verkraften.

Foto: Hans Blossey

Wehringhausen.  Müll, Pöbeleien und das Gefühl, dass Wehringhausen mit der starken Zuwanderung aus Rumänien und Bulgarien allein gelassen werde.

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Dieses Treffen hat für Wirbel gesorgt, und zwar schon im Vorfeld. Wehringhauser Bürger hatten sich an die WESTFALENPOST gewandt. Sie wollten reden über die Situation in dem Stadtteil, in den in den vergangenen Jahren Hunderte von rumänischen und bulgarischen Staatsbürgern gezogen sind. Sie wollten reden über die Probleme, die das mit sich bringt. Über ihre Ängste und Sorgen. Und weil sie sich für dieses Treffen in einer Facebook-Gruppe verabredet hatten, die auch für andere einsehbar ist, weckte das Misstrauen bei linken Gruppierungen. Die mutmaßten, dass gegen ganze Bevölkerungsgruppen gehetzt werde. Letztlich war es ein friedliches Treffen im Café Europa mit rund 20 Wehringhauser Bürgern und drei Beobachtern aus der eher linken Szene.

Die andauernde Müll-Problematik

Nadine Endres hat Angst. Angst, dass sie ihre eigenen Ideale verlieren könnte. „Ich bin so links und multi-kulti eingestellt, aber abends schaue ich in den Spiegel und sage schon mal zu mir selbst: „Ich will nicht zur Rassistin werden.“

Als bedrückend empfindet die 41-jährige Mutter zweier Kinder die derzeitige Situation. Müll, Pöbeleien und das Gefühl, dass Wehringhausen mit dem Problem der starken Zuwanderung aus Rumänien und Bulgarien allein gelassen werde. „Hier muss sich etwas ändern, sonst fürchte ich, dass der ganze Stadtteil kippt.“

Nicht alle Zuwanderer in einen Topf schmeißen

Das meinen auch die anderen Bürger, die an der Diskussion teilnehmen. Und immer wieder schwingt die Sorge mit, dass sie durch diese Forderung in die rechte Ecke gestellt werden können. „Dabei ist mir doch völlig egal, welche Religion jemand hat oder welche Nationalität“, sagt Iris Zülch. „Hier geht es um Recht und Gesetz, und um Sauberkeit. Und darum, dass diese Regeln immer wieder gebrochen werden.“

Sie ist bemüht, nicht alle Zuwanderer aus Rumänien und Bulgarien in einen Topf zu werfen: „Es sind nicht alle so, es gibt auch die, die total in Ordnung sind.“ Aber die 49-jährige kennt auch eine Reihe von Negativ-Beispielen. Etwa aus einer Wohnung in der Bismarckstraße.„Da flog erst eine Mülltüte aus dem Fenster auf die Straße und dann noch ein Karton hinterher. Und als ich mich darüber bei der Familie beschwert habe, wurde ich noch beschimpft.“ Und so haben fast alle Erlebnisse beizutragen. Sie reden darüber, dass ältere Menschen nachmittags nicht mehr auf dem Wilhelmsplatz gehen, da die dort oft versammelten Zuwanderer ihnen Angst machten. Sie erzählen von verbalen und handgreiflichen Auseinandersetzungen. Polizei und Ordnungsamt seien nicht präsent.

Das alles stellt die alt eingesessenen Wehringhauser auf die Probe: „Wehringhausen war schon immer vielfältig, das soll auch so bleiben“, sagt Silvia Froese (53). Aber sie zweifelt daran. Ihre Tochter Kira (26) könnte da ein Lichtblick sein. Sie sieht ihre Zukunft in Wehringhausen, will mit ihrem Freund sogar ein kleines Häuschen am Ende der Lange Straße kaufen. „Wir trauen uns das, weil wir hier in Wehringhausen zu Hause sind.“. Aber sie kennen auch junge Paare und Eltern, die es nicht mehr ausgehalten hätten und weggezogen seien.

Frust der Bürger nachvollziehbar

Christian Peddinghaus, bekannt im Stadtteil als Aktiver beim Grünen Stern, ist einer der drei Beobachter aus der eher linken Szene. „Mehr Sozialarbeiter, mehr Übersetzer und mehr miteinander reden, ist wichtiger als noch mehr Polizei“, ist sein Rezept . „Die fährt doch jetzt schon so oft wie noch nie.“ Er sieht durchaus die Probleme, kann den Frust der Bürger auch zum großen Teil nachvollziehen. Aber er warnt davor, die Vorwürfe pauschal auf Nationalitäten auszudehnen: „Das ist dann doch Rassismus.“

>> Thesen und Reaktionen der Behörden

Die Bürger haben ein Reihe von Vorwürfen gegen die Polizei und das Ordnungsamt erhoben. Die Thesen der Bürger – und was die Behörden sagen.

1. Die Stadt bekommt die Müllproblematik in Wehringhausen nicht in den Griff. Nach kurzzeitiger Besserung ist das Problem so groß wie zuvor.

Die Zahl der illegalen Müllablagerungen in Wehringhausen sei unverändert hoch, räumt die Stadt ein. Verursacher seien aber durch das Ordnungsamt nur selten zu ermitteln, sagt Stadtsprecher Michael Kaub. Dennoch: die Müll-Stellen würden dem Hagener Entsorgungs-Betrieb sofort gemeldet. Zudem: Zehn syrische Flüchtlinge und zehn Langzeitarbeitslose seien zur Müllentsorgung in gemischten Zweier-Teams in Altenhagen und Wehringhausen unterwegs. Mehr als 2000 Kinder hätten an der Umwelterziehung teilgenommen. Und: Es gebe ein Flugblatt zum richtigen Umgang mit Abfall in 13 Sprachen.

2. Das Ordnungsamt und die Polizei seien nicht präsent: Verstöße gegen Regeln würden nicht geahndet.
„Die Präsenz konnte durch die Einstellung von vier neuen Mitarbeitern im städtischen Ordnungsdienst erhöht werden“, sagt Stadtsprecher Michael Kaub. Und er rechnet weiter vor: „Dadurch sind insgesamt zwölf Mitarbeiter zwischen 7 und 22 Uhr in den Bezirken Haspe, Wehringhausen, Innenstadt und Altenhagen tätig.“ Auch die Polizei widerspricht: „Die Fallzahlen bewegen sich auf dem gleichen Niveau wie 2016. Und rund um die Bereiche Augustastraße und Wilhelmsplatz werden wir – wenn sich die Entwicklung wie seit Jahresbeginn fortsetzt – sogar einen Rückgang zu erwarten haben.“ Polizeisprecher Ralf Bode rechnet vor: „In den ersten acht Monaten diesen Jahres wurden in Wehringhausen knapp 1400 Personalstunden polizeiliche Präsenz geleistet, 97 Beobachtungs – und Feststellungsberichte gefertigt und 73 Ingewahrsamsnahmen beziehungsweise Festnahmen vollzogen.“

3. Die Stadt sei nicht ansprechbar. Bei Terminen mit Vertretern der Stadtverwaltung seien die Bürger mit dem Gefühl gegangen, dass die Brisanz des Problems nicht erkannt worden sei.
„Der Vielzahl an konkreten Maßnahmen, die die Stadt neu ins Leben gerufen hat, zeigt, dass die Stadt die Brisanz kennt“, sagt Stadtsprecher Michael Kaub. Seit Herbst 2015 fänden die regelmäßigen Kontrollen unter Federführung der städtischen Ausländerbehörde statt. Über Hotline, Mängelmelder, E-Mail oder außerhalb der Bürozeiten über die Leitstelle der Polizei sei die Stadt auch immer erreichbar.

4. Es besteht Sorge um die Situation vieler Kinder in Zuwandererfamilien. Man fürchte, dass sie verwahrlosen. Ein massiver Einsatz von Sozialarbeitern wird gefordert.
Für das Kindeswohl seien Mitarbeiter des Allgemeinen Sozialen Dienstes der Stadt zuständig, so Kaub. Für Wehringhausen seien dies drei Mitarbeiter, die sich um alle Familien kümmerten. Sie gingen dabei konsequent Hinweisen auf Kindeswohlgefährdung oder Schulschwänzen nach.

Seit Anfang 2016 seien zudem zwei Sozialarbeiterinnen der Caritas und der Diakonie mit jeweils einer halben Stelle tätig. Und: Aktuell seien zwei Mitarbeiter in einem Lotsenprojekt für rumänische und bulgarische Zuwanderer beschäftigt. Insgesamt sei die Arbeit der Sozialarbeiter aber schwierig, weil es eine hohe Fluktuation bei den Zuwanderern gebe.

„Derzeit verlassen pro Quartal etwa 500 Zuwanderer aus Südosteuropa die Stadt Hagen, etwa gleich viele ziehen neu zu“, sagt Michael Kaub.

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