Gesichter und Geschichte(n)

Die Leidenschaft für Musik ist Lore Goes’ Lebenselixier

Hochkonzentriert: Lore Goes während ihres 36. Komponistenporträts (Antonio Vivaldi) in der St.-Georgs-Kirche, in dessen Rahmen ihr das Bundesverdienstkreuz verliehen wird.

Hochkonzentriert: Lore Goes während ihres 36. Komponistenporträts (Antonio Vivaldi) in der St.-Georgs-Kirche, in dessen Rahmen ihr das Bundesverdienstkreuz verliehen wird.

Foto: Sarah Meyer / WAZ

Hattingen.  Lore Goes fing als Elfjährige am Harmonium an – heute begeistert die Holthauserin mit Porträts großer Komponisten. Ein Weg mit Hindernissen.

Dass sie ihren eigenen Kopf hat, wird keiner bestreiten, der sie kennt. Sie selbst wohl auch nicht. Nein, der bequeme Weg ist nicht immer ihrer. Dass in diesem Kopf Kreativität sprudelt, ein unbändiger Tatendrang und leidenschaftliche Liebe zur Musik vorhanden sind, steht ebenso außer Frage. Lore Goes beeindruckt immer wieder aufs Neue. Sie selbst sagt es dann gerne mit Nietzsche: „Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum.“

Sie ist nie den leichten Weg gegangen, bereits als Elfjährige nicht. Denn mitten im Krieg, es ist das Jahr 1944, übernimmt Lore Potthoff in der Kleinkirche an der Behrenbeck in Holthausen am Harmonium den Organistendienst – „zu einer Zeit, in der es kritisch war, sich zur Kirche zu bekennen”, sagt sie später. Drei Jahre Klavierunterricht hat die Tochter einer Bauernfamilie hinter sich, selbstbewusst genug ist sie – und bewältigt die Aufgabe mit Bravour. Ebenso wie das Abitur, ebenso wie ihr Theologie- und Französischstudium in Münster, Bonn und Lyon. Sie wird Realschullehrerin.

Durch die Leidenschaft für Musik lernt sie die Liebe kennen

Musik ist aber ihre Leidenschaft und durch die lernt sie die Liebe kennen – genau gesagt: Rudolf Goes, ein junger Historiker, der aus Tübingen nach Bochum gekommen ist. Der Wissenschaftler und Bibliothekar sucht musikalischen Anschluss im Ruhrgebiet – und „aus dem ersten gemeinsamen Musizieren hat sich sehr schnell mehr entwickelt”, verrät Lore Goes der WAZ in einem Gespräch, als sie längst Großmutter ist.

Die Eheleute Goes pflegen die Hausmusik, ihr Schwerpunkt liegt auf der geistlichen Barockmusik. Lore lässt sich kirchenmusikalisch ausbilden, auch zur Chorleiterin. Sie ist angekommen.

Der Funke zu den Musikern springt immer über

„Ich bin keine überragende Dirigentin“, sagt sie selbst. Trotzdem wagt sie sich an die großen Werke heran. „Ich bin mit ganzem Herzen dabei und der Funke zu meinen Chormitgliedern oder Musikern springt immer über“, weiß sie. Lore Goes kann gut auf andere Menschen zugehen, das hilft ihr im Leben immer wieder.

Im Jahr 1979 übernimmt die Holthauserin die Nachfolge von Prof. Henning Frederichs als Kirchen­musikerin an der St.-Georgs-Kirche. Sie gründet die Georgs-Kantorei, fesselt Mitglieder, Musiker und Mitmenschen mit ihrem Enthusiasmus. Schnell wird die Kantorei über die Stadtgrenzen Hattingens hinaus zu einem Leuchtturmprojekt, die St.-Georgs-Konzerte locken Laien und Fachleute auf den Kirchplatz.

„Subtil inszenierte Demütigungen“ im Jahr 1997

1997: Ende. Aus. Vorbei. Im Zorn kündigt Lore Goes der Gemeinde die Zusammenarbeit. Begründung: mangelnder Zuspruch und „subtil inszenierte Demütigungen“.

Was passiert ist: Ein Ulmer Pfarrer kritisierte die Goes’sche Aufführung der Matthäus-Passion aufs Schärfste. Das Presbyterium habe sie danach nicht deutlich genug in Schutz genommen – „das war das i-Tüpfelchen“, erklärt sie, die schon länger die Unterstützung bemängelt hat.

Die Kantorei macht frei weiter, Lore­ Goes bekommt vor allem aus der Kulturpolitik großen Zuspruch. Und sie entdeckt die Komponistenporträts für sich. Im Jahr 2001 gibt es das erste, bei dem Heinrich Schütz, ein Komponist aus dem Frühbarock, im Mittelpunkt ihres sowohl münd­lichen wie auch musikalischen Vortrages steht. „Ich mag es, viel zu recherchieren und den Gästen einen Vortrag über die Meister und vor allem live die Werke zu präsentieren“, sagt Lore Goes über ihre Reihe, die sie für die Volkshochschule macht – Konzerte in Hattingen und Niedersprockhövel inklusive.

Vor inzwischen 17 Jahren will sie sich zurückziehen, sagt ihrer Kantorei mit einer letzten Johannes-Passion Lebewohl. Nur die Komponistenporträts laufen weiter und weiter. Alles gemeinsam mit dem Hattinger Vokalensemble, das dieser Reihe entwachsen ist. Nein, sie kann nicht loslassen – warum auch? Denn: „Die Musik ist mein Lebenselixier.“

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