Telefonseelsorge

Die Telefonseelsorge sucht noch Männer

Die ehrenamtlichen Mitarbeiter der heimischen Telefonseelsorge, die auch für Hattingen zuständig ist.

Die ehrenamtlichen Mitarbeiter der heimischen Telefonseelsorge, die auch für Hattingen zuständig ist.

Foto: EKHW

Hattingen.  70 Prozent der Ehrenamtler bei der Telefonseelsorge sind Frauen. Deshalb umwirbt der Kirchenkreis Hattingen-Witten jetzt offensiv Männer.

Zuhören können und Probleme bereden sind Eigenschaften, die selbst in Zeiten der Gleichberechtigung vor allem Frauen zugeschrieben werden. Auch für die anspruchsvolle Aufgabe bei der Telefonseelsorge interessieren sich vor allem Frauen, in Hagen-Mark, die auch für Hattingen zuständig ist, sind beispielsweise 63 der 90 Ehrenamtler weiblich – also 70 Prozent. Deshalb geht der Kirchenkreis Hattingen-Witten jetzt in die Offensive und will mehr Männer für die Aufgabe gewinnen.

Telefonseelsorge möchte für mehr „Ausgewogenheit“ sorgen

Die Telefonseelsorge möchte für mehr „Ausgewogenheit“ sorgen: deshalb suchen sie in ihrer Stellenanzeige ausdrücklich nach Männern. Ob dieser Weg erfolgreich sein wird, weiß Leiterin Birgit Knatz noch nicht. Bisher habe sich ein Mann für den Ausbildungsstart am 7. November beworben. „Männer sind auch ehrenamtlich tätig, aber eher als Schöffen oder in Sportvereinen“, stellt Knatz fest. „Wir probieren diesen Weg einfach mal aus.“

Auf der Internetseite des Kirchenkreises suchen die Leiter Birgit Knatz und Stefan Schumacher zwar ausdrücklich nach Männern, aber „wenn sich mehr Frauen bewerben, ist das auch okay“, so Knatz.

Ausbildung dauert 15 Monate, Bewerbungen sind bis 15. September möglich

Die Ausbildung dauert 15 Monate, qualifiziert zur Gesprächsführung und vermittelt Zuhör- und Krisenkompetenzen. Das Zuhörenkönnen sei besonders schwierig, so Knatz. „Viele glauben, sie könnten besonders gut zuhören. Dabei ist es oft so, dass viele lieber Ratschläge geben, statt aktiv zuzuhören. Das abzugewöhnen ist schwierig.“

Doch es geht nicht allein um kompetente Gesprächsführung am Telefon, sondern auch um die schriftliche Beratung per Chat und E-Mail. Die hiesige Telefonseelsorge ist eine der ersten, die schon sehr früh dieses Thema zu den Ausbildungsinhalten machte.

Der Chat sei für viele Ehrenamtler am Anfang „krass“

Gerade der Chat sei für viele Ehrenamtler am Anfang „krass“, gibt die Sozialarbeiterin zu. Der Grund: Jeder dritte Chat fängt damit an, dass der- oder diejenige mit dem Gedanken spielt, sich umzubringen. Im Gespräch sei Suizid nur bei jedem 25. Telefonat Thema. „Der Chat ist Suizidprophylaxe. In Deutschland bringen sich jedes Jahr 600 Jungen und Mädchen um.“

Auch die ausgelernten Telefonseelsorger sprechen wöchentlich in Kleingruppen mit einem erfahrenen, externen Supervisionär über die Erlebnisse des Ehrenamts, um sich zu verbessern und belastende Erfahrungen zu verarbeiten.

Drei Jahre lang 120 Stunden jährlich ehrenamtlich arbeiten

Die Ausbildung ist kostenfrei, man verpflichtet sich lediglich drei Jahre lang 120 Stunden jährlich ehrenamtlich für die Telefonseelsorge zu arbeiten. Dafür können die Mitarbeiter auf einem Onlinedienstplan ihre Zeiten eintragen. „Das klappt immer sehr gut. Wir sind 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche erreichbar“, so die Leiterin. Maximal sechs Stunden am Stück dürfen die Seelsorger arbeiten.

Für die Ausbildung gibt es keine Grundvoraussetzungen, auch keine Altersbegrenzungen. In der Regel seien die jüngsten aber mindestens 30 Jahre alt. Wer jünger sei, werde an den Verein, der die Nummer gegen Kummer für Jugendliche anbietet, verwiesen. Studenten, Rentner, Berufstätige und Arbeitslose interessieren sich gleichermaßen für die Weiterbildung. Im beruflichen Kontext sei die ehrenamtliche Arbeit gerne gesehen, weshalb Knatz auch Zeugnisse ausstelle, die die Softskills bescheinige. „Aber auch im privaten Kontext ist die Ausbildung wertvoll“, meint Knatz. Viele erzählten, dass sich das Verhältnis zu den eigenen Kindern oder Freunden verändere. „Man reflektiert dann eher, ob eine Freundschaft nur oberflächlich ist, und ob man lieber tiefergehende Beziehungen will.“

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