Gesichter und Geschichte(n)

Totalschaden im Knie beendet seine Bundesliga-Karriere

Gastspiel in der Heimat: Oberhausens Torwart Wolfgang Scheid beim Wimpeltausch mit Gerd Strömer, der 1970 ein Team mit Spielern aus Welper, vom TuS und der TSG Sprockhövel anführt. RWO gewinnt mit 4:1.

Gastspiel in der Heimat: Oberhausens Torwart Wolfgang Scheid beim Wimpeltausch mit Gerd Strömer, der 1970 ein Team mit Spielern aus Welper, vom TuS und der TSG Sprockhövel anführt. RWO gewinnt mit 4:1.

Foto: Michael Korte / Repro

Hattingen.  105-mal RW Oberhausen: Wolfgang Scheid ist der Hattinger mit den meisten Einsätzen in der Fußball-Bundesliga – dann ist plötzlich alles vorbei.

Wolfgang Scheid ist nach wie vor der Hattinger mit den meisten Einsätzen in der Fußball-Bundesliga: 105-mal lief der Torwart zwischen 1969 und 1973 für Rot-Weiß Oberhausen auf, er glänzte mit schnellen Reaktionen und einer großen Fangsicherheit. Stets an seiner Seite: Lothar Kobluhn, der 1971 als Defensivspieler Torschützenkönig der Liga wurde. Da war alles gut – das änderte sich am 17. Februar 1973 schlagartig.

Und das im wahrsten Sinne des Wortes: Im Heimspiel gegen Hertha BSC zieht der Berliner Michael Sziedat im Zweikampf voll durch, trifft Scheid schwer am Knie – und verursacht damit einen Totalschaden. WAZ-Sportchef Hans-Josef Justen schreibt am 15. Dezember 1973: „Die heutige Untersuchung ergibt… Dann Fachausdrücke, Mediziner­latein. Verständlicher, weil geradezu grausam deutlich, ist der nächste Absatz eines Befundes (...): Auf Grund dessen wird Herr Sch. nicht mehr in der Lage sein, seinen Sport als Beruf auszuüben. In Frage käme eventuell ein plastischer Ersatz des hinteren Kreuzbandes mit Verstärkung des äußeren Kreuzbandapparates. Aber auch hierdurch ist mit Sicherheit ein vollständiger Einsatz nicht zu garantieren. Außerdem ist die Operation so groß, dass sie nicht ohne weiteres zumutbar ist.“

Niederschmetternde Nachricht: Karriereende mit 31

Eine niederschmetternde Nachricht. Kurz: Karriereende mit 31. „Egal, ob man fürs Fußballspielen bezahlt wird oder nicht, nach so vielen Jahren hängt man daran“, sagt Wolfgang Scheid damals, „da reichen drei, vier Monate nicht, um den Schock zu überwinden.“

Schauen wir auf erfreuliche Zeiten: Los geht alles beim TuS, noch auf der alten Anlage am Reschop. Wolfgang Scheid ist so flink mit den Füßen und noch herausragender mit seinen Händen, dass die großen Vereine auf ihn aufmerksam werden. 1963 wechselt der Hattinger zu Westfalia Herne in die Regionalliga West – er tritt die Nachfolge von Hans Tilkowski an, der sich in Richtung BVB verabschiedet hatte.

Vier Jahre und 127 Regionalliga-Spiele später geht es zu RWO

Vier Jahre und 127 Regionalliga-Spiele später geht es zum Liga- und Ruhrgebiets-Rivalen nach Oberhausen. Und 1969 in die Bundesliga – weil sich RWO in der Aufstiegsrunde unter Trainer Adi Preißler gegen den SV Alsenborn, Hertha BSC, VfL Lübeck und Freiburger FC durchsetzt.

Es läuft, alles ist gut. Wolfgang Scheid ist ein fröhlicher Mensch, feiert mit Familie und Freunden gerne. Die erfolgreiche Karriere weiß der Hattinger aber auch einzuordnen, er bleibt bodenständig, stets dankbar.

Sportinvalide wird er und bekommt die Minimalsumme von 100.000 Mark

Doch dieser (Sport-)Unfall im Februar­ 73 reißt „Yogi“, wie sie ihn alle rufen, aus seiner inneren Ruhe. Das Eigenheim steht gerade im Rohbau, sein Traum vom Sportlehrer lebt – plötzlich steht beides in Frage. Sportinvalide wird er, bekommt gerade 100.000 Mark, die Minimalsumme, mit der ein Bundesliga-Profi versichert ist. Mitgefühl bekommt er indes keins, weder Sziedat noch die Hertha melden sich bei ihm – kein Gruß, keine Karte, keine Blume, härtestes Profigeschäft. Scheid verflucht die Bundesliga zwar nicht, er steht dem Business aber nun mehr als reserviert gegenüber. „Ich hätte mir in meinen schlimmsten Träumen nicht vorgestellt, dass meine Laufbahn mal so enden würde.“

Traum vom Sportlehrer platzt - die A-Lizenz macht wer trotzdem

Sportlehrer wird er nicht („Schon nach einem Spaziergang ist mein Knie aufgebläht wie ein wassergetränkter Schwamm“), die Trainer-A-Lizenz macht er trotzdem – und trainiert­ beispielsweise den PSV Ennepe oder die TSG Sprockhövel.

In Sprockhövel findet Wolfgang Scheid auch einen neuen Job, bei „Hausherr“, dem Bergbauzulieferer. Betriebsratsvorsitzender wird er, und auch hier gibt es ein jähes Ende: Am 25. November 1993 wird das Konkursverfahren eröffnet, wieder eine Traditionsfirma, die von der Bildfläche verschwindet. Wolfgang Scheid geht in den Vorruhestand. Am 31. Juli 2009 verstirbt er.

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