Interview

„Musikschule als Schmiere in der Gesellschaft“

Der Hemeraner Musikschulleiter Martin Niedzwiecki wurde nach 43 Jahren Amtszeit in den Ruhestand verabschiedet.

Der Hemeraner Musikschulleiter Martin Niedzwiecki wurde nach 43 Jahren Amtszeit in den Ruhestand verabschiedet.

Foto: Carmen Ahlers

Hemer.  Nach 43 Jahren als Musikschulleiter ist Martin Niedzwiecki nun ein Ruheständler.

Nach 43 Jahren als Leiter der Musikschule Hemer ist Martin Niedzwiecki mit Beginn der Sommerferien in den Ruhestand gegangen. Er hat viel für die Stadt Hemer und insbesondere die Musikschule geleistet. Wir haben den 65-Jährigen für ein Interview getroffen.

Nach 43 Jahren als Musikschulleiter gehen Sie in den Ruhestand. Wie geht es Ihnen damit?

Mir geht es sehr gut. Ich bin dankbar, dass ich gesund bin und noch eine ordentliche Fitness habe, unter anderem zum Musizieren. 43 Jahre sind eine lange Zeit, aber man muss auch anerkennen, wenn eine Zeit zu Ende geht. Es war meistens eine sehr gute Zeit, und ich bin glücklich, dass ich nicht Schiffbruch erlitten habe. Ich freue mich jetzt einfach auf die Zeit danach. Mir würde es nicht gut gehen, wenn die Musikschule in Gefahr wäre oder wenn es irgendwelche Bestrebungen geben würde, die Musikschule einzuschränken oder wenn nicht genug Personal da wäre.

Wenn Sie an die Anfangszeiten zurückdenken, hätten Sie die Entwicklung der Musikschule so vorgezeichnet? Wie hat sich die Musikschule in über 40 Jahren verändert?

Die Arbeit an der Musikschule war wie in vielen anderen Berufen auch permanent von Veränderung geprägt. Ein sicherer Weg war nicht vorgezeichnet oder erkennbar. Ich hatte das Bestreben, die Musikschule auszubauen und sie an den Bedürfnissen der Hemeraner Kinder und Jugendlichen zu orientieren. Es war mir ein Bestreben, gute Leute zu engagieren, die mit mir diesen Weg gehen. Dennoch hat es in allen Bereichen Veränderungen gegeben, und das Glück hat es gewollt, dass die Musikschule heute solide dasteht.

Zwischendurch ist die Musikschule ja immer wieder in unruhiges Fahrwasser geraten, was hat das für Sie bedeutet? War es ein ständiger Kampf ums Geld?

Ständig kann man nicht sagen, Es gab gute, und auch weniger gute Zeiten. Es fühlt sich für mich an wie in der Bibel. Sieben gute Jahre, sieben schlechte Jahre. Wenn die Haushaltslage nicht gut war, dann war das natürlich ein Kampf ums Geld. Aber es gab mutige Menschen, die dafür gesorgt haben, dass ich nicht alleine war und dass die Musikschule überleben konnte.

Was waren die schönsten, schlimmsten und wichtigsten Momente in Ihrer Zeit in der Musikschule?

Es gab unendlich viele schöne Momente. Jeden Tag das Erlebnis, dass Kinder mit Begeisterung und leuchtenden Augen ein Instrument spielen, die Zusammenarbeit mit einem hervorragenden Kollegium, mit denen ich teilweise nicht nur zusammen gearbeitet habe, sondern auch befreundet bin. Schöne Momente sind auch die, wenn man einen jungen Kollegen einstellen darf, der schon der eigene Schüler gewesen ist. Wichtige Momente waren sicherlich die Umzüge, damals in den alten Pavillon an der Wulfertschule, von der Wulfertschule in das Alte Amtshaus. Es war ein großartiges Erlebnis, als junger Musikschulleiter ein eigenes Musikschulgebäude zu haben. Schlimmes habe ich auch erlebt, als eine Kollegin sehr früh verstorben ist.

Was war Ihnen in Ihrer Zeit als Musikschulleiter immer wichtig?

Mir war es sehr wichtig, einen guten Kontakt zum Kollegium zu halten, das Kollegium zu motivieren, selber mit gutem Beispiel voran zu gehen, insbesondere was eine gute pädagogische Leistung, aber auch eine gute künstlerische Leistung anbetrifft. Deshalb war es für mich auch sehr wichtig, selbst mit meinen Instrumenten Klarinette und Saxofon in der Öffentlichkeit zu stehen und auch in der Orchesterarbeit zusammen mit dem Orchesterverein einiges an aktiver Musik in Hemer beigetragen zu haben.

Gab es Momente, in denen Sie überlegt haben, die Hemeraner Musikschule zu verlassen, um sich einer anderen Herausforderung zu stellen?

Es gab tatsächlich zwei Gegebenheiten, in der mich eine Kommune aus dem Ruhrgebiet abwerben wollte und ich kurz davor war, Hemer zu verlassen. Aber ich kann in der Rückschau nicht bereuen, in Hemer geblieben zu sein. Für mich ist es gut ausgegangen und ich bin froh und dankbar, dass ich so viele Jahre an diesem Platz arbeiten durfte.

Werden Sie der Musikschule in irgendeiner Form weiter erhalten bleiben?

Ja, wenn man mich braucht, bin ich gerne bereit zu helfen. Ich werde aber auf keinen Fall auf der Matte stehen und fragen ‘Klappt es denn mit euch?’ Ich werde geduldig abwarten, ob es der Fall sein wird, dass Aufgaben für mich anstehen. Zunächst werde ich der Musikschule dadurch erhalten bleiben, dass ich in den Vorstand des Fördervereins gewählt worden bin. In meiner neuen Aufgabe werde ich mich um das Sponsoring kümmern. Ich bin Bindeglied zwischen Förderverein und Musikschule. Darüber hinaus, wenn die Kollegen der Musikschule musizieren wollen und gerade das Instrument, das ich spiele, gebraucht wird, werde ich mit großer Freude teilnehmen.

Wie sieht für Sie die Musikschule der Zukunft aus? Müssen andere Prioritäten gesetzt werden, um vielleicht auch zeitgemäß zu sein?

Das ist ein ganz großes Thema. Die Gesellschaft verändert sich, die Familiensituation hat sich verändert. Kinder haben heute vielschichtige Interessen. Der Faktor Zeit spielt eine große Rolle, die Ablenkung ist groß, die Angebote selbst in einer kleinen Stadt wie Hemer sind unglaublich groß. Daher ist es wichtig, dass sich die Musikschule zeitgemäß aufstellt. Wir sind schon dabei mit meinem Nachfolger an einem neuen Programm zu arbeiten und wir haben uns zum Ziel gesetzt, das Thema Rock- und Popmusik aufzunehmen. Außerdem überlegen wir, wie wir uns demnächst in Sachen Kooperation mit Tanz aufstellen. Musikschule wird unter anderem auch bei der Klassik bleiben. Musikschule wird sich aber durch Musizieren mit digitalen Endgeräten aufstellen.

Martin Niedzwiecki persönlich: Sie sind eine durchweg musikalische Familie. Musizieren gelegentlich alle zusammen? Haben Sie ein Lieblingsstück?

Meine Kinder sind ja inzwischen selbstständig. Die haben ihren eigenen Beruf. Sie haben die Liebe zur Musik erhalten. Es kommt leider fast gar nicht mehr dazu, dass wir gemeinsam musizieren. Meine Frau arbeitet als Sängerin in Köln beim Westdeutschen Rundfunk. Ich begleite sie hier und da mal bei einem Liedchen am Klavier. Sie wird auch noch mal bei einem Kirchenkonzert mit uns auftreten. Ein Lieblingsmusikstück habe ich nicht. Es gibt sehr schöne Lieder und große Werke, die ich liebe. Ich bin auch allen Richtungen gegenüber offen – von der Barockmusik bis hin zu moderner Popmusik. Das einzige, womit ich überhaupt nicht mit klarkomme, das ist moderne Klassik, die nach 2010 geschrieben worden und so hypermodern ist, dass es mir beim Anhören dieser Musik jetzt wirklich nicht gut geht.

Was kommt nach 43 Jahren als Musikschulleiter? Wie werden Sie Ihre Zeit verbringen?

Zunächst freue ich mich darüber, mehr Zeit für meine eigene Familie zu haben. Ich werde vieles tun, was ich schon angefangen habe. Das werde ich jetzt fortsetzen mit dem Unterschied, dass ich jetzt ein bisschen mehr Zeit habe. Ich muss nicht nach dem Stundenplan und der Uhr leben. Für mich ist das Hobby Segeln sehr wichtig. Ich werde mehr Zeit auf meinem Segelboot verbringen und mehr wandern. Und ich werde öfter mal zum Skilaufen in die Berge fahren. Das eigene Musizieren werde ich weiterhin intensiv pflegen.

Wenn Sie einen Wunsch frei hätten, was würden Sie sich für die Musikschule in Hemer oder auch für alle Musikschulen wünschen?

Ich würde mir sehr wünschen, dass Musikschulen nicht regelmäßig in der Aufgabenkritik stehen. Das heißt, dass sie immer unterm Strich an den Zuschusszahlen gemessen werden, sondern ich würde mir wünschen, dass noch viel mehr Leute es erkennen, dass Musikschule etwas ganz Wesentliches ist, die auch so ein bisschen die Schmiere in der Gesellschaft darstellt, und dass viele Kinder in die Musikschule kommen können. Die Gebühren sollten so angemessen sein, dass es sich jeder leisten kann und dass keine Kinder ausgegrenzt werden.

Was möchten Sie Ihrem Nachfolger Matthias Brakel mit auf den Weg geben?

Matthias hat eine sehr gute Ausbildung genossen. Es ist ein sehr netter Kollege, der sehr viele Kompetenzen hat. Ich würde ihm auf den Weg mitgeben, dass er ein gutes Händchen hat, seine Mitarbeiter zu führen und dass er eine sympathische Art findet, die Musikschule in der Öffentlichkeit zu präsentieren.

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