Historie

1200 Jahre Stiftskirche in Herdecke – oder doch nicht?

Die ehemalige Stiftskirche St. Marien in Herdecke.

Die ehemalige Stiftskirche St. Marien in Herdecke.

Foto: Privat / WP

Herdecke.  Historiker datieren die Gründung der Stiftskirche auf 819. Aber es soll auch eine Gemeinschaft frommer adliger Frauen 810 gegeben haben.

Interessanter Blick auf das Gründungsdatum: Sowohl in der örtlichen Heimatgeschichte wie auch in der regionalen Geschichtsforschung wird immer wieder das Jahr 819 angeführt. Demnach kann die (ehemalige) Stiftskirche St. Marien in Herdecke jetzt auf eine 1200-jährige Geschichte zurückblicken.

Das Jahr 819 ist in dem 1656 gedruckten zweiten Band der „Annalen des Westfälischen Kreises“ (Annalium Circuli Westphalici liber secundus) des aus Schwerte gebürtigen Geschichtsschreibers Hermann Frey gen. Stangefol (1575 bis ca. 1655) überliefert. Nach neuerer Forschung gilt Stangefol hinsichtlich seiner Angaben als relativ zuverlässig.

Statuten aus 15. Jahrhundert

Allerdings existiert noch ein zweites Gründungsjahr. In den im 15. Jahrhundert niedergeschriebenen Statuten des adligen Frauenstifts Herdecke wird 810 als Jahr der Gründung angegeben. Bei Stangefol wie auch in den Statuten ist aber nicht ausdrücklich die Rede von der Gründung einer Kirche in Herdecke, sondern von der einer Gemeinschaft frommer adliger Frauen. Da ein solcher Konvent aber eine Kirche benötigt, muss entweder zusammen mit dessen Gründung oder kurz danach dort auch eine Kirche erbaut worden sein. Allerdings fehlen sowohl eine Gründungsurkunde als auch zeitgenössische Nachrichten, die eindeutigen Aufschluss über das Datum der Erbauung der Kirche und der Einrichtung des Herdecker Frauenkonvents geben könnten.

Eine in der Mitte der 1990er Jahre durchgeführte architekturgeschichtliche und bautypologische Untersuchung der Kirche hat jedoch ergeben, dass der heutige Kirchenbau noch karolingische Elemente aufweist. Da aber noch in der Frühromanik, also zwischen 960 und 1080, ein weitreichender Rückgriff auf Bautypen karolingischer Architektur erfolgte, ist eine Erbauung der Marienkirche zu Beginn des 9. Jahrhunderts, entsprechend den überlieferten Gründungsdaten 810 und 819, ebenso möglich wie eine Errichtung irgendwann zwischen dem 9. und 11. Jahrhundert.

Historisches Monument

Doch gleichgültig, ob 810 oder 819, ob 9. oder 11. Jahrhundert, die Herdecker Marienkirche ist auch mit mindestens „bloß“ rund 1000 Jahren Geschichte nicht nur das weitaus älteste Bauwerk in der Stadt, sondern auch ein historisches Monument von erheblicher Bedeutung. Der Kirchenbau, der bis heute insgesamt neun Phasen von mehr oder weniger umfangreichen baulichen Änderungen erlebt hat, gibt nämlich im echten Wortsinn anschaulich Zeugnis von dem Stilwandel im Laufe der Zeit und den jeweiligen veränderten gesellschaftlichen Verhältnissen. So war zum Beispiel die mit der 1862-1864 durchgeführten Restaurierung begonnene historistisch-neuromanische Umgestaltung des Gebäudes nicht nur durch die damalige Mittelalterbegeisterung und das zeitgenössische neoromanische Stilempfinden bedingt, sondern auch Ausdruck der damaligen zeittypischen Konkurrenzsituation zwischen Protestanten und Katholiken am Ort.

Auf protestantischer Seite wollte man sich mit der Neo-Romanisierung der längst als evangelische Gemeindekirche genutzten früheren Stiftskirche nämlich bewusst von der gleichzeitig im neo-gotischen Stil erbauten katholischen Pfarrkirche St. Philippus und Jakobus absetzen. Dieser Prozess der Betonung des konfessionellen Andersseins und der Abgrenzung fand dann mit der Errichtung ebenfalls im neo-romanischen Stil des Kirchturms 1901-1902 an der ehemaligen Stiftskirche seinen sichtbaren Abschluss.

Bedeutendes Kunstwerk

Doch nicht nur das sich heute als dreischiffige querschifflose Pfeilerbasilika aus der Zeit der Spätromanik präsentierende Kirchengebäude besitzt als solches einen hohen historischen Wert. Auch im Innern bewahrt es einen ganz besonderen historischen Schatz. Es handelt sich um die im späten 14. oder im 15. Jahrhundert nachträglich angefertigte steinerne Grabplatte der Stiftsgründerin Frederuna. Darauf ist in Ritzzeichnung eine Frauengestalt in Nonnenkleidung und mit gefalteten Händen dargestellt. Der elegante Gesamtschwung der Linien des Bildnisses sowie die ziemlich korrekte anatomische Darstellung und die gelungene Körperproportion weisen dieses Kunstwerk als eine spätgotische Arbeit von ausgesprochen hoher künstlerischer Qualität aus.

Beinahe verschwunden

Dass die ehemalige Stiftskirche all das bis heute überdauert hat, ist aber schon ein kleines Wunder. Um 1750 war sie beispielsweise eine dachlose und baufällige Ruine, die 1814 zeitweilig sogar als Pferdestall benutzt wurde. 1828 beschloss das Presbyterium schließlich den Abriss. Den hat dann aber vor allem der preußische Staatskonservator Ferdinand von Quast in Erkenntnis der großen historischen Bedeutung dieses im Wesentlichen noch mittelalterlichen Kirchenbaus verhindert.

So oder so: Bei der Stiftskirche handelt es sich um ein bedeutendes historisches Monument für den Ort und seine Geschichte.

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