Historischer Stammtisch

Als die Bahnsteigkarte in Wetter noch zehn Pfennige kostete

Liefert Stoff für Anekdoten: der kleine Kiosk in einem Pfeiler des einstigen Bahnübergangs.  

Liefert Stoff für Anekdoten: der kleine Kiosk in einem Pfeiler des einstigen Bahnübergangs.  

Foto: Foto: Archiv Wolfgang heidtmann

Wetter.  Erinnerungen an den kleinen Kiosk in einem Brückenpfeiler und andere Anekdoten rund um den Bahnhof standen im Fokus des Historischen Stammtisches.

Ein Bierkeller im Felsen und ein Kiosk im Brückenpfeiler, ein Amsterdam-Express und Waggonöl für die Rollschuhe – viele Erinnerungen an Außergewöhnliches und Alltägliches wurden wach, als die Teilnehmer des Historischen Stammtisches Wetter jetzt zum letzten Mal vor der Sommerpause im Café 1898 zusammenkamen. Im Mittelpunkt ihrer gedanklichen Reise in die Vergangenheit: der Bahnhof. Mit dieser Folge beschließt die Redaktion ihre Serie „Weißt Du noch...?“, mit der sie die ersten Treffen des Historischen Stammtisches begleitete.

„Emil Kuhler hatte einen Getränkevertrieb in der Bahnhofstraße, an den auch ein Bierkeller im Felsen oberhalb des Bahnhofs angrenzte. Dort, wo jetzt das Hochhaus gegenüber von Optik Kerssen steht. Und wenn wir Kinder Schützenfest feierten, dann spendierte er uns immer Limo“, erzählte Antje Waskönig und zeigte ein Schwarz-Weiß-Foto, auf dem es nur so wimmelt vor Kindern. „Schützenkönig war damals Uli Bernhard, und daneben sieht man die Königin, das ist meine Schwester Elke Elkemann“, ergänzte die Wetteranerin. Stammtisch-Nachbar Peter Brzozowski erklärte: „Schützenfeste waren eigentlich Nachbarschaftsfeste von Eltern für die Kinder. Für die Feste machten die Mütter dann immer einen Riesentopf Kartoffelsalat; und gefeiert wurden sie überall in der Stadt.“ Wolfgang Heidtmann nickte: „Genau; denn damals in den 1950er Jahren gab es noch viele Kinder. In einem Haus, in dem heute drei Familien wohnen, wohnten früher sechs Familien.“

Kiosk im Pfeiler

Der Name Kuhler weckte bei Helmut Schuchardt noch ganz andere Erinnerungen: „Fritz Kuhler hatte einen Kiosk in einem Pfeiler des Übergangs über der Eisenbahnlinie. Der saß da in dem Pfeiler und verkaufte die Zigaretten einzeln für fünf Pfennige das Stück. Jeden Tag ging er mit zwei Koffern nach Hause, weil er Angst hatte, beklaut zu werden.“ Gerda Lamle nickte zustimmend und meinte: „Als Kinder sind wir immer auf den Übergang gerannt und standen dann mitten im Dampf.“ „Oder wir versuchten, in den Schornstein der Züge zu spucken“, ergänzte Betti Franke schmunzelnd.

Zum Bahnhof sei regelmäßig auch der Spediteur Gundermann gefahren, um dort Pakete an der Güterabfertigung in Empfang zu nehmen, berichtet Helmut Schuchardt. Für diejenigen, die sich nicht mehr erinnern: In der Fortsetzung des Bahnhofsgebäudes in Richtung Witten, wo heute das Parkhaus steht, befand sich einst ein Güterbahnhof. „Gundermann kam immer mit einem Borgward oder einem ähnlichen Gefährt zum Bahnhof. Wir durften jedenfalls als Kinder auf der Ladefläche mitfahren, wenn er durch ganz Wetter fuhr und die Pakete verteilte. Das war für uns Abenteuer pur.“

Antje Waskönig dagegen war am Bahnhof oft mit ihren Rollschuhen unterwegs. Deswegen weiß sie auch noch sehr genau, dass an den Achsen der Eisenbahnwaggons kleine eiserne Behälter mit Öl befestigt waren: „Das war zum Ölen der Achsen bestimmt. Die Kinder von der Bahnhofstraße wussten das natürlich und haben mit dem Öl ihre Rollschuhe gefettet. Anschließend konnten wir viel schneller als vorher die Bahnhofstraße runtersausen.“ Wer keine Lust auf Bewegung hatte, der kam damals einfach zur Riesenkastanie, die auf dem Platz vor dem Bahnhof stand. „Da haben wir als Kinder schon gesessen, und später hat sich auch unsere Tochter Kathrin mit ihren Freunden unter dem Baum getroffen“, erzählte Wolfgang Heidtmann.

D-Zug nach Amsterdam

Jede Menge Erinnerungen teilten die Stammtisch-Teilnehmer auch an den einstigen Zug- und Güterzugverkehr im wetterschen Bahnhof. „Also zunächst mal musste man eine Bahnsteigkarte lösen, wenn man jemanden zum Zug brachte. Das kostete zehn Pfennige“, berichtete Gerda Lamle. „Und zwei Mal am Tag fuhr der D-Zug von Wetter nach Amsterdam“, so Wolfgang Heidtmann und fuhr schmunzelnd fort: „Der hielt dann zwar überall an, und es dauerte eine Weile. Aber irgendwann kam man in Amsterdam an.“

Schon jetzt freuen sich die Stammtisch-Teilnehmer auf das Wiedersehen nach den Ferien. Und sie haben auch schon eine Idee, welches Bauwerk dann im Fokus ihrer Erinnerungen stehen könnte: die Overwegbrücke. Gerda Lamle: „Da habe ich noch schöne Fotos aus dem Archiv meines Mannes von der alten Brücke, die ja im Krieg dann kaputt war. Danach gab es mal einen Steg, eine Fähre und irgendwann den Neubau, der übrigens im Beisein vieler Wetteraner eingeweiht wurde.“

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