Ruhr-Serie

Arbeitskreis will Bergbau-Erinnerungen am Leben halten

Mit Forscherdrang durch den Schlebuscher Erbstollen: Marco Kiessler (hinten) und weitere Mitglieder des hiesigen Bergbau-Arbeitskreises im Flöz Wasserbank.

Mit Forscherdrang durch den Schlebuscher Erbstollen: Marco Kiessler (hinten) und weitere Mitglieder des hiesigen Bergbau-Arbeitskreises im Flöz Wasserbank.

Foto: privat

Wetter/Herdecke.   Carsten Säckl und Marco Kiessler vom Bergbau-Arbeitskreis Wetter/Herdecke erforschen mit großer Neugier den Schlebuscher Erbstollen und mehr.

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Bergbau, Ruhr und das dazugehörige Gebiet: Wer an diesem Fluss oder im Pott lebt, kennt die Zusammenhänge dieses historischen Dreiklangs. Dabei speist sich dieser vielerorts eher aus Erinnerungen, von der Boomzeit im 19. Jahrhundert gerade in Wetter ist nicht mehr viel übrig. Damit diese Geschichte trotz des Strukturwandels im Gedächtnis bleibt, engagieren sich Ehrenamtliche seit knapp 35 Jahren im Förderverein Bergbauhistorischer Stätten.

Unter Tage ist es eng und schmutzig

Eine bergbauliche Zeitreise erwartet den Besucher von Graf Wittekind. Jeden Samstag sind hier Führungen durch den viele hundert Jahre alten Stollen möglich.
Unter Tage ist es eng und schmutzig
WAZFotoPool

Im seit 1999 bestehenden Arbeitskreis Wetter/Herdecke, der jeden dritten Dienstag im Monat um 19 Uhr im Burghotel Volmarstein zusammen kommt, machen Marco Kiessler und Carsten Säckl seit 2001 mit. „Unser Interesse am Bergbau existiert schon seit Kindheitstagen, da sind wir auf der Hasper Hütte ‘rumgeturnt“, sagt der Hagener Kiessler (45). Sein ein Jahr älterer Kumpel, ein gelernter Bergmann von der Zeche Monopol in Bergkamen, erinnert sich an die Anfangstage. „Wir haben uns erkundigt, ob es in Sachen Bergbau-Geschichte weitere Spinner wie uns gibt“, berichtet Säckl. „Uns gefällt immer noch, dass wir in Wetter und Herdecke auch unter Tage aktiv sein können.“

Damit meint er vor allem den Schlebuscher Erbstollen, der längste und einst wichtigste seiner Art im Ruhrgebiet. Was 1765 begann und 1967 mit der Stilllegung des Albringhauser Steinkohlenbergwerks Neu-Wülfingsburg endete, begeistert Säckl und Kiessler. Der Arbeitskreis stemmte in diesem zwölf Kilometer langen Erbstollen zwischen Wetter und Sprockhövel (übrigens im Besitz der AVU) Reparaturarbeiten, richtete einen Notausgang ein, entfernte vor zwei Jahren mit THW-Tauchern Wurzelwerk und sanierte einen Fahrschacht oder öffnete ein Lichtloch, um mit einer Leiter 35 Meter in die Tiefe zu gelangen. Kiessler: „Wir wollen in dieser größten offen stehenden Anlage noch sehr viel erforschen.“

Spezialausrüstung notwendig

Das ist beileibe kein Zuckerschlecken. Kalt, eng, riskant. „Wir tragen immer Spezialausrüstung wie Neoprenanzug, Stahlkappenschuhe mit durchtrittsicherer Sohle, Knie- und Schienbeinschutz, Helm und eine wasserdichte Kopfleuchte“, berichten die zwei Bergbau-Erkunder. Befahrungen im Stollen und fallenden Gebirge können für Unkundige nicht nur wegen drohender Unterkühlung sehr gefährlich sein. Das liegt an vor allem an CO2 und scharfen Gegenständen unter Wasser.

Dennoch wäre es ein „Frevel“, den Schlebuscher Erbstollen als größte offen stehende Anlage nicht zu zeigen, so Kiessler. Dank guter Pläne vom Bergamt Dortmund arbeiten sich die Vereinsmitglieder durch den Stollen, wobei ihre magnetischen Messungen neue Erkenntnisse brachten. Teilweise geht es im Zick-Zack-Kurs durch den Stollen, der seit mehr als 200 Jahren mehrere Kohleabbaugebiete entwässert.

Apropos: „Die Ruhr in direkter Nähe hatte für den Bergbau auch in dieser Region eine große Bedeutung“, sagt Kiessler. Als im Mittelalter wahrscheinlich Bauern die erste Kohle hier fanden, trieb Wasserkraft die Schmieden an. Die Grabungen in den Stollen gingen immer tiefer. „Am tiefsten Punkt war hier dann die Ruhr erreicht, so entstand über den Schlebuscher Erbstollen von unten nach oben ein effektives Entwässerungssystem für etwa 30 bis 35 Zechen bis nach Silschede“, so Säckl. Laut Kiessler geht es nahe der Ruhr recht flach in den Berg hinein: „Da sieht man, welch große Ingenieurskunst dahinter steckt.“ Davon profitierte etwa auch die Zeche Trappe, zwischen 1780 und 1830 die größte im Ruhrgebiet.

Wichtig für den Transport

Wichtig war der Fluss auch als Transportweg. Was über Kohlebahnen begann, brauchte wegen steigender Fördermengen größere Lösungen. Doch erst 1778 war die Ruhr nach Ausbaggerungen bis Wetter, wohin 1779 das Bergamt wegen des intensiven Abbaus verlegt wurde (1784 wurde der Freiherr vom Stein Direktor), schiffbar. „Bis 1800 war die Ruhr wohl der meist befahrenste Fluss, gerade Witten war ein wichtiger Umschlagplatz“, meint Kiessler. Doch im 19. Jahrhundert wurde die Schifffahrt zwischen Langschede und Herdecke wieder eingestellt, da sich der Betrieb nicht mehr rentierte und dann das Zeitalter der Eisenbahnen begann. Der Kohletransport wurde Ende des 19. Jahrhunderts auf der Ruhr dann ganz eingestellt.

In Konkurrenz zum Schle­buscher stand laut Säckl der knapp drei Kilometer lange Markana-Stollen in Wengern (Stahlwerk-Gelände). „Bei Markana gab es wohl kein großes Kohle-Vorkommen, die Betreiber waren wohl auch nicht für einen logischen Querschlag zum Schlebuscher Stollen bereit.“ So sei auch die Insolvenz 1913 erklärbar.

Während Wetter als bergbaureiches Gebiet galt, war in Herdecke weniger los. Dennoch kümmert sich der hiesige Arbeitskreis heute auch um einige Kleinzechen dort. Etwa den Gotthilf-Stollen am Schiffswinkel, auf den vor mehr als 20 Jahren Peter Altmaier und der verstorbene Hans-Walter Klisch aufmerksam wurden. Dieser Stollen mit dem Steinkohleflöz Sengsbank war von 1822 bis 1846 mit Unterbrechung im Betrieb. „Derzeit restaurieren wir den, die ersten zehn Meter sind begehbar, da gibt es in Sachen Sicherheit aber noch einiges zu tun“, berichtet Säckl. Bis 2017 wollen die Ehrenamtler dort einiges fertig stellen: „Gotthilf war wohl eher so eine Art Versuchsstollen, um zu gucken, ob und wo die Kohle da vorkommt.“

Tür im Zillertal restaurieren

Unweit des Gewässers ist auch heute noch im Zillertal an der Stadtgrenze Wetter-Herdecke der Eingang zum Eulalia-Stollen (benannt nach einer Gewerkschaft) zu sehen. „Dieser wurde angelegt, um von der anderen Seite, am Höhenrücken des Harkortbergs, zur Ruhr zu kommen und von dort die Kohle verschiffen zu können“, sagen Kiessler und Säckl. „Der Durchbruch bzw. die Verbindung zum anderen Zugang hat aber nicht funktioniert.“ Das zugeschweißte Tor an der Kaiserstraße will der Arbeitskreis nach Absprachen u.a. mit dem Bergamt restaurieren, um rund 100 Meter in den Hang hineingehen zu können.

„Neugier und Forscherdrang sind unabdingbar“, sagen Säckl und Kiessler, die zugeben: „Ein bisschen verrückt sind wir schon.“

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